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Jagd auf die Geiselnehmer von Mumbai: Zimmerkampf im Luxushotel

Seit mehr als 24 Stunden halten im indischen Mumbai die Kämpfe gegen Terroristen an. Immer noch sind Geiseln in der Gewalt der Täter. Inzwischen melden die Armeekommandos erste Erfolge: Im Taj Mahal-Hotel seien die letzten Attentäter getötet worden. In einem zweiten Luxushotel wird dagegen weiter geschossen.

In der von einer Anschlagsserie erschütterten westindischen Finanzmetropole Mumbai sind auch mehr als 24 Stunden später noch bis zu 35 Geiseln in der Gewalt von Terroristen, darunter seien Amerikaner, Briten, Italiener, Spanier, Schweden, Kanadier, Jemeniten, Israelis und Türken.

Im Luxushotel Oberoi Trident, wo die meisten von ihnen festgehalten werden, wütet ein Brand. Hohe Flammen schlagen aus Fenstern in den oberen Stockwerken. Zudem fallen immer wieder Schüsse in dem Gebäude, das von Elite-Einheiten Zimmer für Zimmer durchkämmt wird. Bisher konnten nach offizieller Darstellung 70 Personen aus dem Hotel gerettet werden, in dem sich noch 100 Personen aufhalten sollen. Nach Augenzeugenberichten liegen zahlreiche Leichen in den Stockwerken.

Ende der Kämpfe im Hotel Taj Mahal

Im Luxushotel Taj Mahal dagegen ist die Geiselnahme offenbar nach mehr als 24 Stunden gewaltsam zu Ende gegangen. Die letzten drei Extremisten in dem Gebäude seien erschossen worden, teilte ein Behördensprecher mit. Schwarz gekleidete Kommandotruppen stürmten am Donnerstag das Fünf-Sterne-Hotel. Zuvor konnten sich dort einige Geiseln selbst befreien, andere wurden von der Polizei gerettet. Allerdings wurden auch mehrere Leichen aus dem Gebäude getragen. Aus den oberen Stockwerken schlugen am Donnerstag erneut Flammen, nachdem das Gebäude bereits am Mittwochabend in Brand geraten war.

Ein Geretteter sagte im Fernsehen, die Einsatzkommandos hätten das Hotel unter Kontrolle. Sie hätten ihn aufgefordert, nicht zu den Leichen zu blicken. "Viele Kochlehrlinge wurden in der Küche niedergemetzelt", sagte der Mann. Eine Australierin sagte, sie sei einem Angreifer nur entkommen, weil sie sich in einem Badezimmerschrank versteckt habe. Bei ihrer Flucht habe sie auf den Hoteltreppen viele Leichen gesehen. Eine Spanierin berichtete, sie sei mit anderen hinter der Rezeption in Deckung gegangen. Weil sie ihre Schuhe auszog, habe sie dann barfuß durch das Blut der Opfer waten müssen.

Nach bisherigen Erkenntnissen sind durch die Terrorserie mehr als 125 Menschen getötet worden, darunter sieben der Terroristen. Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh machte "ausländische Kräfte" für die Anschläge verantwortlich, die ihre Basis in Nachbarländern hätten.

Mit der Bezeichnung "Nachbarn" ist in Indien in aller Regel der Erzrivale Pakistan gemeint, der damit verklausuliert beschuldigt wird, die Terroristen zumindest indirekt unterstützt zu haben. Die Anschläge dürften damit das ohnehin angespannte Verhältnis der beiden Länder noch verschlechtern.

Die Polizei nahm nach Medienberichten vom Donnerstag in einem der belagerten Hotels drei mutmaßliche Terroristen fest. Darunter sei ein Pakistaner, berichtete die indische Nachrichtenagentur PTI. Die Männer sollen der in Pakistan ansässigen Rebellengruppe Lashkar e Toiba angehören, die die Unabhängigkeit Kaschmirs fordert. Indien und das Nachbarland beanspruchen beide die Provinz.

Interpol hat Indien aufgefordert, Fingerabdrücke und DNA der getöteten oder festgenommen Täter mit den Informationen in den weltweiten Datenbanken abzugleichen. Nur so könne geklärt werden, ob ausländische Terroristen an der Tat beteiligt gewesen seien. Interpol kündigte zugleich an, Indien bei der Aufklärung der Terrorwelle unterstützen zu wollen. Eine Delegation sei bereits auf dem Weg in das Land.

Indiens stellvertretender Innenminister Sriprakash Jaiswal sagte: "Wir betrachten die Terrorangriffe als Krieg und behandeln die Situation wie einen Ausnahmezustand zu Kriegszeiten."

Terrorexperten sehen Verbindungen zu al-Kaida

Der Terrorexperte Magnus Ranstorp vom Swedish National Defense College stützte zumindest Singhs These, dass ausländische Kräfte in die Attentatsserie verwickelt waren. Er äußerte den "starken Verdacht", dass die koordinierten Angriffe Verbindungen zum Terrornetz al-Kaida nahelegen. Es habe in letzter Zeit zahlreiche Warnungen gegen Indien gegeben, sagte Ranstorp. Hinweise auf al-Kaida seien etwa das gezielte Vorgehen der Angreifer gegen Amerikaner und Briten und die Tatsache, dass die Anschläge gegen mehr als zehn Ziele nahezu zeitgleich erfolgten. Offiziell bekannte sich die bisher nicht in Erscheinung getretene islamistische Gruppe "Deccan Mujahideen" zu den Anschlägen. Ein indischer Flotten-Admiral wollte gegenüber der "Times of India" gar eine Verwicklung somalischer Piraten in die Terrorserie nicht ausschließen. Die indische Marine war zuletzt am Horn von Afrika massiv gegen Piratenboote vorgegangen.

