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70 Jahre stern : Jay Ullal - vor seiner Kamera spielte sich die Weltgeschichte ab

Er erlebte die Kriege in Vietnam und im Irak, die Kriege der Araber gegen Israel und überlebte ein Massaker in Damur. Der Fotograf Jay Ullal hat nicht nur eine lebenslange Weltreise hinter sich, sondern machte einst den stern zu dem, was er heute ist. 

Von Raphael Geiger

1976 überrannten muslimische Kämpfer Damur und massakrierten alle Christen, die nicht schon geflohen waren

1976 überrannten muslimische Kämpfer Damur und massakrierten alle Christen, die nicht schon geflohen waren

"Anytime!", rief Jay Ullal ins Telefon. "Komm vorbei." An einem Freitagmittag öffnet er seine Haustür in Hamburg-Poppenbüttel, kurz vor seinem 85. Geburtstag, er sieht jünger aus. Auf dem Tisch liegt sein neues iPhone, er hat gerade Whatsapp für sich entdeckt.

Sein Haus: vorne schmal, ein deutsches Schrägdach. Nach hinten öffnet es sich, die Ullals haben angebaut und sich ein kleines Indien geschaffen. Die Stühle aus Holzornamenten, bestickte orangene Kissen. Der Teppich an der Wand ist ein Geschenk vom Dalai Lama.

Der Fotograf Jay Ullal bei sich zu Hause 

Der Fotograf Jay Ullal bei sich zu Hause 

Jay spricht ziemlich gut Deutsch, er mischt es mit dem Englisch, das er als Kind lernte. Er ist auch sprachlich zwischen den Welten geblieben.

Rajni, seine Frau, bietet Kaffee an, aber Jay will ihn selber machen. Er entschwindet in seinen Bereich nebenan. Da hat er eine kleine Küche. Und nur hier hängen sie an der Wand: seine Fotos. Hier arbeitet er inmitten seiner Arbeit:  Willy Brandt morgens beim Rasieren.  Ein Hochzeitspaar in Beirut mitten im Bürgerkrieg. Arafat ohne Tuch, mit Glatze.

Als die Christen massakriert wurden 

Jay Ullal hat sich vorbereitet, als wäre er selbst noch angestellt beim stern und er hätte einen Auftrag bekommen. Er hat den Ordner mit seinen stern-Geschichten auf den Tisch gelegt. Über 300 müssen es sein. Daneben liegen Drucke einiger seiner Kriegsbilder. "Du willst ja über die Kriege reden", sagt er. 

Er legt gleich los, rein in die Geschichte, die sein Leben ist. So hat er sich damals auch in die Welt gestürzt.

Es waren nur drei Stunden von Damaskus nach Beirut, allerdings war die Grenze dicht. Jay trieb einen LKW-Fahrer auf, der jeden Morgen die Zeitungen nach Beirut brachte. Der Mann ließ sich bestechen. Nur: Herrmann fand, es sei zu gefährlich. Sie tranken etwas. Als Herrmann ein paar Stunden später an Jays Tür stand, sagte er: Komm. Wir fahren.

Morgens um sieben trafen sie in Beirut auf Jassir Arafat. Der PLO-Führer residierte damals im Libanon. Jay hatte seinen Kontakt. Sie sollten mal in eines der Christendörfer fahren, meinte Arafat. Nach Damur, einem Ort südlich von Beirut an der Küste. Mit dem Schreiben von Arafat in der Hand wurden die stern-Leute durchgelassen.

Sie erlebten die Rache. Muslimische Kämpfer überrannten Damur und massakrierten alle Christen, die nicht schon geflohen waren. Sie erschossen sie vor Jays Kamera. Er fing die Blicke der Totgeweihten ein. Dann ihre Leichen. Und die Mörder.  Was er dabei dachte? "Gut, dass ich einen neuen Film eingelegt habe." Kai Herrmann lief aus dem Dorf hinaus und setzte sich auf einen Hügel. Währenddessen fotografierte Jay immer weiter, bis einer der Mörder ausflippte und ihn bewusstlos schlug. Als sie nach Hamburg in die Redaktion zurückkamen, gratulierten die Kollegen zum Weltscoop. Herrmann bekam Champagner, Jay Whiskey.

Die Opfer des Massakers von Damur

Die Opfer des Massakers von Damur

Die Jagd nach den "untold stories"

Jay zuzuhören ist, als würde das 20. Jahrhundert als Film durchlaufen. Es ist auch eine Reise in die Zeit, als der stern berühmt wurde. Berühmt dafür, dass Henri Nannen und seine Redaktion jede Woche das aufregendste Magazin der Welt machen wollten. Das war der Ehrgeiz. Und es bedeutete eine unendliche Suche nach den "untold stories", wie Jay sagt, den exklusiven, den unerzählten Geschichten, solche, die jeder sofort lesen wollte. Und: sehen. Durch die Kamera der Fotografen wie Jay.

