Jena Six Ein gefällter Baum und "tödliche" Turnschuhe


Die Rassentrennung ist Geschichte, die alltägliche Diskriminierung nicht. Spannungen zwischen Weiß und Schwarz, Missverständnisse und einseitige Rechtsauslegung rückten das Städtchen Jena im US-Bundesstaat Louisiana ins Zentrum der Weltöffentlichkeit.
Von Michael Streck

Das Städtchen Jena im US-Bundesstaat Louisiana ist ein verschlafenes Nest von 3000 Einwohnern. 86 Prozent der Bevölkerung sind weiß, 12 Prozent schwarz. Sie haben einen Wal-Mart in Jena und einen großen Eisenwaren-Laden, vier Schulen, ein paar Kirchen. Jena, Louisiana, ist ein Kaff wie Abertausende in den Vereinigten Staaten. Aber spätestens seit Donnerstag steht dieses Jena im Zenturm des nationalen Interesses. 15.000 Demonstranten aus dem ganzen Land fluteten den Ort, das Fernsehen übertrug live, Jena war Top-Meldung in den Abend-Nachrichten, Politiker sprachen und Bürgerrechts-Vertreter. Der Präsident meldete sich aus Washington zu Wort; ihn machten die Vorgänge in Jena sehr traurig, sagte er. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson kam und auch Reverend Al Sharpton aus New York. Sharpton ist immer da, wenn es um die Belange der Schwarzen in Amerika geht.

Jena wird nie mehr sein wie es war.

Dies ist die Geschichte der sogenannten Jena Six. Sie handelt von Spannungen zwischen Weiß und Schwarz, von merkwürdig einseitiger Rechtsauslegung, von Missverständnissen, von Rassismus, aber auch von der Macht der neuen Medien, von der Macht des Internets. Denn ohne Foren und Petitionen und Blogs, ohne die Kraft des World Wide Web hätte es die Geschichte vermutlich nicht in die Mainstream-Medien gebracht. Es ist eine Geschichte, die lapidar beginnt mit einem Baum auf dem Gelände der Jena High School auf einer Rasenfläche. "The Whites Only Tree" wurde dieser Baum genannt, denn im Sommer saßen darunter im Schatten fast ausnahmslos weiße Schüler. Es hieß, an der High School sei es unausgesprochenes Gesetz gewesen, dass der Schatten nur für Weiße sei. Hier beginnt der Irrsinn – weißer Schatten, schwarzer Schatten. Man könnte das alles für einen schlechten Witz halten, aber es ist ernst und makaber und offenbart, wie zerrissen Amerika immer noch ist.

Drei Schlingen am Baum

Ende August 2006 fragt ein neuer, schwarzer Schüler den Direktor, ob auch er unter diesem Baum sitzen dürfe im Schatten, und selbstverständlich darf er das. Dies ist eine integrierte Schule, die Zeiten der Rassentrennung liegen Jahrzehnte zurück. Aber drei weiße Teenager protestieren, es ist ihr Schatten, whites only. Am nächsten Morgen hängen drei Schlingen am Baum, und Anthony Jackson, einer von zwei schwarzen Lehrern der Schule scherzt noch mit einem Kollegen: "Eine ist für mich, eine für dich, aber für wen ist die dritte?" Das Lachen vergeht ihm alsbald. Die drei weißen Schüler werden milde abgestraft, das ganze sei ein Streich, mehr nicht. Aber es ist mehr. Einige schwarze Schüler, die Stars des Football-Teams, organisieren einen stummen Protest unter dem Baum. Die Polzei kommt und auch der Bezirksstaatsanwalt Reed Walters, ein Wort ergibt das andere, Walters droht angeblich: "Mit einem Strich meines Kugelschreibers hier könnte ich Euer Leben beenden." So ist die Stimmung an der Jena High School.

Anklage wegen Waffendienstahls

In den Wochen danach kommt es immer wieder zu Reibereien. Sie werden gedeckelt, weil das Football-Team in der Saison ziemlich erfolgreich ist, und die besten Spieler sind: schwarz. Am 30. November brennt ein Gebäude auf dem Campus. Die Weißen verdächtigen die Schwarzen, die Geschichte eskaliert. Ein weißer Schüler bedroht Schwarze mit einem Gewehr, er wird überwältigt, sie nehmen ihm die Waffe ab, und der 16 Jahre alte Robert Bailey, schwarz, wird angeklagt wegen Waffendiebstahls. Die Stimmung an der Jena High-School nähert sich dem Siedepunkt. Am 4. Dezember vergangenen Jahres wird der weiße Schüler Justin Barker von sechs Schwarzen bewusstlos geschlagen und gegen den Kopf getreten. Barker kommt ins Krankenhaus, wird aber noch am selben Tag entlassen und geht abends zu einem Schulfest. Gegen die sechs Schüler, die Jena Six, wird Anklage erhoben; in fünf Fällen wegen versuchten Mordes. Der jüngste von ihnen, Mychal Bell, war zum Zeitpunkt der Tat 16 Jahre alt. Er ist der einzige, der bislang vor Gericht stand; ihm drohen 15 Jahre Haft. In der Anklage heißt es, dass die Turnschuhe der sechs Jungs "eine tödliche Waffe" seien.

Gefängnis für die schwarze Minderheit

Vermutlich wäre die Geschichte versickert im täglichen Nachrichtenstrom, aber Bürgerrechtler, Studenten, Schüler trieben die Debatte über das Internet ins Fernsehen und in die Zeitungen. Jena ist nun berühmt, traurig berühmt, und der Höhepunkt war die Demonstration am Donnerstag. Es geht ihnen nicht nur um diesen Fall, "es geht um gleiches Recht für alle", sagt Al Sharpton. Denn: Afro-Amerikaner stellen zwar nur 12 Prozent der US-Bevölkerung, aber 44 Prozent aller insgesamt 2,1 Millionen Gefängnisinsassen. Schwarze landen statistisch betrachtet acht Mal häufiger im Knast als Weiße und verbüßen für identische Verbrechen durchschnittlich sechs Monate mehr hinter Gittern. Einmal verhaftet, ist die Wahrscheinlichkeit, auch verurteilt zu werden, für Schwarze dreimal höher als für Weiße. Das sind die Fakten. Das ist die Realität im Amerika des 21. Jahrhunderts.

Wie tief ist der Graben zwischen dem weißen und dem schwarzen Amerika wirklich? Nicht nur ökonomisch und sozio-kulturell. Sondern der Graben des Misstrauens. Vorurteile sind keine Einbahn-Straße. Im vergangenen Jahr wurden Studenten der Duke-Universität in Durham, North Carolina, der gemeinschaftlichen Vergewaltigung einer schwarzen Tänzerin angeklagt. Es gab Sondersendungen im Fernsehen, die Zeitungen waren voll - armes schwarzes Mädchen wird besoffen gemacht und gefügig und sexuell missbraucht. Die Geschichte hinter der Geschichte war, dass man betrunkenen weißen Studenten ein solches Verbrechen jederzeit zutraute. Sie hatte nur einen Haken, diese Geschichte: Sie stimmte nicht. Die Anklage implodierte, der zuständige Ermittler verlor seinen Posten und landete sogar kurzfristig im Knast.

Der Baum als Sündenbock

In Jena, Louisiana, warten sechs Schwarze auf ihr Verfahren. Die Schul-Leitung hat den Baum an der Jena High School fällen lassen. Es gibt keinen weißen und schwarzen Schatten mehr. Statt dessen hängt der Schatten des Rassismus über der ganzen Stadt.


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