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Kampf des Westens gegen IS: Im Zweifel mit Assad, aber ohne Syrer

Im Kampf gegen den IS scheuen die USA auch die Allianz mit Assad nicht, den sie seit drei Jahren angeblich bekämpfen. Die Angst vor Dschihadisten ist stärker als die Solidarität mit den Rebellen.

Von Steffen Gassel

Jürgen Todenhöfer wagte sich als einer der ersten aus der Deckung: "Die USA müssen mit Assad verhandeln", forderte er schon vor über einem Jahr im stern-Gespräch. Damals stand er mit dieser Meinung ziemlich allein. Kein Wunder: Der Diktator von Damaskus hatte wenige Tage vor Veröffentlichung des Interviews Wohnviertel seiner eigenen Hauptstadt mit Giftgas beschießen lassen. Hunderte – manchen Schät-zungen zufolge sogar weit über 1000 Menschen – waren eines qualvollen Todes gestorben.

Inzwischen ist Gras gewachsen über die Toten von Ain Tarma, Zamalqa und Muadhamiya. Von ihnen spricht heute niemand mehr. Stattdessen gewinnt - ein gutes Jahr und nochmal 100.000 Tote später - die Todenhöfersche Sicht der Dinge immer neue Anhänger. Zwar ist Annäherung an Assad noch immer nicht offizielle US-Regierungspolitik. De facto aber kooperiert die größte Militärmacht der Welt seit Wochen mit dem Regime in Damaskus.

Seit an Seit mit dem Diktator

Vor einem Jahr traute Barack Obama sich nicht, die eigene Drohung wahrzumachen und Assad für den Giftgas-Einsatz militärisch zu bestrafen. Heute schickt der US-Präsident seine High-Tech-Luftwaffe Seit an Seit mit den teuflischen Geschwadern des Diktators ins Gefecht. Während die schlagkräftigste Airforce der Welt (und ein paar fliegende Feigenblätter vom Persischen Golf) über dem nordsyrischen Kobane einen Angriff nach dem anderen gegen die anstürmenden Horden des Islamischen Staates fliegen, werfen Assads Hubschrauber über der von Rebellen kontrollierten Hälfte von Aleppo Fassbombe um Fassbombe ab.

Aleppo ist die Hauptstadt der Provinz, zu der Kobane gehört. Die beiden Orte sind gerade einmal 150 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Eine amerikanische F16 bräuchte keine fünf Minuten, um diese Distanz zu überwinden. Aber keine tut es. Wen wundert es da noch, dass von Assads noch vor Jahresfrist so gefürchteter Luftabwehr nichts zu hören ist - nun da tatsächlich ausländische Invasoren Angriffswelle um Angriffswelle auf syrisches Territorium fliegen?

Diktatorische Ruhe und Ordnung

"Die Assads werden die Oberhand gewinnen, Haus um blutbesudeltes Haus." Das hatte – ganz auf Todenhöferscher Linie – schon zum Jahreswechsel der ehemalige US-Botschafter in Syrien, Ryan Crocker, vorausgesagt. Den Verlauf des syrischen Krieges ändern könne der Westen nicht. Das sei so wie mit einem dieser außer Kontrolle geratenen Buschfeuer im wilden Westen der USA. "Du wartest einfach, bis ihm irgendwann die Nahrung ausgeht."

Crockers Analyse haben Obama und seine Militärs nicht beherzigt. Dafür arbeiten sie hart daran, seine Vorhersage von Assads Überleben an der Macht Wirklichkeit werden zu lassen. Den selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi zwingen sie, immer mehr seines – allen Schreckensszenarien zum Trotz begrenzten – Reservoirs an Kämpfern und Kriegsgerät im zur Entschei-dungsschlacht hoch stilisierten Kampf um Kobane zu verheizen. Derweil hat Assad freien Rücken für den Versuch, mit seinen ebenso dezimierten Truppen die Rebellen der Freien Syrischen Armee in deren wichtigster Hochburg Aleppo vom Nachschub abzuschneiden.

Kampagne gegen Assad? Einstellen!

Niemand in der US-Administration mag es bisher öffentlich so sagen. Doch wenn ein ehemaliger stellvertretender CIA-Chef von Assad als "unserem Mann in Damaskus" schreibt, dann darf man getrost davon ausgehen, dass diese Weltsicht auf den Fluren der Macht Anklang findet. Graham E. Fuller heißt der ehemalige Geheimdienst-Mann. Der Artikel, den er kürzlich im einflussreichen US-Magazin "Foreign Policy" veröffentlichte, liest sich wie ein Versuch, die Zeit zurückzudrehen. Zurück in die Jahrzehnte stabiler Diktaturen, als Ruhe herrschte im Nahen Osten. Friedhofsruhe.