Jay Ullal war seit 1970 in der Redaktion, und erst als das Jahrhundert zu Ende ging, hörte er auf. Ein Nachfolger von Henri Nannen hat mal gesagt, Jay habe den stern erst zu der Zeitschrift für Fotografie gemacht.

Dieses Magazin wollte immer ein bisschen weniger provinziell als das Land sein, und Jay war das Gegenteil von provinziell. Jay hat den stern erlebt. Und der stern erlebte Jay. Seinen Blick auf die Welt, der anders war, schon weil er nicht im Wirtschaftswunder groß wurde, sondern in einem Entwicklungsland. Weil er wusste, wie man sich durchschlug. Wie man überlebt im Dschungel und im Krieg, indem man die Sprache der Leute spricht.

Jay hatte zwei Waffen: seine Höflichkeit, und seine street credibility.

Der ehemaliger Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation Jassir Arafat ohne Kopftuch

Der ehemaliger Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation Jassir Arafat ohne Kopftuch

Eine Wahrsagung erfüllt sich 

Wenn er heute, an diesem Nachmittag in Poppenbüttel, erzählt, dann ist es, als wäre sein ganzes Leben eine einzige große Geschichte gewesen. Eins der Fotos an der Wand zeigt Jay als Baby neben seinen Brüdern und seiner Tante im Sari. Ein Wahrsager prophezeite ihm, er werde mit kleinen Geräten um die Welt reisen. Sein Vater, ein Beamter, glaubte dem Mann, der Junge würde Chirurg werden, dachte er.

Jay kaufte sich für 15 Mark eine Kamera. Er brach aus, ging nach Mumbai, fing als Kabelträger in Bollywood an und kam ins Filmbusiness. Er wollte eigentlich immer nur: weg, weit weg, und rein in die Welt. Was erleben.

Für die "Times of India" fuhr er an die chinesische Grenze, wo der Dalai Lama erwartet wurde. Der Dalai Lama marschierte ins Exil. Mitten in der Provinz warteten Journalisten aus der ganzen Welt auf ihn. Aber nur Jay bekam von der indischen Armee ein Zelt gestellt und jeden Tag eine Ration Rum. "Army Rum", sagt Jay, als hätte er den Geschmack noch auf der Zunge: "Very good rum."

Für den Stern war Rolf Gillhausen vor Ort. Der bemerkte Jays Rum-Vorrat. Und Jay sagte: "No problem, Sir." Er sprach mit dem Major, der dem deutschen Gast gern eine Freude bereitete. Es was Jays erster Kontakt mit dem stern. Und seinem späteren Chef.

Sein Rum-Vorrat bringt Jay zum stern

Rajni heiratete er gegen den Willen der Familie. Auf einer Reise nach Europa setzten sich die beiden ab, und auf Vermittlung von Gillhausen bekam Jay einen Job bei der Illustrierten "Constanze". Homestories. Die Reichen und Schönen der 60er. Die Hochzeit von Jackie Kennedy und Aristoteles Onasssis. Henri Nannen ärgerte sich, wenn er Jays Fotos in der Constanze sah.

Als die Constanze eingestellt wurde, wechselte er. Gillhausen machte Jay ein Angebot. Jay allerdings wollte erst noch einen Deutschkurs machen. Während Jay in Lüneburg Deutsch lernte, fragte Nannen in der Hamburger Redaktion: "Wo ist denn mein Inder?"

Er ließ ihn einladen. Den Vertrag unterschrieb Jay noch am selben Tag. Und das Geld für den Sprachkurs ließ Nannen ihm von seiner Sekretärin gleich bar erstatten. "Sie müssen nicht Deutsch können, um hier zu arbeiten", sagte Nannen. "Ich will, dass Sie für mich fotografieren."

Jay hörte von Henri Nannen vor allem immer den Satz: Fahren Sie los. Oder: Was machen Sie denn noch hier, setzen Sie sich in den Flieger.

Immer wieder Kriege

Dieser stern hatte Lust auf die Welt. Nannen bezahlte seine Fotografen besser als die schreibenden Reporter. Mehr Platz im Heft bekamen sie auch. Und die Texte dazu sollen bis heute am besten erzählen wie Fotos: nah dran und beobachtend statt kommentierend.

Hier war Jay richtig, der wusste, dass man die überraschenden Stories nur draußen findet, oft zufällig, nie am Konferenztisch in Hamburg. Jay war unterwegs. Ständig. Vor allem, immer wieder, in Kriegen.

