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Hintergrund: Kirgistans Weg ins Chaos

Weit über hundert Menschen sind tot, manche Quellen sprechen sogar von 700 Opfern der blutigen Unruhen in Kirgistan. Einige Fragen und Antworten zu den Hintergründen der Vorgänge in der zentralasiatischen Republik.

Die ehemalige Sowjetrepublik Kirgistan wird von den schwersten Unruhen zwischen verschiedenen Volksgruppen seit zwei Jahrzehnten erschüttert. Bei dem Gewaltausbruch nur wenige Wochen nach dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew im April wurden bisher mehr als 100 Menschen getötet und über 1.000 verletzt. Zehntausende flohen über die Grenze nach Usbekistan. Einige Fragen und Antworten zu den Hintergründen.

Was war der Auslöser der Gewalt?

Die Auseinandersetzungen entbrannten dem Vernehmen nach in Osch, der zweitgrößten Stadt des Landes im Süden, aus zunächst belanglosen Streitereien und schaukelten sich rasch zu offenen Straßenschlachten zwischen Gruppen junger Männer hoch. Wohn- und Geschäftshäuser wurden geplündert und gebrandschatzt, binnen Stunden kam es am Freitagmorgen in der ganzen Stadt zu Schießereien. Gruppen von Kirgisen griffen Angehörige der usbekischen Minderheit an - nach Darstellung einiger als Vergeltung für Attacken auf ihre Volksgruppe.

Die Zusammenstöße griffen auf das zwei Autostunden entfernte Dschalal-Abad über. Vertreter der Übergangsregierung argwöhnen, dass sich die Krawalle ohne eine lenkende Hand im Hintergrund nie so schnell hätten ausbreiten können. Sie werfen Kreisen um den gestürzten Präsidenten Bakijew vor, die Unruhen geschürt zu haben.

Woher rühren die ethnischen Spannungen?

Das fruchtbare Ferghana-Tal, in dem Osch und Dschalal-Abad liegen, gehörte einst einem einzigen Feudalherrn, bis es der sowjetische Diktator Josef Stalin unter Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan aufteilte. Die Grenzziehung ließ alte Rivalitäten und Spannungen wieder aufflammen. Beide Volksgruppen sind überwiegend sunnitische Muslime. Die Usbeken stehen im Allgemeinen wirtschaftlich besser da, haben aber kaum Machtpositionen inne und dringen schon länger auf mehr politische und kulturelle Rechte.

In der Endphase der Sowjetunion führten Streitereien um fruchtbares Land in Osch schon einmal zu ethnischen Zusammenstößen, denen Hunderte Menschen zum Opfer fielen. Nur das rasche Eingreifen sowjetischer Truppen erstickte 1990 die Unruhen. Einwohner der Region beteuern allerdings, dass Usbeken und Kirgisen heute friedlich zusammenlebten und dass Kräfte, die auf Destabilisierung des Landes aus seien, sich die historischen Differenzen zunutze machen wollten.

Wie reagiert die Regierung?

Die Übergangsregierung hat in den am stärksten betroffenen Gebieten den Notstand verhängt; Polizei und Streitkräfte sind nach Darstellung von Einheimischen allerdings mit dem Ausmaß der Unruhen überfordert. Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa bat Russland vergeblich um die Entsendung von Friedenstruppen. Die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), eine regionale Staatenorganisation mit Russland als führendem Mitglied, wollte am Montag über die Entsendung einer gemeinsamen Friedensmission beraten.

Wie sieht der politische Hintergrund der Krise aus?

Kirgistan wird derzeit von einer wackeligen Koalition unterschiedlicher politischer Kräfte regiert, die sich Anfang des Jahres in Opposition gegen Bakijew verbündeten. Dank der weit verbreiteten Abneigung gegen Bakijew konnte die Regierung auf Unterstützung der Öffentlichkeit bauen. Doch der Eindruck der Unentschlossenheit und Anzeichen interner Streitigkeiten haben viele bereits enttäuscht. Mit einer Volksabstimmung über eine neue Verfassung am 27. Juni hoffte die Übergangsregierung ihre Position zu festigen, doch es wird immer unwahrscheinlicher, dass diese Abstimmung tatsächlich stattfindet.

Wie reagiert die Staatengemeinschaft?

Den größten Grund zur Sorge haben die USA und Russland, die beide Militärstützpunkte in Kirgistan unterhalten. Über den Luftstützpunkt Manas, das US-Drehkreuz für Afghanistan, sollen Lebensmittel und medizinische Hilfsgüter eingeflogen werden. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon lässt prüfen, wie die Vereinten Nationen den Flüchtlingen helfen können. Russland hat zum Schutz seines Stützpunkts zusätzliche Soldaten entsandt.

APN / APN