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Lobbyismus: Nehmt Pandas statt roter Flaggen: So beriet ein deutscher PR-Mann die Chinesen

Ein Mitarbeiter einer bekannten Berliner PR-Agentur schrieb ein Werbekonzept für das Seidenstraßenprojekt der Volksrepublik China. Sein Tipp: "Alle Menschen lieben Pandas". Zugleich war er womöglich Hinweisgeber des Verfassungsschutzes.

Ein Frachtschiff im Hafen von Qingdao

Ein Frachtschiff im Hafen von Qingdao, der als einer der Kernausgangspunkte für Chinas "Belt and Road Infrastructure"-Strategie gesehen wird

AFP

Wie verbessert man das Image fremder Nationen? Kaum eine andere deutsche PR- und Lobbyagentur wirbt so offensiv dafür, dass sie dabei helfen könne, wie die Berliner Firma WMP Eurocom. Beim "Nation Branding", so die Agentur in ihren eigenen Worten, gehe es um "die Entwicklung von Kommunikations- und Netzwerkstrategien zur Förderung der jeweiligen Interessen".

Zu den Kunden von WMP zählte in der Vergangenheit bereits eine Reihe von Ländern, die ein kleineres oder größeres Imageproblem haben, etwa das Emirat Katar. Noch früher war die Türkei unter den Kunden. Im Oktober 2018 machte der stern publik, dass WMP auch für das Königreich Saudi-Arabien arbeitete – und das selbst noch nach der Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul. Kurz darauf beendete WMP das Mandat. Zuvor war ein WMP-Papier bekannt geworden, in dem sich die Agentur rühmte, wie sie angeblich die "Tonalität" der Berichterstattung über Saudi-Arabien in Blättern wie der FAZ im Sinne der Saudis verbessert habe.

Jetzt gibt es Neuigkeiten aus dem Umfeld der schillernden Agentur, deren Aufsichtsrat von dem ehemaligen "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje geführt wird. Dem stern wurde ein brisantes Dokument zugespielt - ein PR-Konzept auf 42 Seiten, das offenkundig für die Volksrepublik China gedacht war. Wieder ein Land mit verbesserungsfähigem Ruf. Ein Mitarbeiter von WMP hatte das Konzept im Juni 2018 verfasst, also kurz vor der Debatte um die Tätigkeit von WMP für die Saudis.

Die Agentur versicherte jetzt allerdings auf Anfrage des stern, sie habe mit dem Pro-China-Papier nichts zu tun. Es ging laut Titel um eine "PR-Analyse" zu der chinesischen "Belt-and-Road-Initiative" (BRI), also dem Pekinger Vorhaben, die Infrastruktur zwischen China sowie Europa, Afrika und dem Rest von Asien auszubauen. Die "Leitfrage", die der PR-Mann verfolgte: "Wie lässt sich die Reputation der BRI in der deutschen öffentlichen Wahrnehmung verbessern?"

Die Agentur WMP distanziert sich von dem Konzept

Der Autor des Papiers hieß Friedrich Kurz, genannt Fritz. Früher war er mal Auslandskorrespondent für ARD und ZDF, dann Berater bei WMP. Die Firma hatte ihn auf der eigenen Webseite als "Senior Consultant" geführt und noch im Mai 2018 ein Foto einer internen Konferenz veröffentlicht, bei der Kurz mit am Tisch saß. Aber - wie gesagt - die Agentur distanziert sich von dem pro-chinesischen PR-Konzept. Es sei "nicht mit Kenntnis" oder im Auftrag von WMP entstanden, ließ die Firma durch einen Anwalt ausrichten: "Herr Kurz stand in keinem festen Beschäftigungsverhältnis mit unserer Mandantin."

