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Irak: Sorgte der Iran für die Waffenruhe?

Nach fünf Tagen heftiger Kämpfe mit rund 300 Toten herrscht in Teilen des Irak wieder Ruhe. Angeblich habe der Iran dazu beigetragen, dass die Waffen schweigen. Das Nachbarland unterstützt Milizenführer Muktada al Sadr - ein Schiit, dessen Feinde vor allem Schiiten sind.

In Basra und anderen Schiiten-Städten des irakischen Südens ist nach fünftägigen blutigen Kämpfen wieder Ruhe eingekehrt. Auch in Bagdads Schiiten-Vorstadt Sadr-City schwiegen die Waffen, nachdem der Prediger Muktada al Sadr jetzt seinen Milizionären befohlen hatte, keine irakischen Soldaten oder Polizisten mehr anzugreifen. Die sogenannte Grüne Zone von Bagdad, in der unter anderem die US-Botschaft und das Parlament liegen, wurde mit zahlreichen Mörsergranaten beschossen, wie Augenzeugen berichteten.

Verhandlungen mit al Sadr im Iran

Unterdessen mehren sich die Hinweise, dass der Iran, der die Sadr-Miliz unterstützt, zur Beruhigung der Lage beigetragen hat. Die arabische Zeitung "al Hayat" berichtete, es habe Verhandlungen mit al Sadr gegeben, während sich dieser im Iran aufgehalten habe. Das Ergebnis der Gespräche, an denen auch Vertreter der beiden schiitischen Regierungsparteien Dawa und Oberster Islamischer Rat teilgenommen hätten, sei der Waffenruhe-Aufruf al Sadrs. Im Gegenzug habe man ihm zugesichert zu prüfen, ob Angehörige der Mahdi-Armee zu Unrecht im Gefängnis sitzen.

Die jüngste Eskalation der Gewalt im Irak hat deutlich gezeigt, wie zerrissen das Land nach wie vor ist. Doch mit dem Rückzug al Sadrs haben die Streitkräfte eines der Hauptziele noch nicht erreicht, nämlich die Kontrolle über Basra wiederzuerlangen. Die zweitgrößte Stadt des Landes ist das Zentrum der irakischen Ölindustrie und garantiert den Zugang zum Persischen Golf. Iraks Regierungschef Nuri al-Malikis Ansehen könnte durch die Kämpfe schwer beschädigt werden. Er reiste persönlich nach Basra und versprach, mit den "kriminellen Banden" aufzuräumen, die "schlimmer sind als al Kaida". Doch ein Waffenstillstand kann es al Sadr ermöglichen, seine Truppen wieder neu zu organisieren.

Nutz al Sadr die Waffenruhe, um seine Armee neu aufzustellen?

Dabei scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Auch die US-Truppen haben es 2004 in heftigen Kämpfen nicht geschafft, die Mahdi-Miliz zu zerschlagen. Vergangenen August kündigte al Sadr eine Waffenruhe an. Beobachtern zufolge diente sie vor allem dazu, die Mahdi-Miliz neu aufzustellen. Nun soll sie rund 60.000 Kämpfer in ihren Reihen haben.

Im Hintergrund der Kämpfe steht das Ringen um die politische Macht im Land. Mehr und mehr Anhänger sunnitischer Aufständischer haben zuletzt ihren Kampf aufgegeben und begonnen, mit der Regierung und den US-Truppen zusammenzuarbeiten. Nun eskaliert der Streit innerhalb der verschiedenen schiitischen Gruppierungen, die die Mehrheit im Land stellen. Die Darstellung der Regierung von US-Präsident George W. Bush, dass sich die Lage im Irak deutlich stabilisiert habe, wird damit einmal mehr auf die Probe gestellt.

Wahl als wichtiger Test

Die Anhänger al Sadrs stellen im irakischen Parlament 30 Abgeordnete und stehen in erbitterter Opposition zur größten schiitischen Partei, dem Obersten Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI), der die wichtigste Stütze für die Regierung al Maliki ist. Mit einiger Sorge blickt diese den Provinzwahlen am 1. Oktober entgegen, die als wichtiger Test für die Stellung der Sadristen im Süden gelten. Daher ist es kaum erstaunlich, dass die Anhänger al Sadrs in der jüngsten Militäraktion vor allem einen Versuch sahen, ihre Organisation politisch zu schwächen.

Besonders im ölreichen Süden des Landes ist die Zahl der Anhänger al Sadrs groß. Ärmere Bevölkerungsschichten fühlen sich von dem schiitischen Prediger besser vertreten als von der US-gestützten Regierung al Malikis in Bagdad. Der Machtkampf im Süden dauert seit Monaten an und al Sadr wird auch weiterhin eine kaum berechenbare Bedrohung für die Macht der Zentralregierung in Bagdad bleiben. Wegen der herausragenden Machtstellung und der zahlreichen Anhänger haben ranghohe US-Kommandeure und Diplomaten immer wieder davor gewarnt, die Mahdi-Miliz zu verteufeln.

Ein friedlicher Irak könne eines Tages nur entstehen, wenn die großen rivalisierenden Gruppen zusammenarbeiten. "Welche Regierung auch immer nach fünf Jahren Konflikt entsteht, es sollten darin viele Stimmen vertreten sein", sagt der Nahostexperte Jon Altman. Al Maliki betreibe eine Interessenspolitik, die sich nicht notwendigerweise mit den US-Interessen decke. Im kriegsmüden Washington war zuletzt mehrfach angedeutet worden, dass die Geduld mit dem irakischen Regierungschef nicht endlos sei. Seit Beginn der Offensive gegen die Mahdi-Miliz aber hat sich der Ton verändert. Bush sprach von einem entscheidenden Moment, seine Sprecherin Dana Perino von "einer mutigen Aktion". Doch die Bewährungsprobe für al Maliki ist nicht nur militärischer Natur. Er muss al Sadr vor allem mit einer politischen Vision Konkurrenz machen.

AP/DPA / AP / DPA