Irak Deutschen Geiseln droht Erschießung


Im Irak sind offenbar zwei deutsche Staatsbürger verschleppt worden. Dabei soll es sich um eine 60-jährige Mutter und ihren Sohn handeln, die seit langem in Bagdad leben. Die Entführer sollen mit der Erschießung ihrer Opfer gedroht haben.

Im Irak sind offensichtlich zum dritten Mal innerhalb von 15 Monaten Deutsche entführt worden. Bewaffnete Geiselnehmer hätten bereits am vergangenen Dienstag eine Mutter und den erwachsenen Sohn aus ihrem Wohnhaus in Bagdad verschleppt, meldete der "Tagesspiegel" am Montag unter Berufung auf Sicherheitskreise. Die über 60 Jahre alte Frau sei mit einem irakischen Arzt verheiratet. Der Sohn, Mitte 20, sei im irakischen Außenministerium tätig. Mitglieder der Familie leben nach Angaben der Sicherheitskreise in Berlin und anderen Regionen Deutschlands.

Bisher keine Forderungen

Der Hintergrund der Entführung ist unklar, die Geiselnehmer haben bislang keine Forderung gestellt. Allerdings sei gedroht worden, den Sohn zu erschießen. "Wir können nicht ausschließen, dass es sich um eine gewaltsame Entführung handelt", erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Montag am Rande des EU-Außenministerrats in Brüssel. Sicherheitskreise bestätigten jedoch die Geiselnahme. Das Auswärtige Amt (AA) hatte vergangene Woche einen Krisenstab eingerichtet, den Staatssekretär Reinhard Silberberg leitet. Seitdem bemüht er sich intensiv um eine Lösung.

Nach Informationen des Tagesspiegels sollen die Frau und der Sohn körperlich unversehrt sein. Die Geiselnehmer haben die beiden wahrscheinlich gezielt aus dem Haus in Bagdad geholt. Der Ehemann und Vater habe sich zum Zeitpunkt der Entführung nicht in dem Haus befunden, verlautete aus Sicherheitskreisen. Die Familie gilt, für irakische Verhältnisse, als vermögend.

Motiv weiterhin unklar

Dennoch bleibt offen, ob es den Entführern nur um Lösegeld geht, ob sie ein politisches Motiv haben oder ob Terroristen Geld erpressen wollen, um ihren Kampf zu finanzieren. In Sicherheitskreisen gab es unterschiedliche Angaben über den möglichen Hintergrund der Entführer. Von mutmaßlichen Anhängern des ehemaligen Diktators Saddam Hussein war die Rede, aber auch ein Netzwerk aus früheren Parteigängern des von der US-Armee beseitigten Regimes und Islamisten wird nicht ausgeschlossen. Als unwahrscheinlich gilt eine Beteiligung schiitischer Extremisten. Sie sind mit der sunnitischen Terrorszene verfeindet.

Etwa 100 Bundesbürger

Ein Außenamtssprecher wollte nicht dazu Stellung nehmen, ob es bereits Kontakt zu den Entführern gibt. Nach Angaben des Amts halten sich noch etwa 100 Bundesbürger im Irak auf. Darunter seien auch Personen, die trotz eindringlicher deutscher Reisewarnungen in das Land eingereist seien. Dazu gehören demzufolge einzelne Firmenvertreter und deutsche Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen. Die größte Gruppe der deutschen Staatsangehörigen befindet sich auf Grund von familiären Bindungen im Lande - also Iraker mit deutschen Pass oder Deutsche, die schon lange dort leben. Ein AA-Sprecher betonte, "unabhängig vom aktuellen Wohnort" gelte für alle deutschen Staatsangehörige die konsularische Betreuungspflicht.

Steinmeier erklärte: "Wir hoffen, dass das Ganze einen guten Ausgang findet, und wir tun natürlich alles dafür, dass die beiden deutschen Staatsangehörigen gesund zu ihren Familien zurückkehren können." Die Bundesregierung bat die Medien bei der Berichterstattung um Zurückhaltung, damit die Bemühungen um eine Freilassung nicht erschwert werden.

Spekulation über Lösegeldzahlungen bei früheren Fällen

Die früheren Entführungen von Deutschen im Irak waren nach längeren Verhandlungen ohne Blutvergießen gelöst worden. Die beiden am 24. Januar 2006 gekidnappten Leipziger Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke waren nach 99 Tagen unversehrt freigelassen worden. Im November 2005 war die Archäologin Susanne Osthoff im Nordirak verschleppt worden und nach dreiwöchiger Gefangenschaft auf freien Fuß gekommen. In beiden Fällen wurde anschließend über Lösegeldzahlungen in Millionenhöhe spekuliert.

Im Irak hat sich seit dem US-Einmarsch eine kriminelle "Entführungsindustrie" etabliert. Nach US-Angaben werden an manchen Tagen landesweit bis zu 50 Iraker gekidnappt, um Lösegeld zu erpressen. Die geforderten und meist auch bezahlten Beträge liegen demnach für einheimische Geschäftsleute bei etwa 30 000 bis 50 000 US-Dollar. Für Ausländer würden erhebliche höhere Beträge gefordert.

DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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