Ihn selbst kann man nicht mehr fragen. Kurz kam Ende März 2019 bei einem Autounfall ums Leben, im Alter von 72 Jahren. Nach seinem Tod schaltete WMP eine feierliche Todesanzeige: "Wir haben einen Kollegen und Freund verloren", hieß es dort im Namen von Tiedje und WMP-Vorstandschef Michael Inacker: "Wir sind froh über jede Minute, die wir mit ihm zusammengearbeitet haben." Inacker - bekennender Christ - setzte sogar auf ein Wiedersehen im Jenseits: "Unser Unternehmen hat ihm viel zu verdanken", schrieb er auf Twitter über Kurz: "Sein Tod hat ihn aus dem Leben gerissen. Wir sehen uns wieder!"

Richtig ist: Kurz‘ Papier zum Thema BRI trug nicht den Briefkopf oder das Logo von WMP; die Agentur wurde in ihm nicht einmal erwähnt. Aber der damalige WMP-Mitarbeiter betreute laut eines Agenturpapiers für sie damals bereits die Saudis. Und im Sommer 2018 empfahl Kurz in seinem - offenbar privaten Konzept - den Chinesen ausdrücklich, sich im Interesse einer wirksamen PR-Kampagne der Dienste  einer Agentur zu versichern, "die starke Beziehungen zu Medien, Politik und Wirtschaft hat, sowie langjährige Erfahrung beim ‚State Branding‘". Beides trifft auf WMP zu – jedenfalls nach der Eigenwerbung der Firma.

Ohne zusätzliche Public-Relations-Bemühungen drohten dem chinesischen Projekt große Gefahren, warnte der PR-Experte. "Die EU und auch Deutschland könnten als Reaktion den westlichen Brückenkopf von BRI politisch behindern oder ganz blockieren", prophezeite Kurz – es sei denn, es gelinge, "das allgemeine Misstrauen durch gute PR-Arbeit (Governmental Relations) nach innen abzubauen" sowie "mit meinungsändernden wirksamen Aktionen nach außen (Media Relations)". 

Das bisherige eher schlechte Image des BRI-Projekts stelle "ein echtes PR-Desaster" dar, schrieb der Autor. Das "Fehlen einer Informationskampagne in Zentraleuropa" sei "eine Hauptursache, dass das Image der chinesischen Investitionen und auch von BRI immer zweifelhafter wurde".

"Chinas Gegner schlafen nicht"

Die chinesische Botschaft allein könne das nicht ändern, denn ein Diplomat könne "sich aus Stilgründen den Medien selbst nicht aufdrängen". Verstärkte Presse-Beziehungen, so Kurz, könne "nur eine deutsche PR-Agentur mit vielen vertrauensvollen Journalisten-Kontakten organisieren". Eine solche Imagekampagne verlange "Durchhalte-Bereitschaft bei der kontinuierlichen Beeinflussung der öffentlichen Meinung". Denn: "Chinas Gegner schlafen nicht."

Das alles klang wie die Bewerbung um einen Auftrag. An einigen Stellen schien der Ton des Papiers auch kurios. So beklagte Kurz "Reste von Antikommunismus", die die Wahrnehmung Chinas bei Journalisten negativ beeinflussen könnten. In der Führungsebene seiner Agentur - die wie gesagt mit dem Papier nach eigenen Angaben nichts zu tun hatte - gerierten sich sowohl Tiedje wie der gegenwärtige Vorstandschef Inacker bisher immer wieder prononciert als Konservative.

Mitarbeiter Kurz schlug den Chinesen zugleich vor, das BRI-Projekt zu "entpolitisieren". Man möge doch  statt von BRI von der "neuen Seidenstraße" sprechen ("es klingt seidenweich, angenehm, unbürokratisch"). Und er riet, die Vorteile für deutsche Hafenstädte wie Duisburg oder Hamburg herausstellen. Statt wie bisher mit roten Fahnen sollte China besser mit freundlichen Panda-Symbolen werben: "Stilisierte Panda-Silhouetten am Kopf der Lokomotive und Pandas an jedem Waggon würden die BRI-Züge aus China in der Öffentlichkeit liebenswert machen. Alle Menschen lieben Pandas." Darum habe ja auch Chinas Botschaft in Berlin "mehrere Panda-Figuren am Eingang - das ist politisch klug".