Im Laufe des Tages wurde immer wieder von Detonationen und Schüssen in den Luxushotels Taj Mahal und Oberoi sowie in der Büro- und Wohnanlage Nariman House berichtet. Dort befindet sich das jüdische Chabad-Lubawitsch-Zentrum, wo zwischen zehn und zwanzig Israelis als Geisel genommen worden sein sollen, darunter auch der Rabbiner und seine Frau. In allen Gebäuden laufen angeblich Aktionen der Sicherheitskräfte, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Polizei beziffert die Zahl der Toten bei der beispiellosen Terrorserie derzeit auf mindestens 125, etwa 315 Menschen seien verletzt worden. Ein Polizeisprecher sagte, es sei damit zu rechnen, dass die Zahl der Todesopfer noch steigen werden. Unter den Toten seien mehrere Ausländer, darunter neben auch ein Deutscher. Der Münchner Medienunternehmer Ralph Burkei sei ums Leben gekommen, als er versucht habe, sich aus dem Hotel Taj Mahal zu retten, erklärte sein Geschäftspartner Ralph Piller am Donnerstag in München. Burkeis Lebensgefährtin sei lebensgefährlich verletzt worden. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) fürchtet, dass es noch weitere deutsche Todesopfer gegeben haben könnte.

Indische Marine fängt Terroristenschiff ab

Die indische Marine fing während des Tages ein Schiff ab, das die Terroristen möglicherweise nach Mumbai brachte. Die Nachrichtenagentur IANS meldete unter Berufung auf die Marine, ein Kriegsschiff habe das verdächtige Handelsschiff verfolgt und auf hoher See gestoppt. Die Terroristen waren am Mittwochabend von einem Schiff aus mit Schlauchbooten nach Mumbai gekommen, ehe sie mit Schnellfeuergewehren und Handgranaten insgesamt zehn Ziele in der Stadt angriffen, darunter die beiden Luxushotels.

Die Lufthansa sagte am Donnerstag zwei Flüge in die indische Metropole ab. Am Freitag soll der Flugbetrieb nach Mumbai voraussichtlich wieder aufgenommen werden, äußerte sich ein Lufthansa-Sprecher in Frankfurt/Main. Der Reiseveranstalter Studiosus aus München teilte auf seiner Webseite mit, Mumbai ab sofort aus dem Programm zu nehmen. Alle Indien-Gäste des Veranstalters seien jedoch wohlauf. Dies gilt auch für Reisende, die über die Veranstalter Dertour und Meier's Weltreisen gebucht haben, wie es hieß. Die europäischen Staaten planen, alle Europäer aus Mumbai auszufliegen.

Deutsche EU-Abgeordnete gerettet

Die während der Anschläge in Mumbai im Hotel Taj Mahal untergebrachte EU-Delegation hat die Anschläge unbeschadet überstanden. Das teilte einer der beiden betroffenen deutschen EU-Abgeordneten, Daniel Caspary, telefonisch mit. "Wir haben Glück gehabt", sagte der CDU-Politiker. Seine SPD-Kollegin Erika Mann war nach Casparys Angaben allerdings "über fünf Stunden lang im Hotel auf der Flucht und musste sich in Sicherheit bringen". Mann und einige weitere Abgeordnete befanden sich zum Zeitpunkt des Überfalls im Hotel Taj Mahal, der Rest der Gruppe in einem nahe gelegenen Restaurant. Dort harrten sie bis 6 Uhr Ortszeit aus, bis der deutsche Generalkonsul sie abholte und ins französische Konsulat brachte, berichtete Caspary.

Die Attentäter fordern die Freilassung aller in Indien inhaftierten Islamisten. Die Muslime in Indien sollten nicht länger verfolgt werden, sagte einer der im Hotel Oberoi verschanzten Angreifer am Donnerstag in einem Telefongespräch mit dem Fernsehsender India TV. Im Namen der Organisation "Deccan Mujahedeen" forderte er, alle in indischen Gefängnissen sitzenden radikalen Muslime freizulassen.

Bestürzung bei westlichen Politikern

Außenminister Steinmeier verurteilte die Anschläge in Mumbai. "Es sind grausame Bilder, die uns aus Indien erreichen. Ich bin bestürzt über die Anschläge", sagte Steinmeier. Beim Auswärtigen Amt in Berlin und beim Generalkonsulat in Mumbai seien Krisenstäbe eingerichtet worden. Auch ein psychologisches Beratungsteam sei auf dem Weg nach Indien. Bundeskanzlerin Angela Merkel bot der indischen Regierung Hilfe bei der Bewältigung der Anschläge an. In einem Telefonat sprach sie Indiens Premier Singh ihr Mitgefühl aus und schickte ihm ein Kondolenzschreiben. "In dieser schweren Stunde sind unsere Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen", heißt es darin.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, die Verantwortlichen müssten umgehend zur Verantwortung gezogen werden. Er versicherte dem indischen Volk und der Regierung seine Solidarität. Ähnlich äußerten sich der britische Premier Gordon Brown und die französische EU-Ratspräsidentschaft.

Der designierte US-Präsident Barack Obama verurteilte die Terrorserie auf das Schärfste. Er sei "in Gedanken und in seinen Gebeten bei den Opfern", sagte ein Sprecher Obamas. Die koordinierten Anschläge auf unschuldige Zivilisten zeigten, wie ernst die Bedrohung durch den Terrorismus sei. Die USA müssten ihre Partnerschaft mit Indien und anderen Nationen in der Welt stärken, um die terroristischen Netzwerke zu zerstören.

DPA/AP/AFP / AP / DPA