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US-Politik: Hoffnungsträger der Demokraten: Wo Kennedy draufsteht, muss ein Präsident drinstecken

Die ausgelaugten US-Demokraten haben ein Problem, es fehlt ihnen ein echter Präsidentschaftskandidat. Da kommt dieser 37-Jährige gerade recht: Joseph Patrick Kennedy III. Doch noch kokettiert der Spross aus der berühmten Familie mit seinem Unwillen.

Joe Kennedy

Joe Kennedy vor dem Kapitol in Washington - ein Kennedy, wie er im Buche steht

DPA

Wo Kennedy draufsteht, ist auch ein Präsident drin. So geht das seit 55 Jahren, seit sich John F. in die Herzen der Menschen charmierte. Dessen bewegte Amtszeit währte zwar nur 34 Monate, doch er pfropfte dem Namen Kennedy so viel Verheißung auf, dass jedes Familienmitglied Ambitionen aufs höchste Amt in den USA explizit ausschließen muss, anstatt sie zu bekunden. Auch Joe Kennedy macht da keine Ausnahme, scherzhaft zwar, und dennoch die Herzen seiner Partei reihenweise brechend.

Kandidiere nur, wenn Oprah kandidiert

"Wenn Oprah Winfrey kandidieren würde und ich als Vizepräsident in ihrem Windschatten mitsegeln könnte, warum nicht?", sagte er jüngst in einem Podcast des US-Magazins "Politico" belustigt. "Also Oprah, wenn du das hier hörst, leg los", so der 37-Jährige heiter. Die Botschaft ist klar: Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass sich die TV-Talkqueen zur Wahl stellen würde, wäre er mit an Bord. Aber - wie das manchmal so ist mit solchen Äußerungen - manchmal spricht aus ihnen nur das reine Herz. Weil die Wahrheit wie ein Scherz klingt. Jedenfalls ist es nicht so, als dass sich Kennedy verstecken würde.

Als Donald Trump Ende Januar seine Rede zur Lage der Nation ablieferte, war es der Großneffe des früheren Präsidenten, der für die Opposition zur Gegenrede anhob - keine Aufgabe, die üblicherweise ambitionslosen Hinterbänklern überlassen wird. Auch wählte Kennedy Worte, die in ihrer Sonntagredenhaftigkeit jeder Demokrat sofort unterschreiben würde:  Trumps Präsidentschaft richte sich gegen alles, was Amerika ausmache und sei ein Angriff auf die amerikanischen Werte, sagte er. Glaubt man den Umfragen, sprach er nicht nur für seine Partei, sondern für alle Amerikaner, die unzufrieden mit ihrem Staatsoberhaupt sind. Immerhin rund zwei Drittel der Bevölkerung.

Joe Kennedy mit dem berühmtem Familiengrinsen

Es war eine Ansprache, die vielleicht nicht gerade wie eine Bombe einschlug, aber durchaus Aufmerksamkeit erregte. Was natürlich auch an seinem berühmten Namen lag. Und am Alter. Das nicht immer milde Schicksal hat die Kennedys ja zu einer Art dauerjugendlichen Familie gemacht. John F., Bobby, David, JFK Jr. - sie alle starben viel zu jung. Wer an Kennedy denkt, denkt nie an alte Leute, sondern immer nur strahlend junge Menschen, die mit ihrem berühmten Familiengrinsen die Massen begeistern. Auch Joe hat es abbekommen. Passend dazu ist seine Frau Lauren, natürlich nicht nur attraktiv, sondern auch klug und erfolgreich, ihre beiden Kinder Eleanor, 3 Jahre, und James Matthew, 3 Monate, klein und entzückend.

Der Weg in die Politik scheint für einen Kennedy so unausweichlich zu sein. Nach zwei Studiengängen an Eliteunis (Ingenieur in Stanford, Jura in Harvard) ließ sich der Enkel des 1968 ermordeten Präsidentenbruder Robert Kennedy  ins Repräsentantenhaus wählen. 2016 dachte er über die Kandidatur für seinen Senatssitz nach, doch der Plan zerschlug sich. Politisch steht Joe Kennedy III irgendwo links der Mitte, Schwerpunkt Bildungspolitik. Nach der jüngsten Schul-Schießerei forderte er erneut die Verschärfung des Waffenrechts, wie die Mehrheit seiner demokratischen Partei. "Bevor Schüler wissen, wie man den Kugeln eines AR-15 ausweicht, sollten sie Algebra gelernt haben", schrieb er auf Twitter.

Es sind Sätze, bei denen liberalen Amerikanern das Herz aufgeht, denn bei den Demokraten ist es ja gerade so, dass sie eigentlich niemanden haben, den sie bei der nächsten Präsidentschaftswahl ins Rennen schicken könnten. Die letzte Kandidatin Hillary Clinton war ein Flop - trotz ihres ebenfalls berühmten Namens. Wohl eher wegen ihres berühmten Namens. Die letzten verbliebenen prominenten Gesichter der Partei sind entweder zu alt oder zu weiß oder, schlimmer noch, alt, weiß und zu sehr Washingtoner Urgestein. Und da kommt Joseph Patrick Kennedy III ins Spiel: "Demokraten sind gut darin, Dinge zu analysieren", sagt Kennedy, nur müsse man jemanden haben, der daraus eine Politik macht, die die Menschen auch verstehen. Auch bei diesen Sätzen würde ihm niemand widersprechen.

Joe Kennedy - der perfekte Kandidat

Ja, Joe Kennedy bringt alles mit, was sich die ausgezehrten US-Demokraten von einem Kandidaten nur wünschen können: eine bestechende Analysefähigkeit, gewinnendes Auftreten, eine linksliberale aber nicht zu linksliberale Agenda. Erfahrung in Washington, aber dazu eine aufbruchverheißende Jugendhaftigkeit. Und dann noch diesen sagenhaft glamourösen Namen - da ist er endlich, der langersehnte wie perfekte Kandidat für die nächste Wahl. Zumindest auf dem Papier.


Doch Joe Kennedy weiß natürlich auch, dass eine mögliche Kandidatur, wenn er sie denn überhaupt in Betracht zieht, vor allem von präzisem Timing und der Konkurrenz abhängt. 2020 Donald Trump zu schlagen ist die eine Sache. Aber überhaupt erst einmal Kandidat zu werden, die andere. 2016 hatte die sehr früh ins Rennen gestartete Hillary Clinton plötzlich unerwartete, aber ernsthafte Konkurrenz von einem Außenseiter namens Bernie Sanders bekommen. Acht Jahre zuvor wiederum musste sie selbst erfahren, wie schnell der Favorit, also sie selbst, im Vorbeigehen von einem gewissen Barack Obama überrundet wurde.

Die Erfahrung zeigt also: Wer große Ambitionen hat, ist mitunter gut beraten, in aller Bescheidenheit erst einmal im Windschatten der Großen zu surfen und den richtigen Augenblick zum Überholen abzuwarten. Umfragen zufolge liegt Joe Kennedy bei einem innerdemokratischen Kandidatenrennen auf Platz vier hinter Ex-Vize-Präsident Joe Biden, dem Vorzeige-Sozialisten Bernie Sanders, dem Geheimfavoriten Cory Booker und der Senatorin Elizabeth Warren. Für Joe Kennedy gibt es also noch genug Windschatten, in dem er sich an die Präsidentschaft heransaugen kann.