"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären Ist al Baghdadi noch wichtig für das Kalifat?


Gerüchten zufolge soll IS-Chef Abu Bakr al Baghdadi bei einem Luftangriff schwer verletzt worden sein. Steht die Terrorarmee nun führungslos da?
Von Michael Lehmann

Lebt er noch, ist er verletzt, gar tot? Seit Wochen machen Gerüchte die Runde, dass Abu Bakr al Baghdadi, selbsternannter Kalif des Islamischen Staats, durch amerikanische Luftangriffe schwer verletzt worden sei. Washington dementiert das, der IS selbst hält sich bedeckt. Ist das Schweigen der Terrormiliz ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Und was heißt das schon, dass ihr Anführer keinen Mucks von sich gibt?

Bislang ist der Kalif ohnehin nur ein einziges Mal öffentlich aufgetreten - als er mit einem propagandistischen Paukenschlag das Kalifat ausrief, damals am 29. Juni 2014, der Iraker gekleidet im schwarzen Gewand der Abbasiden, einer früheren Kalifatsdynastie. Danach ist er wieder in der Versenkung verschwunden, dem Volk "entrückt", verklärt, wie es vor ihm etliche Führer islamischer Geheimgesellschaften taten, der mittelalterliche "Alte vom Berge" etwa oder auch Osama bin Laden.

Ein Nachfolger ist schon gefunden

Würde sein mögliches Verschwinden überhaupt jemandem auffallen? Wie wichtig ist der Mann für die Terrorarmee? Ein enger Berater der irakischen Regierung sagte dem US-Magazin "Newsweek", dass ein ehemaliger Physiklehrer jetzt die Aufgaben des IS-Chefs übernehmen werde: Abu Alaa al Afri, der unter seinem Kampfnamen Haddschi Iman ein alter Bekannter für die Sicherheitsexperten des Westens ist - bestens vernetzt, charismatisch, graubärtig und ausgestattet mit einer alten und wilden Dschihadistenvita, die ihn über fast jeden Zweifel erhaben sein lässt.

Der Islamische Staat scheint weiter zu funktionieren und Führungskader, auch wenn sie der Nimbus religiöser Berufung umgibt, können im Bedarfsfall ausgetauscht werden. Denn die islamistische Ideologie ist nur eine Säule dieses Kalifats. Das zeigen Schriftstücke, Akten, diffizile Ordnungspläne sowie Aussagen von Dissidenten und ehemaligen Offizieren des Islamischen Staats, die ins Ausland geflohen sind.

Die andere Säule bilden eine austarierte Bürokratie sowie die menschlichen Gemeinheiten eines Geheim- und Militärapparates. Der war unter Saddam Hussein über Jahrzehnte im Irak gewachsen und wird getragen durch gebildete, logistisch geschulte, intelligente und auch sadistische Protagonisten, die nach dem Sieg der Amerikaner von einem Tag auf den anderen ihre Jobs, Ihre Aufgaben, ihre Macht und, ja, ihre Würde verloren hatten. Und anschließend frustriert in den Untergrund gingen. Nicht alle, aber viele.

Der IS kann auch ohne ihn auskommen

Und viele lernten dann in Gefängnissen die religiösen Fanatiker kennen, mit denen sie vielleicht nicht den Glauben, so doch die gemeinsamen Feinde verbanden: die westlichen Invasoren. Die Schiiten. Es ist unklar, wer hier wen benutzte. Ob die Dschihadisten die Militärs brauchten, um funktionsfähige Machtstrukturen zu schaffen, einen Geheimdienstapparat, oder ob die Offiziere sich der ultrareligiösen Sunniten bedienten, um sich neue Glaubwürdigkeit zu geben in der Auseinandersetzung mit dem "schiitischen Feind".

Fest steht: Es gibt keine Zelle, die nicht durch eine andere überwacht wird, kein Milizenführer, dem nicht ein grauer Schatten an die Seite gestellt wird, der ihn beobachtet. Ein minutiös arbeitendes Spitzelgeflecht, dessen Führung fast ausnahmslos irakisch ist. Das ist das Rückgrat dieses Staates. Ein Kalif, der sich mit frühislamischen Insignien der Macht schmückt, hilft sicherlich der Sinngebung für die sinnsuchenden Ausländer auf dem "Wege Gottes" in den Dschihad. Aber dieser Staat, diese Ordnung kann auch ohne ihn auskommen.


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