HOME

Iran: Der Präsident, der aus dem Nichts kam

Der ultrakonservative Teheraner Bürgermeister Mahmud Ahmadinedschad hat überraschend die Wahl zum Präsidenten des Iran gewonnen - mit mehr als 60 Prozent der Stimmen. Reformer fürchten eine fundamentalistische Zukunft.

Der konservative Kandidat Mahmud Ahmadinedschad ist mit 61,6 Prozent der Stimmen zum neuen Präsidenten Irans gewählt worden, wie die staatlichen Medien am Samstag berichteten. Der 49-Jährige bisherige Bürgermeister von Teheran setzte sich damit klar gegen sein Kontrahenten Haschemi Rafsandschani durch, auf den im offiziellen Endergebnis 35,9 Prozent entfielen. Der Rest war ungültig. Mit dieser Entscheidung der Wähler sind die reformorientierten Kräfte im Iran praktisch aus der Regierung ausgeschlossen. Sein Gegner war kein Geringerer als der 70-jährige Ex-Präsident und gemäßigte Kleriker Rafsandschani, der im Voraus von allen Beobachtern als klarer Sieger der Stichwahl angesehen wurde.

Ein unbeschriebenes Blatt

"Er kam aus dem Nichts", sagte ein Politologe in Teheran, der wie viele andere Iraner über den Sieg des Hardliners schockiert ist. Da Ahmadinedschad bis jetzt nur als Gouverneur in Ardebil in Westiran und Bürgermeister von Teheran tätig war, sind seine politischen Ansichten genauso unbekannt wie seine möglichen Kabinettsmitglieder. Einfach hatte sich Rafsandschani die Präsidentenwahl nicht vorgestellt, aber dass er auch mit den Stimmen seiner eigenen Kritiker nicht zum Präsidenten gewählt werden konnte, wird wohl für den Kleriker ein ewiger Albtraum bleiben.

Ahmadinedschad gilt als Gegner der Reformpolitik des scheidenden Staatspräsidenten Mohammed Chatami, der sich vor wenigen Tagen noch indirekt auf die Seite von Rafsandschani gestellt hatte. Dass Chatamis Vision von einer islamischen Demokratie auch von seinem Nachfolger verfolgt wird, ist sehr unwahrscheinlich.

"Wohlstand für die Armen und Barfüßigen"

Mit seinem Ruf etwa nach einer neuen islamischen Revolution, die "den Armen und Barfüßigen Wohlstand bringt", hat er bei den weniger Begüterten in der Millionenmetropole Teheran und anderen großen Städten des Landes Gehör gefunden. Ahmadinedschad, der wegen seiner Kritik an der wirtschaftlichen Diskriminierung auch der "islamische Robin Hood" genannt wird, hatte besonders die Arbeiterklasse beeindruckt. Punkte sammeln konnte er nicht nur mit seiner sozialistischen Finanzpolitik, sondern auch durch seine bescheidene Lebensweise. Er wohnt in einem kleinen Haus in einem Arbeitsviertel im Südosten Teherans und fährt einen Wagen mit Baujahr 1977. Die eher unternehmerfreundliche Wirtschaftspolitik von Rafsandschani und dessen privater Reichtum kamen dagegen schlecht an.

SMS-Kampagne der Frauen

Der Mann mit einer Professur an einer technischen Universität Teherans will auf jeden Fall mit strengeren islamischen Gesetzen die in Richtung Westen tendierende Gesellschaft in Schach halten. Im Wahlkampf deutete Ahmadinedschad an, er könne sich nicht vorstellen, die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten wieder aufzunehmen. In diesem Punkt unterschied er sich von Rafsandschani. Dieser trat für bessere Beziehungen zum Westen ein. Ahmadinedschad forderte dagegen die Rückkehr zu den Werten der Islamischen Revolution von 1979. Seine Gegner malten vor der Wahl schon Zeiten wie in Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft an die Wand - Frauen mit dem Schleier auch vor dem Gesicht und Männer mit wallenden Bärten und langärmeliger Bekleidung. Vor allem Frauen in Teheran hatten deshalb in den letzten Tagen in einer SMS-Kampagne dazu aufgerufen, auch dann für Rafsandschani zu stimmen, wenn man ihn eigentlich ablehnt, nur um Ahmadinedschad zu verhindern.

Die höchste Autorität in Iran ist jedoch nicht der Staatspräsident, sondern der nicht gewählte oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei. Bei der Stimmabgabe sagte Chamenei, er werde den Wahlsieger auf jeden Fall unterstützen.