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Kindersoldaten: Wenn Kinder in den Krieg ziehen

Weltweit gibt es mindestens 250.000 Kindersoldaten. Mädchen und Jungen, die von Milizen und Regierungsarmeen brutal für ihre Kriege missbraucht werden. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag muss sich jetzt der kongolesische Milizenführer Thomas Lubanga Dyilo verantworten - das erste internationale Verfahren gegen einen Hauptverantwortlichen.

Von Manuela Pfohl

Viele sind noch keine zehn Jahre alt. Zu schwach, um ein schweres Maschinengewehr zu tragen, zu klein, um begreifen zu können, was man von ihnen verlangt. Und dennoch ziehen sie an der Seite marodierender Milizen oder skrupelloser Militärs durch ihre Heimat, um Menschen zu töten, Dörfer niederzubrennen und Angst und Schrecken zu verbreiten: Kindersoldaten. Nach dem jüngsten Global-Report zu Kindersoldaten, kämpfen rund 250.000 Minderjährige in Bürgerkriegen und bewaffneten Konflikten mit. Vor allem in Afrika, Sri Lanka und in Myanmar stehen viele Kinder unter Waffen.

Jetzt wird einer der Hauptverantwortlichen für den Missbrauch der Kinder juristisch zur Rechenschaft gezogen. Am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ist Thomas Lubanga Dyilo, der ehemalige Anführer einer Milizengruppe im Ostkongo, angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, vom September 2002 bis zum 13. August 2003 als Präsident der "Union der kongolesischen Patrioten" Kinder, die jünger als 15 Jahre waren, für Kriegsverbrechen rekrutiert zu haben. Er habe dafür gesorgt, dass Mädchen und Jungen systematisch entführt und mit Gewalt unter die Kontrolle der Milizen gebracht wurden. Es ist der erste Prozess, der am Internationalen Strafgerichtshof geführt wird. Ob eine mögliche Verurteilung abschreckende Wirkung zeigt und den Kindern, die als Soldaten missbraucht werden, wirklich hilft, sehen Fachleute skeptisch. Denn die Ursachen für das Problem werden damit nicht behoben.

Laut der Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes wachsen viele Kinder in Kriegs- und Krisengebieten auf. Für die meisten Kriege gelte: je länge ein Krieg dauert, desto mehr Kinder werden rekrutiert. Je mehr Kinder rekrutiert werden, umso jünger werden die Opfer dieser Praxis. Dass bereits seit 2002 ein fakultativprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention den Kriegseinsatz von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren verbietet, scheint kaum Wirkung zu zeigen. Zwar haben bis heute 116 Staaten das Abkommen unterzeichnet und 87 haben es ratifiziert. Doch trotz Unterschrift oder sogar Ratifikation werden in manchen Staaten weiter Kinder eingesetzt.

"Die Mädchen leiden besonders"

Der Kindersoldaten-Report, der 2008 von einem Bündnis internationaler Menschen- und Kinderrechtsorganisationen herausgegeben wurde, dem unter anderem auch Amnesty International angehört, zieht eine erschütternde Bilanz. Er berichtet, dass nichtstaatliche bewaffnete Gruppen in 24 Ländern sowie neun reguläre Regierungsarmeen Jugendliche rekrutieren, die jünger als 18 Jahre sind, um sie im Kampf einzusetzen. Zu den Ländern, in denen der Einsatz von Kindersoldaten seit Jahren brutale Realität ist, gehört auch der Kongo. Laut Unicef werden dort bis zu 30.000 Kinder für den Kriegseinsatz missbraucht. Einige Milizen im Osten des Landes bestehen zu bis zu 60 Prozent aus Kindern, viele von ihnen sind nicht älter als zehn Jahre.

Die Mädchen leiden besonders: Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, viele müssen Zwangsehen mit Kämpfern eingehen. So wie Joyce, die aus Uganda kommt und seit einiger Zeit in einem Projekt der Hilfsorganisation World Vision betreut wird. Sie berichtet: "Ich bin 20 Jahre alt. Ich wurde 1992 entführt und verbrachte insgesamt neun Jahre bei der LRA (Lord's Resistance Army). Wir mussten oft lange Märsche zurücklegen und dabei Kinder, die zu entkommen versucht hatten, mit Knüppeln, Bajonetten oder Macheten töten. Mit zehn Jahren wurde ich einem Befehlshaber zur Frau gegeben. Wir wurden oft gezwungen, unschuldige Dörfer zu überfallen. Ich hatte Angst vor diesen Angriffen und mir taten die Opfer leid, aber wenn ich mich geweigert hätte, diese Greueltaten zu begehen, hätte man mich sofort getötet."

