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Ex-Vizepräsident gegen Trump: Joe Biden, Präsident für die Unvereinigten Staaten von Amerika

Für viele Demokraten ist Joe Biden, 76, Wunschkandidat im Rennen um die US-Präsidentschaft. Es spricht einiges für den den einstigen Vize unter Obama, aber auch einiges gegen ihn. Wer ist der Mann, an den so unheimliche Erwartungen geknüpft werden?

Joe Biden

Joe Biden, früherer US-Vizepräsident, steigt für die Demokraten ins Rennen um die Präsidentschaft 2020 ein

AFP

Alle warteten auf Joe Biden. So wirkte es jedenfalls, als sogar ein Versprecher des 76-Jährigen für Jubelschreie und Schlagzeilen sorgte. "Tritt an, Joe, tritt an!", riefen sie dem Polit-Urgestein zu, als er Mitte März bei einer Veranstaltung in seinem Heimat-Bundesstaat Delaware auf der Bühne stand. Fast (und vermutlich versehentlich) hätte er da schon seine Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten angekündigt. Er bekam noch die Kurve, lächelte den vielsagenden Versprecher weg. "Ich habe es nicht so gemeint.", sagte er der jubelnden Menge. Und: "Hebt euch eure Energie noch auf, ich werde sie womöglich in ein paar Wochen brauchen."

Nun, paar Wochen später, ist dieser Zeitpunkt tatsächlich gekommen. Der ehemalige Vizepräsident von Barack Obama steigt ins Präsidentschaftsrennen 2020 ein und fordert Amtsinhaber Donald Trump heraus. Am Donnerstag veröffentlichte er via Twitter eine Videobotschaft, in der er seine Kandidatur ankündigte. Bereits am Mittwoch hatten mehrere Medien unter Berufung auf Vertraute über seine Pläne berichtet. 

Es ist der Startschuss für eine Kampagne, der große Erfolgschancen nachgesagt werden. Biden, von vielen liebevoll "Onkel Joe" genannt, gilt vielen als Hoffnungsträger. Wer ist der Mann, an den so unheimlich große Erwartungen geknüpft werden?

Präsident für die Unvereinigten Staaten von Amerika

Joe Biden ist einer beliebtesten Politiker des Landes, schon deswegen ist er für viele ein Wunschkandidat. Noch bevor er sich zum Mitbewerber erklärte, führte er die Favoritenliste der Demokraten beständig an. Was schätzen die Amerikaner an "Onkel Joe"? Die kurze Antwort: Er ist ein Mann des Volkes, so sehen es jedenfalls seine Unterstützer.

Joseph Robinette "Joe" Biden, Jr., Jahrgang 1942, stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wuchs in einer katholischen Arbeiterfamilie in Pennsylvania auf, sein Vater war Autoverkäufer. Nach einem Jura-Studium in Wilmington (US-Bundesstaat Dellaware) arbeitete er als Anwalt, heiratete seine Highschool-Liebe und wurde Vater von drei Kindern. In seinem Leben erfuhr er viele Schicksalsschläge. 1972 kamen bei einem Autounfall seine Frau und seine einjährige Tochter ums Leben, seine beiden Söhne wurden verletzt – an ihrem Krankenbett legte er seinen Amtseid für den US-Senat ab. Ihnen zuliebe blieb er in Wilmington und pendelte täglich mit dem Zug nach Washington. 1977 heiratete er erneut, aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor. 1988 wurde ihm erfolgreich ein Gehirntumor entfernt, 2015 musste er seinen Sohn Beau nach langer schwerer Krankheit beerdigen.

Allein sein Background macht Biden besonders. Aber auch seine Herkunft sehen viele als erfolgsversprechend. Das Kalkül: Ein einfacher (und weißer) Mann aus dem Rostgürtel Pennsylvanias könnte gute Chancen haben, das Arbeitermillieu abzuholen – und damit jene Wählerschicht zurückerobern, die 2016 an Trumps Republikaner verloren ging.

Wählerinnen und Wählern, denen das Kandidatenfeld der Demokraten zu links erscheinen könnte, könnten sich bei Biden gut aufgehoben fühlen: Er kann am linken wie rechten Flügel punkten und gibt sich in als Vermittler und Versöhner. Beispiel: Einerseits setzte er sich für die Ehe für alle ein, andererseits lehnte er Forderungen nach einer staatlichen Einheitskrankenkasse ab. Ein Umstand, über den er selbstironisch scherzt. So habe er in der "New York Times" gelesen, erzählt er im Januar bei einer Veranstaltung, dass seine mögliche Kandidatur ein großes Problem hätte: Er würde ja Republikaner mögen. "Na gut, in diesem Fall: Vergib' mir, Vater, denn ich habe gesündigt", sagte er und bekreuzigte sich. Die Lacher waren ihm sicher. 

