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Iranisches Atomprogramm: Großer Ahmadinedschad, ganz klein

Irans Präsident Ahmadinedschad will nichts lieber, als das sich die Welt vor ihm fürchtet. Und so kündigt er nun an, groß in die Urananreicherung einzusteigen. Doch die PR-Bombe gerät zum Rohrkrepierer, seine Ankündigung ist einfach zu unglaubwürdig.

Ein Kommentar von Steffen Gassel

Der iranische Präsident will nichts lieber sein als "Der Mann, vor dem die Welt sich fürchtet". Doch seine Fähigkeit, sich Respekt zu verschaffen, hat in letzter Zeit gelitten. Zu Hause muss sich Ahmadinedschad öffentliche Ermahnungen von Erzrivalen wie Ex-Präsident Rafsandschani gefallen lassen. Im Ausland wurde die Freilassung der britischen Soldanten als Zeichen seiner Schwäche verstanden.

Da kam ihm der 9. April gerade recht. Auf dieses Datum fiel in diesem Jahr der "nationale Atom-Tag" - im Iran ein offizieller Feiertag. Schon im Vorfeld hatte die Nachrichtenagentur Fars geunkt: "Regierung wird gute Neuigkeiten über die Atomtechnologie verkünden." Und so geschah es. Pünktlich zum Feiertag verkündete Ahmadinedschad den Einstieg in die industrielle Uran-Anreicherung mit 3000 funktionstüchtigen Zentrifugen - auf dass die Welt sich wieder ein wenig mehr vor ihm fürchte.

Doch die PR-Bombe geriet zum Rohrkrepierer. Namhafte Experten wie der Ex-IAEO-Inspektor David Albright bezweifeln, dass der Iran den verkündeten Durchbruch tatsächlich geschafft hat. Nachdem die Atom-Techniker in der Anreicherungsanlage von Natanz monatelang mit Ach und Krach ein paar hundert Zentrifugen für wenige Stunden täglich rotieren lassen konnten, war die Ankündigung eines "großen Sprunges vorwärts" auf 3000 Zentrifugen einfach zu unglaubwürdig.

Sollte sich Ahmadinedschad dessen nicht bewusst gewesen sein - die Chefs der iranischen Atomenergiebehörde und des Nationalen Sicherheitsrats, die die großspurigen Statements ihres Präsidenten bestätigten, müssten es besser wissen. Diese Herren geben sich nicht gern der Lächerlichkeit preis. Welches Kalkül steckt also hinter dem vermeintlichen Atom-Coup?

Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass die russische Regierung als allererste den Fortschritt bei der Irananreicherung infrage stellte. Seit Monaten liegt die iranische Atomenergiebehörde mit den russischen Firmen Atomstoiexport und Rosatom im Streit. Der Grund: Verzögerungen bei der Lieferung russischer Brennstäbe für das Kernkraftwerk Bushehr am Persischen Golf. Eigentlich soll dieser erste iranische Atommeiler, im November 2007 ans Netz gehen. Doch der Termin ist wohl nicht mehr zu halten, weil die Russen die Uranlieferungen zurückhalten. Die Begründung: Teheran hat die Rechnung nicht bezahlt. Die Iraner indes vermuten hinter dem Lieferstopp politische Motive - wohl nicht zu Unrecht. Doch gegenüber Moskau sitzen sie am kürzeren Hebel.

Bushehr ist das Prestige-Objekt der iranischen Atom-Industrie. Eigentlich sollte das Kraftwerk schon seit Jahren Strom liefern. Doch immer wieder kam es zu Verzögerungen. Wenn die angekündigte Inbetriebnahme nun wieder verschoben werden muss, ist das eine Blamage erster Güte für die Verantwortlichen in Teheran. Zähneknirschend haben sie deshalb Ende März elf Millionen US-Dollar nach Russland überwiesen - und gleichzeitig gedroht: 'Wenn ihr nicht liefert, dann fertigen wir eben unseren eigenen Atom-Brennstoff.' Die Russen haben sich schon damals nicht ins Bockshorn jagen lassen. Moskau bedankte sich für das eingegangene Geld, gab aber zu verstehen, dass man die Überweisung nur als Anzahlung betrachte. Schließlich seien Monatsraten von 25 Millionen US-Dollar vereinbart gewesen.

Es scheint, als sei der angekündigte große Durchbruch zur industriellen Anreicherung vor allem Ausdruck Teheraner Ernüchterung angesichts der russischen Blockade-Politik. Die dürfte denn auch wichtigstes Thema bei den Gesprächen gewesen sein, die der Mohammad Baqer Zolqadr in Moskau geführt hat. Der General der iranischen Revolutionsgarden hielt sich vergangene Woche völlig unbehelligt zu einer offiziellen Visite in Russland auf - und das, obwohl er mit einem Reise-Embargo des UN-Sicherheitsrats belegt ist. Nachzulesen im Text der Resolution 1747, verabschiedet am 14. März, mit russischer Zustimmung. So werden die wahren Skandale manchmal von den vermeintlichen verdeckt.