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Interview mit David Rothkopf: "Wir verletzen die Ideale Amerikas"

Der Sieg der USA im "Krieg gegen den Terror" scheint ferner denn je. Der Washingtoner Politik-Insider und Buchautor David Rothkopf spricht im stern.de-Interview über die Fehler der Regierung Bush und das mächtigste Komitee der Weltgeschichte.

Herr Rothkopf, warum sollten sich Menschen in Deutschland für den Nationalen Sicherheitsrat der USA interessieren?

Der Sicherheitsrat ist das mächtigste Komitee der Weltgeschichte. Ihm gehören der Präsident, der Vizepräsident, der Verteidigungs- und der Außenminister sowie der Nationale Sicherheitsberater an. Es ist eine ganz kleine Gruppe, die meisten sind seit vielen Jahren miteinander bekannt. Dazu kommen rund 200 Mitarbeiter des Stabes, Experten für alle Länder der Welt. Und faktisch regiert der Nationale Sicherheitsrat die Welt. Seine Entscheidungen beeinflussen das Leben von Milliarden Menschen. Dieses kleine Komitee kann entscheiden, eine Regierung am anderen Ende der Welt zu stürzen. Oder Flugzeugträger irgendwo hin zu schicken. Oder Wirtschaftssanktionen zu verhängen. Niemand kann das verhindern. Weder die Uno noch Verbündete.

Wie funktioniert der Nationale Sicherheitsrat unter Präsident Bush?

In jedem Fall schlechter als früher. Es begann unter Condoleezza Rice. Der Job des Nationalen Sicherheitsberaters besteht ja einerseits darin, den Präsidenten zu informieren, ihn zu unterstützen. Andererseits muss der Nationale Sicherheitsrat unabhängig arbeiten, seine Analysen vorlegen. Condoleezza Rice hat ihre Aufgabe offenbar anders verstanden.

Wie?

"Ich bin das Baby der Gruppe", sagte sie mir in einem Gespräch. Sie fühlte sich als Jüngste unter all´ den Schwergewichten wie Cheney, Rumsfeld und Powell. Und fand ihre Rolle offenbar darin, sich eng an den Präsidenten anzulehnen. Sie verbrachte sechs, sieben Stunden am Tag mit ihm. Sie war auf allen Reisen dabei, trainierte mit ihm im Fitness-Studio. Sie sind einander unglaublich nah. Einmal mussten die beiden unerkannt aus dem Weißen Haus gebracht werden, um den Truppen im Irak einen Überraschungsbesuch abzustatten. Sie hatten Baseballkappen übergezogen, fuhren in einem zivilen Auto. Bush soll damals gesagt haben: "Jetzt sehen wir aus wie ein normales Paar." Dazu kommt Vizepräsident Richard Cheney mit einem eigenen Stab für nationale Sicherheit, mindestens 15 Mann groß. So etwas gab es nie. Cheney war der eigentliche Sicherheitsberater in der ersten Amtszeit Bush. Und sie trauten Außenminister Colin Powell und seinem Team nicht.

Wie veränderte sich die Politik?

Sie wurde ideologisch. Und das ist immer problematisch, denn Ideologie verhindert echte Diskussion. Es ist kein Platz mehr für Zweifel, für echte Argumente. Es gibt nur noch Richtig oder Falsch, Gut oder Böse. Wer vom angeblich guten Pfad abweicht, begeht Sünde. All dies ist sehr gefährlich.

In dieser Atmosphäre lässt man Ereignisse wie in Guantanamo und Abu Ghraib geschehen?

Ja. Das erwünschte Ergebnis rechtfertigt die Mittel. Doch wir sollten endlich erkennen: der 11. September veränderte gar nicht die ganze Welt. Er veränderte uns, die Amerikaner. Wir haben immer mehr Angst vor dem Rest der Welt. Wir verstehen immer weniger von der Welt. Warum hasst man uns? Wir schließen unsere Grenzen – auch für die Guten und die Klugen, die zu uns kommen wollen. Wir betrachten die Welt immer mehr als Gefahr.

