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Kommentar

Unabhängigkeitsbewegung: Der große Irrtum - der katalanische Nationalismus führt in den Abgrund

Die katalanischen Separatisten wollen die Abspaltung von Spanien. Doch damit würden sie sich selbst, Spanien und ganz Europa Schaden zufügen, weil sich dahinter nur ein engstirniger Nationalismus verbirgt - und der war noch nie gut.

Spanien Katalonien

Unterstützer für die Unabhängigkeit Kataloniens demonstrieren in Barcelona

Die Lage in Katalonien ist verfahren. Die spanische Zentralregierung und die Separatisten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der konservative Regierungschef Spaniens, Mariano Rajoy, pocht unnachgiebig auf die Einheit des Landes und zeigt keinerlei Gesprächsbereitschaft gegenüber katalanischen Wünschen. Besonders geschickt ist die "harte Nummer" nicht, das muss man vorweg betonen. Zur Abstimmung über die Unabhängigkeit schickte Madrid Polizeieinheiten, die rüde gegen Wähler vorging. Intelligente Konfliktlösung geht anders. Reden, das würde helfen. Die verbohrte Haltung der spanischen Regierung ist also nicht ganz schuldlos an der kritischen Situation.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Zum anderen Teil gehört, dass die Separatisten, angeführt vom katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont, die Situation systematisch eskalierten, um sich ihr Ziel von der Unabhängigkeit zu erfüllen und den verhassten spanischen Staat vorzuführen. Sollte Puidgemont die Unabhängigkeit seines Landes am Dienstagabend erklären, würde die Lage im Nordosten Spaniens noch unkalkulierbarer werden.

Kurz erklärt: Kennen Sie die wichtigsten Separatisten-Bewegungen in Spanien?

Katalonien fühlt sich ungerecht behandelt

Sicher, der Wunsch der Katalanen nach größerer Unabhängigkeit ist nicht einfach aus der Luft gegriffen. Sie sind ein eigenes Volk, sie haben eine eigene Sprache und Kultur. Hinzu kommt: Die Region hat unter der faschistischen Diktatur Francos besonders gelitten. Viele Katalanen sehen in der konservativen Zentralregierung in Madrid nichts anderes als den in die Gegenwart reichenden Arm des Generalstaates. Verstärkt wird das Bedürfnis nach Unabhängigkeit durch die Tatsache, dass Katalonien zu den wohlhabendsten Regionen des Landes zählt. Sie erbringt rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung und sie zahlt kräftig für ärmere Landesteile. Die Autonomie des Baskenlandes, das noch reicher ist, geht im Vergleich zu Katalonien viel weiter. Die Basken zahlen nämlich nichts, außer für sich selbst. Das empfinden viele Katalanen als ungerecht. Ihr Wunsch nach mehr Autonomie ist berechtigt.

So weit, so gut. Aber woher kommt dieser Radikalismus, der gleich von der Schaffung eines eigenständigen Staates träumt, in dem die Probleme und Lasten, unter denen Spanien ächzt, auf einen Schlag wie weggefegt sind? 

Es geht in Katalonien um einen Vorgang, das ist auch ein Teil der Wahrheit, wie wir ihn in Schottland, Norditalien oder im Baskenland erleben. Auch die Argumente der Brexit-Befürworter gegen die EU ähneln stark denen, die die Katalanen gegen Spanien verwenden. Es geht um einen grassierenden Nationalismus, der verschiedenste Sehnsüchte erfüllt, und zwar die von Linken und Rechten. Und der gezielt befeuert wird von Politikern wie Puigdemont.

Linke wie Rechte haben jeweils ihre eigene Utopie

Wirtschaftsbosse träumen von einer Wirtschaft, die ohne Umverteilungsgslasten noch mehr gedeiht, Linke träumen von einer freieren und sozial gerechteren Republik ohne Jugendarbeitslosigkeit und Konservative von einer katalanischen Nation - das Ganze am besten garniert mit einer katalanischen Fußball-Nationalmannschaft. Dieser Nationalismus speist sich  nach den schweren Verwerfungen durch die globale Finanzkrise auch aus den Träumereien eines Neuanfangs. Der spanische Politologe Fernando Vallespín beschrieb die Situation in der "Zeit" so: "Wann sonst im Leben kann man auf das Reset-Knöpfchen drücken und auf einen Schlag Korruption, Ungleichheit, mediterrane Faulheit und die Reste des Francismus beseitigen? Egal, welche Wünsche Sie haben mögen. Nur her damit! Sie gehen alle in Erfüllung, in unserem Dänemark des Südens."

Aber wer den Blick vor den Realitäten nicht verschließt, weiß genau, dass diese Träume nichts anderes als Schäumereien sind. Nur ein Beispiel: Ein unabhängiges Katalonien wäre nicht mehr EU-Mitglied. Das hätte gravierende ökonomische Nachteile. Für eine Neumitgliedschaft müsste sich der kleine Staat hinten anstellen. Frankreich hat angekündigt, ein eigenständiges Katalonien nicht anzuerkennen. Das neue, kleine Land hätte es schwer. Ob die Region ihren Wohlstand bewahren könnte, steht in den Sternen. 

Was bleibt, ist ein Nationalismus als Heilsversprechen, das keines ist. Die Rhetorik der Separatisten verrät sich dadurch, dass sie auch eine Freund-Feind-Rhetorik bemüht: Dort die bösen Spanier, die die aufrechten Katalanen unterdrücken und ausplündern. Auch die Kritik an den sogenannten verkommenen Eliten passt in das Schema. Das erinnert in Teilen an die Rhetorik der AfD. Das nur nebenbei. All das dient nur einem Ziel, das das Ziel aller Nationalisten ist: Man will unter sich bleiben und hält sich für besser und überlegen.

Zweifelhaft, ob alle Katalanen die Separatisten unterstützen

Die katalanischen Separatisten bestimmen im Moment die politische Agenda Spaniens. Dabei ist es offen, ob sie tatsächlich die Mehrheit der Bevölkerung  hinter sich haben, wie sie oft behaupten. An der Demonstration gegen die separatistische Bestrebungen am vergangenen Sonntag nahmen Hunderttausende teil. Barcelonas Bürgermeisterin, Ada Colau, warnte jüngst vor einer Abspaltung. Sie fürchtet eine soziale Spaltung. Das zeigt: Längst nicht alle in der Region sind für die Unabhängigkeit. Das macht Hoffnung.

Ein Vorschlag zum Ende: Die Katalanen sollten sich lieber als eine Art europäischer Avantgarde begreifen, quasi als idealtypisches Vorbild für ein künftiges Europa. Sie leben mit einer ausgeprägten, eigenen Identität, aber ohne eigenen Staat, weiterhin friedlich zusammen mit Spaniern, Basken, Galiziern, Asturiern oder Andalusiern. Das wäre doch was.