HOME

Erkenntnisse aus Audioaufnahmen: Neue Details zur Ermordung: Verliefen so die letzten Stunden von Jamal Khashoggi?

Vor einem Jahr wurde der Journalist Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet. Vorbereitung und Ausführung wurden offenbar aufgezeichnet. Die britische BBC sprach mit zwei Frauen, die mit den Audioaufnahmen zum Teil vertraut sind.

Das Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul

Das Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul (gr. Bild), der ermordete Journalist Jamal Khashoggi (o. l.) und Kronprinz Mohammed bin Salman

AFP

Ein Jahr ist es nun her, dass der saudische Journalist Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul (Türkei) ermordet wurde. Seine Verlobte, Hatice Cengiz, wartete am 2. Oktober 2018 vor dem Konsulat, wo der regierungskritische Journalist Dokumente für die Hochzeit abholen wollte. Doch er kam nicht mehr heraus. 

Was genau im Konsulat passierte, ist im juristischen Sinne ungeklärt. Sicher ist: ein saudisches Tötungskommando hat ihn umgebracht. Die Regierung in Riad räumte den Tod nach hohem internationalen Druck schließlich ein und stellte elf Männer vor Gericht – in einem Geheimprozess. 

Der türkische Geheimdienst hörte das Konsulat ab, zeichnete offenbar sowohl die Planungen als auch die Ausführung des Mordes auf. Die Tonbandaufnahmen wurden nur von wenigen Leuten gehört, berichtet nun der britische Sender BBC, der mit zwei Frauen gesprochen hat, die zumindest mit 45 Minuten der Aufnahmen vertraut sein sollen. 

Der Plan

Jamal Khashoggi soll gelächelt haben, als er am 28. September das saudi-arabische Konsulat in Istanbul verlassen hat. Ihm seien Tee und Kaffee angeboten worden, habe er seiner Verlobten Hatice Cengiz erzählt, die vor dem Gebäude gewartet habe und der BBC davon berichtet. "Es gibt nichts zu befürchten", habe Khashoggi zu ihr gesagt. Er solle in ein paar Tagen wieder kommen, um die Dokumente für die Hochzeit abzuholen.

Der saudische Journalist Jamal Khashoggi spricht während einer Pressekonferenz im Jahr 2015

Der saudische Journalist Jamal Khashoggi spricht während einer Pressekonferenz im Jahr 2015

Nachdem Khashoggi das Konsulat verlassen habe, sollen Anrufe in die saudi-arabische Hauptstadt Riad getätigt worden sein. Kashoggi werde "gesucht", hieß es, berichtet Agnès Callamard der BBC. Sie ist UN-Berichterstatterin für außergerichtliche Tötungen und gehörte zu einem UN-Expertenteam, das Audioaufnahmen der Tat aus dem Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul hörte, die von der Türkei an die UNO übergeben worden waren. 

An diesem 28. September habe es laut BBC mindestens vier Telefonate zwischen dem Konsulat in Istanbul und Riad gegeben, die von türkischen Geheimdiensten aufgezeichnet worden seien. Die Gespräche sollen auf höchster Ebene stattgefunden haben. Es soll von einer Top-Secret-Mission die Rede gewesen sein, von einer "nationalen Pflicht" (Original-Zitat: "national duty").

"Für mich gibt es keinen Zweifel daran, dass dies eine hochorganisierte Mission von ganz oben gewesen ist", wird Helena Kennedy von der BBC zitiert. Sie ist eine britische Rechtsanwältin ebenfalls Teil des besagten UN-Expertenteams. "Das war keine Einzelgängeroperation am Rande."

Die Vorbereitungen

Am 2. Oktober, dem Tag von Khashoggis Ermordung, habe der Journalist einen Anruf erhalten: Er könne sich die Dokumente nun im Konsulat abholen.

Am Morgen jenes Tages sollen neun Männer aus Saudi-Arabien nach Istanbul gereist und in einem Hotel nahe des Konsulats eingecheckt haben. Unter den Männern sollen sich auch der forensische Pathologe Dr. Salah al-Tubaigy und Maher Abdulaziz Mutreb, wohl ein enger Vertrauter des Kronprinzen Mohammed bin Salman, befunden haben. Die Aufzeichnungen sollen nahelegen, dass Mutreb die Operation geleitet habe, so Rechtsanwältin Kennedy zur BBC.

Video: Saudi-Arabien fordert Reaktion der Weltgemeinschaft im Iran-Konflikt

Während Khashoggi und seine Verlobte zum Konsulat gingen, sollen Mutreb und der Pathologe ein makabres wie schockierendes Gespräch in der Auslandsvertretung geführt haben. "Er erzählte, wie er die Autopsie durchführen wird. Man kann sie lachen hören", berichtet Rechtsanwältin Kennedy. Der Pathologe soll laut den Tonbandaufnahmen gesagt haben: "Ich mache oft Musik an, wenn ich Leichen zerteile. Und manchmal habe ich einen Kaffee und eine Zigarre in der Hand."