Kann der Krieg gegen den Terrorismus durch den Export von Demokratie gewonnen werden?

Zunächst einmal: Terror ist eine Taktik - Terror ist kein Feind. Ja, wir können einen Diktator wie Saddam Hussein stürzen. Aber wir können einem Land unser System nicht aufzwingen. Demokratie muss von selbst wachsen. Afghanistan ist ein anderes Beispiel: Dieses Land ist faktisch ein amerikanisches Protektorat – und zugleich der größte Heroin-Produzent der Welt! Wir beschützen ein Land, das Heroin produziert. Was hat das mit dem Krieg gegen Terror zu tun?

Wie verwundbar ist Amerika heute?

Wir sind der Goliath unserer Zeit...

... der biblische Riese, der vom Hirtenjungen David durch einen Schlag mit der Steinschleuder bezwungen wurde.

Ja, wir sind genau so mächtig, aber auch genau so verwundbar wie Goliath. Durch unsere Taten haben wir unseren eigenen Führungsanspruch doch längst in Frage gestellt. Noch vor 60 Jahren, am Ende des Zweiten Weltkrieges entschieden wir uns, Europa wiederaufzubauen und die Vereinten Nationen zu gründen. Wir wollten Zusammenarbeit. Heute sind wir die einzige Supermacht der Welt. Doch wir leisten es uns, die Realitäten der Welt, die wahren Themen wie Globalisierung oder die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen zu ignorieren.

Doch auch intern wird Kritik laut - offenbar zum Missfallen von Präsident Bush. Brauchen die USA eine neue Strategie?

Bush hat seine Strategie ja in einem Satz zusammengefasst: "Für uns oder gegen uns." Damit ignoriert er die Lektionen der Geschichte. Denn wenn wir so weitermachen, werden wir das Vertrauen anderer Staaten, anderer Menschen auf keinen Fall zurückgewinnen. Da kann Außenministerin Rice ruhig in der ganzen Welt herumreisen, da kann Laura Bush in Krisengebiete jetten - es wird immer klar sein: wir sind freundlich und kooperativ, solange man mit uns einer Meinung ist. Sonst nicht. Wir haben Verbündete, aber sie wechseln mit der jeweiligen Mission. Das ist pragmatisch und extrem gefährlich zugleich.

Was soll geschehen?

Die USA stehen an einer Zeitenwende. Länder wie China, Russland, Iran und Pakistan können in den nächsten 20 Jahren unsere Verbündeten werden – aber sie können genau so gut auch unsere Gegner sein. Diese Länder sind für uns und gegen uns zugleich. Einfache Lösungen helfen uns da nicht. Wir brauchen neue Sicht auf die Welt. Wir müssen zur Herrschaft des Rechts zurückkehren. Im Moment verletzen wir die fundamentalen Ideale unseres Landes. Wir sind doppelzüngig. Wir reden von Gerechtigkeit und lassen Guantanamo zu. Und noch in hundert Jahren werden Menschen in arabischen Ländern die Bilder von den misshandelten Irakern im Gefängnis Abu Ghraib hochhalten, wenn sie von den USA sprechen. Dieses Misstrauen wird nicht vergehen.

Wie kann es gelingen, die verlorene Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen?

Wir brauchen neue Legitimität. Unser erster Präsident George Washington sagte einmal: Amerika solle ein Land sein, das der Welt Respekt zolle. Denn wir können die Welt nicht regieren, wir sollten sie führen. Dazu müssen wir selbst Beispiel sein. Wir können andere ermutigen, sich zu ändern. Dies können wir unterstützen, gemeinsam mit anderen, aber nicht erzwingen. Sonst wird bald jemand erscheinen, irgendwo auf dieser Welt, der eine echte Alternative zu unserem System propagieren kann. So wie einst Karl Marx, dieser Mann aus der deutschen Provinz.

Interview: Katja Gloger, Washington