HOME
Analyse

US-Wahlkampf: Warum sich Joe Biden im Kampf gegen Trump in einer strategischen Zwickmühle befindet

Joe Biden könnte sich an einem Wendepunkt seines Wahlkampfes befinden: Geht er auf die Anschuldigungen von Donald Trump ein – oder sitzt er sie aus? Biden, der US-Präsident werden will, gerät unter Zugzwang.  

Ukraine-Affäre: Trump rät auch China zu Ermittlungen gegen die Bidens

Joe Biden ist in eine "Schlacht um die Seele unserer Nation" gezogen, als er seine Kandidatur für die US-Präsidentschaft ankündigte. Um den "Charakter unserer Nation" zu bewahren, die "Werte" und die "Idee" von Amerika.

Nun wähnt sich Biden, 77, in einer schmutzigen Schlammschlacht um die Wahrheit und um seine Kernbotschaft. 

Seit Tagen verbreitet Donald Trump unbelegte Anschuldigungen, die den Präsidentschaftsbewerber der Demokraten und seinen Sohn offenbar beschädigen sollen (lesen Sie hier mehr zu dem Thema). Der frühere Vizepräsident und erfahrene Politiker scheint sich noch nicht auf eine Strategie festgelegt zu haben, wie er mit den schwerwiegenden Unterstellungen umgehen soll.

Seit Beginn des Wahlkampfes zielt Bidens Strategie darauf ab, sich als einzig aussichtsreicher Kandidat gegen Trump zu positionieren. Als Präsident für die Unvereinigten Staaten von Amerika, der Trump moralisch überlegen ist, ihn schlagen und die "Seele unserer Nation" heilen kann. Sein bisher unentschlossener Umgang mit den Anschuldigungen kratzt an diesem Ruf. 

Joe Biden in der strategischen Zwickmühle

Bisher hat sich Biden eher gesträubt, offensiv auf die Anschuldigungen einzugehen. Am Freitag fragte ihn ein Reporter, ob die Arbeit seines Sohnes in der Ukraine einen Interessenkonflikt darstelle. "Ich werde nicht darauf reagieren", antwortete er aufgebracht. "Wir müssen uns auf das Problem konzentrieren. Fokussiert euch auf diesen Mann. Was er tut, hat bisher noch kein Präsident getan. Kein Präsident!" 

Trumps Wahlkampfteam veröffentlichte daraufhin einen Clip von der Szene. "Was hat er zu verstecken?", heißt es in dem Tweet. Biden würde bei einer "simplen" Frage "explodieren".

Trumps aggressiver Wahlkampf bringt Joe Biden in eine strategische Zwickmühle: 

Soll Biden auf die haltlosen Anschuldigungen einsteigen? Dann springt er kopfüber in den Sumpf, in dem Trump wie der Teufel im Schwefelbad sitzt – und bläst die Unterstellungen womöglich nur (noch) weiter auf. Reagiert er mit einer heftigen Gegenoffensive läuft er Gefahr, seinen Ruf als Saubermann und Gegenentwurf zu Trump zu verspielen, der unentwegt mit Dreck wirft.

Soll Biden das Thema aussitzen? Das könnte den Eindruck erwecken, dass Biden keinen Biss hat – und Trump ungerührt dabei zu sieht, wie er haltlose Anschuldigungen in die Welt setzt. 

"Es wird Zeit klar zu reagieren, sodass es jeder hört", zitiert die "New York Times" den US-Demokraten Cedric Richmond. "Wenn jemand etwas oft genug sagt, fangen die Menschen an das zu glauben, und dieser Präsident erzählt eine Lüge immer und immer wieder." Man müsse sicherstellen, dass niemand diese Lüge glaube, so Richmond. David Plouffe, der ehemalige Wahlkampf-Manager des früheren US-Präsidenten Barack Obama, sieht in einer Gegenoffensive eine Chance. Biden sollte diesen Moment nutzen und "Trumps Gegner" werden, zitiert ihn die Zeitung. Er verstehe nicht, dass Biden daraus nicht Kapital schlägt.

Für welche Strategie sich Joe Biden entscheiden wird, liegt in seiner Hand. Dass etwas passieren muss, dürfte außer Frage stehen. Sein einst deutlicher Vorsprung in Umfragen schmilzt dahin, im dritten Quartal dieses Jahres sammelte er weniger Wahlkampfspenden ein als seine Konkurrenten und Trumps Beschwörung der Verschwörung scheint zunehmend zu verfangen. "Aktuell wirkt Joe Biden mehr verwundbar, als zu keinem Zeitpunkt seiner Kampagne", bilanziert die "New York Times".

Quellen: "New York Times", RealClearPolitics, "Joe Biden For President: America Is An Idea"