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Innerkoreanischer Konflikt: Der Norden droht mit weiteren Angriffen

Nordkorea hat offenbar die Grenzgewässer zum Süden beschossen - bei dem Angriff wurden zahlreiche Menschen verletzt. Der kommunistische Norden droht mit weiteren Attacken, sollte der Süden die Seegrenze missachten.

Der seit Monaten schwelende Konflikt zwischen Nord- und Südkorea spitzt sich weiter zu. Pjöngjang feuerte nach südkoreanischen Angaben Dutzende Artilleriegeschosse an der umstrittenen Seegrenze ab, dabei wurden Militärangaben zufolge zwei Soldaten getötet. Ein Generalstabsvertreter erklärte, zahlreiche Geschosse seien auf der Insel Yeonpyeong und ins Gelbe Meer nahe der Westgrenze eingeschlagen. Südkorea habe das Feuer erwidert.

Den südkoreanischen Angaben zufolge wurden fünf Soldaten schwer und zehn weitere leicht verwundet. Auch drei Inselbewohner seien verletzt worden. Dutzende von Häusern seien in Brand geraten, hieß es aus Militärkreisen. Im Fernsehen war von 50 bis 60 brennenden Gebäuden die Rede. Auf den Bildern sah man, wie dunkle Rauchwolken von den beschädigten Gebäuden aufstiegen. Die etwa 1600 Inselbewohner seien in Sicherheit gebracht worden. Zahlreiche Bewohner flohen mit Booten von der Insel. Die Behörden sprachen von chaotischen Zuständen. "Häuser und Berge brennen", sagte ein Bewohner im Fernsehen. Die Menschen fürchteten sich zu Tode.

"Ernste" Antwort auf den nordkoreanischen Beschuss

Südkorea warf dem kommunistischen Nachbarland eine "klare militärische Provokation" vor und warnte vor schweren militärischen Gegenschlägen für den Fall weiterer Angriffe. "Nordkorea muss die volle Verantwortung für den Angriff übernehmen", hieß es in der Erklärung des Präsidialamts in Seoul. Der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak ordnete eine "ernste" Antwort auf den nordkoreanischen Beschuss an, wie aus seinem Umfeld verlautete. Zugleich solle sichergestellt werden, dass die Situation nicht eskaliere.

Der Zwischenfall ereignete sich während eines südkoreanischen Manövers in der Region. Die nordkoreanischen Streitkräfte hätten den Süden aufgefordert, die Übung zu stoppen, erklärte ein Generalstabsvertreter. Nach Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA drohte das Oberkommando der nordkoreanischen Streitkräfte mit einer Fortsetzung der Angriffe: "Sollte die südkoreanische Marionettengruppe es wagen, auch nur 0,0001 Millimeter in Nordkoreas Hoheitsgewässer vorzudringen, wird die revolutionäre Streitmacht nicht zögern, weiter gnadenlose militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen", heißt es in einer Erklärung des nordkoreanischen Truppenkommandos.

Der Norden erkennt die Seegrenze nicht an

Die Regierung in Pjöngjang erkennt die von den Vereinten Nationen zum Ende des Koreakrieges 1953 einseitig gezogene Seegrenze zwischen beiden Staaten nicht an. In den vergangenen Jahren haben sich die beiden Länder drei blutige Gefechte geliefert, zuletzt im November vergangenen Jahres. Die Spannungen hatten sich im März nach dem Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs "Cheonan" zugespitzt, bei dem 46 Seeleute ums Leben kamen. Internationalen Ermittlern zufolge wurde die "Cheonan" von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt. Nordkorea hat jede Verantwortung für den Zwischenfall zurückgewiesen.

Erst vor wenigen Tagen hatte Pjöngjang einem amerikanischen Atomexperten zufolge die Fertigstellung einer neuen Anlage zur Urananreicherung verkündet. Der frühere Leiter des US National Laboratory in Los Alamo, Siegfried Hecker, erklärte, er habe das Werk im Kernforschungszentrum in Yongbyon kürzlich besichtigt. In der Anlage seien erst vor kurzem 2000 Zentrifugen installiert worden. Nordkorea produziere dort nach eigenen Angaben auf niedrigem Niveau angereichertes Uran für einen neuen Reaktor.

Die mit Seoul verbündete US-Regierung hat den Artillerieangriff Nordkoreas verurteilt. Pjöngjang müsse sein aggressives Handeln beenden und sich an die Vorgaben der nach dem Koreakrieg getroffenen Waffenstillstandsvereinbarung halten, erklärte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs.

"Wichtig, dass es nicht zur Eskalation kommt"

Russland hat beide Länder zur Besonnenheit aufgerufen. "Es ist wichtig, dass es nicht zur Eskalation kommt", sagte ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter des Außenministeriums in Moskau nach Angaben der Agentur Interfax. "Die Lage darf sich nicht weiter verschärfen." Wegen der zunehmenden Spannungen in der Region hatte Russland bereits vor Monaten seine militärische Präsenz im Grenzgebiet zu Nordkorea erheblich verstärkt.

Auch China zeigt sich besorgt über das Granatfeuer. Der Sprecher des Außenministeriums in Peking, Hong Lei, sagte, die Umstände des Zwischenfalls müssten geklärt werden. Er forderte beide Seiten zur Zurückhaltung auf: "Wir hoffen, die betreffenden Parteien handeln auf eine Weise, die dem Frieden und der Stabilität auf der koreanischen Halbinsel dienlich ist."

Bosworth unterrichtet China

China wolle seine Konsultationen mit den anderen Parteien in dem Sechser-Prozess für eine atomare Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel fortsetzen. Nach Gesprächen in Südkorea und Japan traf der amerikanischen Sonderbotschafter für Nordkorea, Stephen Bosworth, in Peking ein. Er will China auch von den neuen Erkenntnissen der USA über eine fortgeschrittene Uran-Anreicherung in Nordkorea unterrichten.

Vor dem Abflug in Tokio sagte Bosworth vor Journalisten, eine Wiederaufnahme der eingefrorenen Sechs-Parteien-Gespräche mit Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Japan und Russland "kann nicht in Erwägung gezogen werden, während aktive Programme laufen".

DPA/AFP/DAPD/nik / DPA