Bidens stärkste Argumente sind allerdings seine Erfahrung und Beliebtheit: Von 1973 bis 2009 war er US-Senator für Delaware, anschließend acht Jahre Vizepräsident. Seine Freundschaft mit Präsident Obama - verbrieft in zahllosen Videos und Memes im Netz – machten ihn zu einem der beliebtesten und bekanntesten Politikern des Landes.

Trump gegen Biden

Einen kumpelhaften aber kompetenten Politiker, einen Charismatiker statt Choleriker: Ist es das, was Donald Trumps Unvereinigte Staaten von Amerika gerade am meisten brauchen? "Wir brauchen einen Kapitän, der uns durch stürmische See führen kann", schrieb jedenfalls der demokratische Stratege Peter Fenn auf dem US-Portal "The Hill". 

Joe Biden hat sich nicht immer rühmlich hervorgetan 

Bidens lange Laufbahn birgt aber auch Stoff, der gegen ihn verwendet werden könnte. So sprach er sich etwa 1975 gegen Maßnahmen zur Aufhebung von Rassentrennungen an Schulen aus. 1988, bei seiner ersten Präsidentschaftskandidatur, flog er damit auf, wie er Passagen seiner Rede beim britischen Labour-Party-Vorsitzenden Neil Kinnock kopiert hatte. Er zog seine Bewerbung nach sechs Wochen zurück. Später räumte Biden ein, dass Anita Hill bei ihrer Anhörung 1991 vor dem Justizausschuss – dessen Vorsitzender er war – "diffamiert" worden sei. Hill hatte dem Bundesrichter Clarence Thomas sexuelle Belästigung vorgeworfen.

Und auch Biden selbst musste sich jüngst unangemessenes Verhalten von Frauen vorwerfen lassen. Die Demokratin Lucy Flores etwa erklärte, Biden habe sich 2014 bei einem ihrer Wahlkampfauftritte von hinten genähert, an ihrem Haar gerochen und ihr einen Kuss auf den Hinterkopf gegeben. Eine andere Frau hatte berichtet, Biden habe 2009 bei einer Veranstaltung seine Hand um ihren Hals gelegt und sie an sich gezogen, um seine Nase an ihrer zu reiben. Biden gelobte nach den Vorwürfen Besserung: "Ich werde künftig aufmerksamer und respektvoller sein mit dem persönlichen Raum von Menschen", versprach Biden in einem Video-Clip.

Also: Auch ein Joe Biden hat sich in seiner Karriere nicht immer mit Ruhm bekleckert.  

Darüber hinaus ist sein Wirken mit Widersprüchen verbunden, die er im Wahlkampf auflösen muss. Als jahrzehntelanger Bestandteil des Politikbetriebs sind auch viele Probleme, die von Trump (und seinen Wählern) beklagt werden, theoretisch auch auf ihn zurückzuführen. Außerdem muss er, ein 76-jähriger weißer Mann, gegen ein diverses und frisches Bewerberfeld bestehen.

Und er wird bei Null starten, finanziell gesehen. Laut "New York Times" hat Biden noch keine Wahlkampfspenden gesammelt. Die Zeitung rechnet vor: Der 76-Jährige müsste jeden Tag über 100.000 US-Dollar an Wahlkampfgeldern generieren, um bis Weihnachten mit Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders – der mittlerweile knapp 27 Millionen Dollar gesammelt und Millionen-Reserven aus dem letzten Wahlkampf hat – gleichzuziehen. Aus dem ersten Gradmesser für seine Erfolgschancen könne außerdem ein Glaubwürdigkeitsproblem resultieren, glaubt das Blatt: Wie "Mittelklasse" und unabhängig wirkt Biden noch auf die Basis, sollte er Abermillionen im Rekordtempo von Unternehmen und politischen Insidern zusammenkratzen? Davon bräuchte er zudem viele: Individuen könnten maximal 2800 Dollar spenden, schreibt die "New York Times". 

Ein Selbstläufer dürfte Bidens Kandidatur nicht werden. Er wird es vermutlich wissen. Vielleicht sagte er auch deshalb: "Hebt euch eure Energie noch auf, ich werde sie womöglich in ein paar Wochen brauchen."

Quellen: "The New York Times", "Five Thirty Eight", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Süddeutsche Zeitung"

fs