"Panda-Silhouetten am Zug"

Der Autor schlug außerdem gleich selbst mehrere "Story-Ideen" vor, für die man Journalisten gewinnen sollte. Man müsse "nur noch einen aktuellen Aufhänger suchen oder konstruieren". Etwa unter Titeln wie "Chinas Seidenstraße macht Duisburg reich". Auch Landschaftsreportagen und kulturelle Stories entlang der Seidenstraße könnten helfen und überhaupt liefen "Eisenbahn-Stories" sowieso "immer gut, wenn sie mit interessanten Aufhängern kombiniert werden". Die Koordination "einer solchen Story-Offensive" könne nur eine erfahrene PR-Agentur übernehmen, so der Berater. Sie müsse Infos, Bilder und auch "Reise-Einladungen für kooperative Journalisten beschaffen".

Der Ex-Journalist Kurz warnte ausdrücklich vor dem Versuch, Journalisten mit Falschbehauptungen zu manipulieren: "Journalisten kann man nicht kaufen, nicht manipulieren - schon der Versuch wäre im Falle der Aufdeckung ein Mega-Skandal", schrieb der Agenturmann. Er riet aber zum Aufbau eines Online-Archivs. Der Grund: "Die Archiv-Lage beeinflusst besonders unerfahrene Journalisten."

Zu seinen Ratschlägen gehörte auch, "eine Liste aller Journalisten" zu erstellen, die wiederholt über China geschrieben haben, mit dem Ziel der "Kontakt-Anbahnung". Auch eine "Liste der Befürworter und Gegner von BRI in Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik" werde helfen. Als besonderen Counterpart stellte er das von der Mercator-Stiftung 2013 in Berlin gegründete Merics-Institut heraus. Das Mercator Institute for China Studies, wie es mit vollem Namen heißt, habe "sich zum einflussreichen Kritiker Chinas" entwickelt und werde "dank seiner effektiven PR-Abteilung" oft von Journalisten zitiert.

Ob es dann - in Folge des laut WMP nicht von der Firma autorisierten Konzeptes - zu einem chinesischen Auftrag für die Agentur kam, ist unbekannt. Die Agentur ließ diese Frage unbeantwortet. Eine Mail an die chinesische Botschaft blieb ohne Reaktion.

Welche Rolle spielte der WMP-Berater bei Spionageermittlungen des BfV?

Aktuelle Brisanz gewinnt das pro-chinesische Papier des PR-Experten Kurz durch die Spionageermittlungen gegen Gerhard Sabathil, einen früheren hohen deutschen EU-Beamten, der dann führend für die Lobbyagentur Eutop tätig war. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Köln, das das Verfahren gegen Sabathil angestoßen hatte, soll sich dabei auch auf Aussagen des dann verstorbenen WMP-Mitarbeiters Kurz gestützt haben.

Von einem Wildtiermarkt in China soll das Coronavirus stammen (Symbolbild)

Bereits im März hatte die Bundesanwaltschaft in einem Schreiben an das BfV Zweifel an den Beweisen gegen Sabathil und zwei Mitbeschuldigte geäußert und nach der Rolle des WMP-Manns gefragt. Er kannte Sabathil schon seit Jahren. Die Ermittler wollten wissen, ob Kurz von der Kölner Behörde womöglich als Quelle geführt wurde und seit wann er eventuell in Kontakt mit dem Shanghai Institute for European Studies stand, das aus Sicht des BfV eine Tarnorganisation des chinesischen Geheimdienstes ist. Die Bundesanwälte fragten auch, ob es eventuell ausgerechnet dieser Hinweisgeber gewesen sei, der überhaupt den Kontakt zwischen dem Shanghaier Institut sowie einem dort angeblich tätigen chinesischen Führungsoffizier namens "Jimmy" und Sabathil hergestellt habe – ein Kontakt, den der Verfassungsschutz dann Sabathil und den Mitbeschuldigten vorwarf.

Die Nachricht, dass sich ein möglicher Zuträger des Verfassungsschutzes selbst den Chinesen als Helfer in PR-Fragen angeboten hatte, dürfte den Fall jedenfalls eher komplizieren.