Laut Kennedy sollen die Tonbandaufnahmen offen legen, dass der Pathologe wusste, was er zu tun habe. Demnach habe er gesagt: "Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas auf dem Boden zerteilen muss", erinnert sich Kennedy. "Selbst als Schlachter hängst du das Tier auf, um das zu tun." Die Männer hätten darüber gesprochen, wann Khashoggi – das "Opfertier", sollen sie ihn genannt haben – das Konsulat erreiche. Wie die BBC berichtet, soll in dem Konsulat ein Raum hergerichtet worden sein, der Boden sei mit einer Plastikplane ausgelegt gewesen.

Die Ausführung: Jamal Khashoggi wird ermordet

Um 13.15 Uhr Ortszeit betritt Khashoggi das Konsulat, wie Kameraufnahmen zeigen. Er soll von einem Empfangskommittee begrüßt worden sein, wie aus den Tonbandaufnahmen hervorgehe.

Dieses hätte ihm gesagt, dass eine Fahndung der internationalen Kriminalpolizei Interpol gegen ihn vorliege und er nach Saudi-Arabien zurückkehren müsse. Es folgen Versatzstücke: Khashoggi soll abgelehnt haben, eine Textnachricht an seinen Sohn zu schicken, in der er sein Wohlergehen versichere. Später soll seine Stimmung schlagartig gekippt sein – "von einem Mann, der Selbstbewusstsein hat, hin zu wachsender Angst bis zu dem Wissen, dass etwas Fatales passieren wird", so Rechtsanwältin Kennedy. "Es liegt etwas absolut Schreckliches in der Veränderung seiner Stimme."

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman

AFP

Laut UN-Berichterstatterin Callamard habe Khashoggi wahrscheinlich nicht gewusst, was ihm wirklich blüht. Offenbar ging er zunächst von einer Entführung aus und habe gefragt: "Werdet ihr mir eine Injektion geben?" Diese Frage soll von dem Empfangskommittee bejaht worden sein. Er soll zwei Mal ungläubig gefragt haben, ob er entführt werde und wie das in einer Botschaft passieren könne.

"Was nach diesem Punkt zu hören war, deutet darauf hin, dass er erstickt sein könnte. Vermutlich mit einer Plasiktüte über seinem Kopf", so Callamard. "Sein Mund wurde geschlossen – mit Gewalt – vielleicht durch eine Hand oder etwas anderes." Rechtsanwältin Kennedy glaubt, dass anschließend der forensische Pathologe Anweisungen befolgt habe. "Man hört eine Stimme sagen: 'Lasst ihn schneiden'". Die Stimme klinge so, als würde sie von Maher Abdulaziz Mutreb stammen, dem engen Vertrauten von Kronprinz bin Salman. "Dann hört man jemanden rufen: 'Es ist vorbei'." Jemand anderes habe dann gerufen: "Nimm es ab, nimm es ab. Pack' das auf seinen Kopf. Wickel es ein." Kennedy dazu: "Ich kann nur vermuten, dass sie seinen Kopf entfernt haben."

Das Danach

Gegen 15 Uhr verlassen Fahrzeuge das Konsulat, wie Kameraufnahmen zeigen, und fahren zur Residenz des Generalkonsuls zwei Straßen weiter. Drei Männer betreten das Gebäude mit Koffern und Plastiktaschen. UN-Berichterstatterin Calarmard vermutet, dass es sich dabei um Leichenteile Khashoggis handelte.

Die Leiche von Jamal Khashoggi wurde bis heute nicht gefunden. 

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat die "volle Verantwortung" für die Ermordung übernommen. Allerdings wies er den Vorwurf zurück, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. "Absolut nicht", antwortete er auf die entsprechende Frage in einem am Sonntag vom US-Sender CBS News ausgestrahlten Interview. Ein UN-Sonderbericht hatte eine direkte mögliche Verbindung zum Kronprinzen Salman hergestellt.

Journalisten stellten für sein Land keine Bedrohung dar, sagte Salman. Als ein Anführer Saudi-Arabiens trage er die Verantwortung für die Ermordung Khashoggis. "Das war ein abscheuliches Verbrechen." Er stritt ab, von den Mordanschlagsplänen gewusst zu haben. Für die saudische Regierung arbeiteten täglich drei Millionen Menschen, sagte Salman. "Es ist unmöglich, dass sie alle täglich der politischen Führung über ihre Arbeit berichten." 

Quellen: BBC, mit Material der Nachrichtenagentur DPA

fs