Dem Regime in Damaskus, das Zehntausende der eigenen Bürger zu Tode gefoltert oder gebombt hat, bescheinigt Fuller "erstaunliches Geschick" im Kampf um die Macht und fordert allen Ernstes die "Wiederherstellung der alten Ordnung in Syrien" - mithilfe des Westens. Die ge-genwärtige "nutzlose Militärkampagne zum Sturz Assads" sei einzustellen. Denn: "Mit einer politischen Kehrtwende im Umgang mit Assad können wir wenig verlieren und viel gewinnen". Schließlich drohten sonst "zehntausende neuer Dschihadisten" auch aus Europa in den Kampf zu ziehen.

Assad hat IS erst ermöglicht

Fuller müsste wissen: Die Pläne des Westens von Training und Bewaffnung der FSA-Rebellen waren stets vage, in dreieinhalb Jahren Krieg wurden sie nie ernsthaft umgesetzt. Doch statt anzuerkennen, dass die FSA-Rebellen trotzdem schon vor einem Jahr auch gegen IS zu Feld zogen - und mit Erfolg - zieht er ihre Gesinnung in Zweifel. Und ignoriert, dass die wichtigste Rekrutierungs-Maskottchen der Dschihadisten genau der Mann ist, den er zum neuen Alliierten befördert sehen will: Assad, dessen Feldzug gegen das eigene Volk - gepaart mit westlicher Tatenlosigkeit - den Boden erst bereitet hat für den Todeskult des IS, der heute junge Muslime welt-weit in seinen Bann schlägt.

Das Ausmaß von Tod und Folter durch das Assad-Regime - gerade erschreckend dokumentiert in einer Foto-Ausstellung des Washingtoner Holocaust-Museums: Fuller blendet es aus. Genauso wie einen wichtigen praktischen Umstand: Assads Armee ist als Boden-Streitmacht im Kampf gegen IS kaum zu gebrauchen. Sie hält mit Mühe und Not und tatkräftiger Hilfe von Hisbollah, Iran und Russland eine Nord-Süd-Trasse am westlichen Rand des Staatsgebiets. Eine Rückeroberung der an IS verlorenen Gebiete steht nicht in ihrer Macht.

Assad - das kleinere Übel

In einem Punkt indes könnte Fuller Recht haben. Assad, den Massenmörder, nennt er schlicht "rational". Was stimmt. Schließlich ließ der die Dschihadisten absichtlich so lang gewähren, auf dass der Westen den Köder schlucken und ihn vom Hauptfeind zum kleineren Übel auf-werten würde. Nur: So meint Fuller es nicht. Er meint Assad, den Vorsteher eines funktionierenden Unterdrückungs-Apparats. Von dessen Renaissance träumt der Ex-CIA-Mann.

Und mag im Geiste hinzufügen: Hat in Ägypten doch auch geklappt. Davon, dass in den Knästen der Assads und Mubaraks genau die Hardcore-Dschihadisten herangezüchtet worden sind, die heute die internationale Dschihad-Elite stellen, erfährt man bei Fuller leider nichts.

Syrer fühlen sich vom Westen betrogen

Ob Jürgen Todenhöfer sich bestätigt fühlt, wenn er Fullers Zeilen liest? Millionen Syrer jedenfalls fühlen sich betrogen. Für den Versuch, sich von mehr als 40 Jahren Diktatur aus eigener Kraft zu befreien, müssen sie seit dreieinhalb Jahren mit dem eigenen Blut und dem ihrer Angehörigen und Freunde büßen. Über die Gräber der Hunderttausenden führt kein Weg zurück in das Syrien, das sie einst kannten, das wissen sie besser als jeder sonst. Was sie nicht erwartet haben: Ausgerechnet der Westen, der drei Jahre lang nicht müde wurde, Assads Sturz zu fordern, droht ihnen in den Rücken zu fallen. Aus panischer Angst vor einer Horde blutrünstiger Gotteskrieger.

Einer, der das, was von seiner Familie noch übrig ist, zurückgelassen und auf der Flucht aus dem Inferno von Aleppo übers Mittelmeer bis nach Deutschland kaum mehr gerettet hat als seine Würde und seine sanft gesprochene Höflichkeit, versuchte seinen Zorn vor ein paar Tagen mit einer Frage zu kaschieren: "Ist Köpfen denn schlimmer als Vergasen?"