VG-Wort Pixel

Im Rampenlicht der Politik Frankreichs Ex-Staatschef Jacques Chirac wird 80


Eine zweijährige Bewährungsstrafe wegen Vorteilsnahme und vor einigen Jahren ein Schlaganfall: Jacques Chirac kann auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. Heute wird er 80 Jahre alt.

Mehr als 40 Jahre lang stand Jacques Chirac im Rampenlicht der Politik. Er war Bürgermeister von Paris, mehrfach Minister, zwei Mal Premierminister und leitete schließlich zwölf Jahre lang als Präsident die Geschicke seines Landes. Doch seit einem Schlaganfall ist der konservative Politiker, der am Donnerstag 80 Jahre alt wird, gesundheitlich schwer angeschlagen und läßt sich nur noch selten in der Öffentlichkeit blicken.

Einen dauerhaften Schatten auf Chiracs Lebenslauf wirft seine Verurteilung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen Vorteilsnahme und Veruntreuung im vergangenen Dezember. Dabei ging es um Scheinarbeitsplätze im Pariser Rathaus Anfang der 90er Jahre, als er Bürgermeister war. Jahrelang konnte die Justiz dem Politiker nichts anhaben, weil er als Präsident Immunität genoss. Erst nach der Wahl seines Nachfolgers Nicolas Sarkozy zum neuen Staatschef im Mai 2007 wurde Chirac vor Gericht gestellt - als erster Präsident der Fünften Republik.

Seiner Popularität schadete das Urteil nicht wirklich, einen Monat später hatten immerhin noch 59 Prozent der Franzosen eine "gute Meinung" von ihrem früheren Präsidenten. Chirac stammt zwar aus einer Pariser Bankiers-Familie und hat gleich zwei der französischen Eliteschulen absolviert, das Pariser Institut für Politikwissenschaft und die Verwaltungshochschule ENA.

Chirac mag Bier lieber als Champagner

Doch der Konservative bemühte sich stets um Volksnähe. Er trinkt lieber Bier als Champagner und liebt deftige Gerichte. Mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) etwa diskutierte Chirac mehrmals im Elsass bei Sauerkraut und Kalbskopf über die EU-Politik. Bei der jährlichen Pariser Landwirtschaftsmesse konnte er stundenlang Spezialitäten kosten, sich die Sorgen der Bauern anhören und Kühen das Hinterteil tätscheln. Bei Besuchen in der Provinz genoss der Konservative das Bad in der Menge und verteilte großzügig Küsschen an fähnchenschwenkende Kinder.

Seine politischen Gegner sahen hinter der bodenständigen, volksnahen Fassade vor allem einen berechnenden Machtmenschen, einen "Killer", der nicht zögerte, Konkurrenten kalt zu stellen. Sie warfen dem großgewachsenen Politiker zudem Sprunghaftigkeit und Unbeständigkeit vor.

Außenpolitisch fuhr Chirac mit seiner Vorstellung eines unabhängigen und starken Frankreichs im Kielwasser von Republikgründer Charles de Gaulle. In den Annalen wird wohl sein Widerstand gegen den Irak-Krieg im Jahr 2003 bleiben, mit dem Chirac dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush die Stirn bot. Innenpolitisch schrieb Chirac Geschichte, als er im Juli 1995 als erster französischer Präsident die Mitverantwortung Frankreichs für die Deportation von zehntausenden Juden eingestand.

Ein Schlaganfall veränderte sein Leben

Der am 29. November 1932 in Paris geborene Politiker ist seit 1956 mit der Landadeligen Bernadette Chaudron de Courcel verheiratet, mit der er zwei Töchter hat. 1979 adoptierte das Paar ein vietnamesisches Mädchen, das mit "Boat People" nach Frankreich geflüchtet war.

Als ehemaliger Staatschef wurde Chirac im Mai 2007 automatisch Mitglied im französischen Verfassungsrat. An dessen Sitzungen kann er aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes kaum teilnehmen. Er verbringt heute viel Zeit zurückgezogen in seinem Landschlösschen im mittelfranzösischen Département Corrèze, wo er in den 60er Jahren als Abgeordneter seine politische Karriere begann. Dies verbindet ihn mit dem heutigen Staatschef François Hollande, der ebenfalls politisch in der Corrèze verwurzelt ist.

Für etwas Wirbel sorgte Chirac, als er vor der Präsidentschaftswahl im Frühjahr verkündete, er werde für den Sozialisten Hollande stimmen. Ob dies ein Scherz war, wie Chiracs konservative politische Freunde rasch beteuerten, wird wohl das Geheimnis des 80-Jährigen bleiben.

Julia Hartlieb, AFP AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker