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Israel: Der tägliche Tod wird verdrängt

Trotz der täglichen Meldungen über die endlose Gewalt ist «der Konflikt» in Israel kein Thema mehr. Weniger als vier Wochen vor der Parlamentswahl ist der zermürbende Kleinkrieg aus den Schlagzeilen verschwunden.

In den besetzten Palästinensergebieten sterben täglich im Durchschnitt zwei Menschen durch Schüsse israelischer Soldaten. Zunehmend sind wieder Kinder und Jugendliche unter den Getöteten. Doch trotz der täglichen Meldungen über die endlose Gewalt ist «der Konflikt» zwischen Israelis und Palästinensern in Israel kein Thema mehr. Weniger als vier Wochen vor der Parlamentswahl ist der zermürbende Kleinkrieg im Nahen Osten aus den Schlagzeilen verschwunden. Selbst Terroranschläge auf jüdische Siedler im Westjordanland berühren die Menschen scheinbar nur noch am Rande.

"Frieden" spielt im Wahlkampf keine Rolle


Israels Wirtschaft befindet sich - nicht zuletzt auch durch die blutige Intifada - im freien Fall. Die Arbeitslosigkeit wächst, die Einkommen sinken. Ein ganzes Volk, so schreiben israelische Experten fast täglich, befindet sich im Zustand tiefer Depression, die sich nicht zuletzt in riesigen Anzeigen über angeblich harmlose Beruhigungsmittel ausdrückt. Laut Statistik ist die Zahl der Hochzeiten im abgelaufenen Jahr um 30 Prozent gesunken, und auch das Bevölkerungswachstum lag auf dem niedrigsten Stand seit der Staatsgründung.

Doch die drückenden Probleme spielen im Kampf der Parteien um die Wählergunst kaum eine Rolle. Keine einzige Partei hat das Wort «Frieden» bisher in ihre Wahlkampf-Parolen aufgenommen. Nicht einmal die links-liberale Merez-Partei oder die oppositionelle Arbeitspartei, deren Vorsitzender Amram Mizna mit weit reichenden Zugeständnissen an die Palästinenser in den Wahlkampf gezogen ist.

Stattdessen dominieren die verschiedenen politischen Skandale die Medien, an erster Stelle die Korruption innerhalb der Likud-Partei von Ministerpräsident Ariel Scharon, der mit der Entlassung der Vize- Ministerin Naomi Blumenthal bereits sein erstes Opfer gefunden hat.

Bestechlichkeit statt Friedensprozess und Wirtschaftsflaute: Das ist das Hauptthema des Wahlkampfes. Nicht zuletzt - so klagen die Palästinenser - weil die USA und Europa den Konflikt wegen der Krise um den Irak von der internationalen Tagesordnung genommen haben.

«Die Reaktionen der Israelis sind völlig irrational. Die Menschen vermeiden ganz bewusst die wirklichen Themen für die anstehende Wahl», meint Daphna Canetti von der Universität Haifa, die sich auf «politische Psychologie» spezialisiert hat. Sie bezeichnet die Stimmung in Israel als «grotesk»: «Wie sonst ist es zu verstehen, dass die große Mehrheit der Wähler des Likud (Scharons) zu den unteren Schichten zählen, die unter der verheerenden Wirtschaftslage am meisten leiden!»

Alle Umfragen beweisen es: Das Wahlverhalten der Israelis ist rational schwer zu erklären. Zwar geben zwei Drittel aller Israelis Scharon miese Noten, wenn sie seine politischen Leistungen der vergangenen 21 Monate beurteilen. Doch liegen seine Sympathiewerte weit vor allen anderen Politikern - einschließlich seines Gegenspieler Amram Mizna.

"Phänomen Sharon nach wie vor unerklärlich"


Die meisten Israelis, so berichteten Wissenschaftler kürzlich, haben in den vergangenen zwei Jahren ihren eigenen Abwehrmechanismus entwickelt, um Ängste und Spannungen zu ertragen. Mehr als die Hälfte sagten bei einer Umfrage, sie hörten keine Nachrichten mehr. In der Tageszeitung lassen sie die Nachrichtenseiten aus. Mehr als die Hälfte gaben zu, dass sie die schlechten Nachrichten «nicht mehr wahrnehmen». Gleichzeitig nehmen viele Beruhigungsmittel, um die Realität besser ertragen zu können.

«Dennoch ist das Phänomen Scharon ist für uns nach wie vor unerklärlich», gesteht die Wissenschaftlerin Canetti. «Wir nennen ihn den Teflon-Mann, weil an ihm alles abzugleiten scheint.» Der massige 74-jährige, der inzwischen sämtliche politische Gegenspieler an die Wand gedrückt hat, hat nach Einschätzung aller israelischen Kommentatoren für die Wahl keine positiven Leistungen vorzuweisen und kann trotzdem mit einem gewaltigen Stimmenzuwachs rechnen.

«Israelis haben sich bei Wahlen noch nie für Wirtschaft interessiert», weiß Daphna Canetti, «hier gibt es eigentlich nur das eine Thema, und das heißt Sicherheit.» Die Intifada, die neben rund 2000 Palästinensern auch fast 700 Israelis das Leben kostete, «hat die Leute militant gemacht. Sie wollen Gewalt mit Gewalt vergelten, und Scharon ist der Mann, der ihnen das verspricht.»

Christian Fürst / DPA