Er erlebte die Kriege der USA in Vietnam und im Irak, die Kriege der Araber gegen Israel. Und in den umkämpften Libanon fuhr er über sechzig Mal.

In Beirut saß er mit einem Reporter abends im Hotelzimmer, sie spielten Karten, auf einmal Beschuss. Wir müssen raus, sagte Jay. Nein, sagte der Reporter, ich habe gerade so gute Karten. Wir müssen los, sagte Jay, sofort. Nicht weil er Angst gehabt hätte. Er wollte fotografieren, was draußen passierte.

Unten am Pool standen sie, als eine Granate ins Hotel einschlug. Später wollten sie zurück in ihr Zimmer. Es war vollkommen zerstört. "Manchmal ist es Glück", sagt Jay. "You know."

Ein anderer Reporter hatte einen Herzinfarkt, als sie schon im Auto von Beirut zurück nach Damaskus saßen. Sie brachten ihn ins amerikanische Krankenhaus von Beirut, der Mann überlebte, aber er fuhr nie mehr in Kriegsgebiete.

Jay schon.

Ein Hochzeitspaar streift durch die Ruinen von Beirut

Ein Hochzeitspaar streift durch die Ruinen von Beirut

Überall zuhause

In den 80ern wurde er entführt, im philippinischen Dschungel. Jay und der Reporter, der ihn begleitete, sollten niederknien, der Anführer richtete seine Pistole auf den Reporter. Der hatte keine Worte mehr. Aber Jay: "Denk doch mal nach, Commander", sagte er. Ganz ruhig. "Wir können doch ins Geschäft kommen. Für einen toten Weißen zahlt dir niemand etwas."

Damit rettete er ihm und sich das Leben. Der stern zahlte für die Freiheit seiner Mitarbeiter 20.000 Dollar.

Ein stern-Reporter, mit dem Jay viel auf dem Balkan unterwegs war, hieß Gabriel Grüner. Der fragte Jay einmal: Wie verarbeitest Du den ganzen Schrecken? "Ich höre nicht auf zu fotografieren", sagte Jay.

Kam er nie an den Punkt, an dem er es nicht mehr ertragen konnte? Manchmal, sagt Jay. Er trank viel Whiskey abends, am nächsten Tag zog er wieder früh los und arbeitete.

Einmal ging er zu Nannen. Er wolle nicht mehr nur Kriege machen. Schlagen Sie was vor, antwortete Nannen. Daraufhin reiste Jay mit, als deutsche Neckermann-Touristen zum ersten Mal in indischen Maharadscha-Palästen abstiegen. Andere Deutsche fand er in Puna, in der Kommune des Gurus Baghwan, wo sie sich beim Gruppensex vergaßen.

Liebe. Das ist es, wenn Jay von Henri Nannen und vom stern erzählt. Der stern war für beide nie nur ein Job. Man merkte es den Heften an. Es war wöchentliche Hingabe.

Jay wurde so ein Mensch, der überall zu Hause ist. Der überall jemanden kennt. Vielleicht passt dieses Wort gut zu ihm: ein "Weltbürger".

Eine lebenslange Weltreise hinter sich

In der Konferenz ging es um eine Reportage über den Totenkult auf Sulawesi in Indonesien. Jay hob die Hand und sagte: Ich kenne den Schwiegersohn des Staatspräsidenten. Er rief ihn gleich an und besorgte sich die Genehmigung. Es wurde eine "große Farbe", wie es beim stern heißt: sieben Doppelseiten Fotos. "Fantastic", sagt Jay. Er kann sich darüber immer noch freuen, vierzig Jahre später. 

Er sitzt in seinem Zimmer in Poppenbüttel und wechselt spielend die Kontinente, die Flughäfen, die Geschichten.  Sarajevo. Palästina. Der Völkermord in Ruanda. Der "Putsch im Paradies" auf den Komoren. Vietnam. Beirut, immer wieder.

Als er in Damur das Massaker fotografierte, blitzte er in einen Raum hinein, in dem ein altes Paar auf dem Boden lag. Über ihnen einer der Kämpfer, er war kurz davor sie zu erschießen. Jays Blitz störte ihn, er ging auf ihn los.  Später bekam Jay einen Brief vom Sohn der beiden. Jays Blitz hatte ihnen das Leben gerettet.

Jay ist jetzt 85 und hat immer noch die Augen von dem Baby auf dem Foto an der Wand. Damals kannte er nichts außer seiner Stadt in Südindien. Heute hat er eine lebenslange Weltreise hinter sich. Er hat die Menschen in ihren besten und in ihren schrecklichen Momenten kennengelernt.

Er sagt, wenn er heute einen spannenden Auftrag bekäme, würde er sofort wieder losfahren.