"Mit brutaler Gewalt gezwungen"

"Viele Kinder bringt die Armut dazu, sich freiwillig den Milizen anzuschließen", weiß Frater Benjamin Bolele. Der Steyler Frater ist Kongolese und hat sich intensiv mit der Problematik der Kindersoldaten in seinem Heimatland auseinandergesetzt. "Für manche Kinder reicht schon die Aussicht auf regelmäßiges Essen, um sich den Truppen anzuschließen. Kabila brachte bei seinem Eroberungszug viele Kindersoldaten aus Ruanda mit in die kongolesische Hauptstadt. Diese Kindersoldaten hatten einen großen Einfluss auf die Straßenkinder der Millionenstadt. Die ruandischen Kindersoldaten hatten durch ihre Gewehre Macht und manchmal sogar Geld - das machte Eindruck bei den völlig verarmten Straßenkindern Kinshasas. So konnten mehr und mehr Kinder in Kinshasa rekrutiert werden. Manchmal werden Kinder sogar von ihren eigenen Eltern an die Milizen verkauft."

Allerdings dürfe das nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein großer Teil der Kinder verschleppt wird. Viele Familien seien ständig auf der Flucht, um ihre Kinder vor den Häschern der Milizen zu schützen. Die verschleppten Kinder würden mit brutaler Gewalt zum Kämpfen gezwungen. Um sie gefügig zu machen, würden sie systematisch unter Drogen gesetzt. "Manche Milizenchefs zwingen sie sogar, eigene Angehörige und Nachbarn umzubringen, um sie an die Truppe zu fesseln und eine Rückkehr unmöglich zu machen." Benjamin Bolele: "Kindersoldaten sind leicht manipulierbar, haben weniger Angst als Erwachsene und häufig kein Unrechtsbewusstsein", weiß Frater Benjamin. "Aus militärischer Sicht haben die jungen Kämpfer viele Vorteile: Sie mucken nicht auf, sie sind widerstandsfähig und leicht ersetzbar. Deswegen werden Kinder häufig an die Front geschickt oder zum Minensuchen eingesetzt.

Kinder von Familien verstoßen

Unicef betreut Kinder, die freigelassen wurden oder entkommen konnten und versucht, die Rekrutierung weiterer Kinder zu stoppen. Immer wieder hat die Hilfsorganisation in den vergangenen Jahren mit den Milizenchefs verhandelt. Seit Ende 2001 hat Unicef 650 Kinder, die entkommen konnten oder freigelassen wurden, betreut. Doch gleichzeitig werden immer neue Jungen und Mädchen verschleppt und angeworben. Auch die zwischenzeitlich in Zentren oder wieder bei ihren Familien lebenden Kinder sind nicht sicher. Eine systematische Demobilisierung der Kindersoldaten ist gerade im besonders umkämpften Osten des Kongo noch nicht möglich.

Welche Hürden bei der "Resozialisierung" der Kindersoldaten zu nehmen sind, beschreibt Kinderrechtsexpertin Barbara Dünnweller vom Bündnis Kindernothilfe: "Nach dem Ende eines Konfliktes sind alle Parteien daran interessiert, das Thema totzuschweigen. Die meisten Familien wollen mit den Kindern und ihrer Vergangenheit nichts zu tun haben. Sie haben Angst vor ihnen und verstoßen sie aus ihrer Gemeinschaft. Die Folge davon ist, dass die betroffenen Kinder sich doppelt verraten fühlen. Erst stiehlt man ihnen die Kindheit und zwingt sie, wie Erwachsene zu reagieren, und dann verrät man sie ein zweites Mal, indem man ihnen in Friedenszeiten eine Integration in die Gesellschaft verwehrt."

Schwere Rückkehr ins Leben

Hilfe bekommen die Kinder oft nur von ausländischen Kinder- und Menschenrechtsorganisationen. Unicef unterstützt unter anderem in Goma und Bukavu Übergangszentren für ehemalige Kindersoldaten. Sie erhalten Essen, Kleidung und medizinische Versorgung. Betreuer versuchen, auf ihre seelische Situation möglichst individuell einzugehen, denn die Kinder reagieren sehr unterschiedlich auf die hinter ihnen liegenden Erfahrungen. Während einige intensive Betreuung brauchen, reicht es für viele Kinder aus, wieder einen geregelten Alltag zu haben und im besten Fall in die Familie zurückzukehren. Unterricht, Sport und gemeinsames Spiel sind Bausteine der Betreuung. Während des Aufenthalts suchen Unicef und Partner nach der Familie. Wenn eine Rückführung nicht möglich ist, werden jüngere Kinder in kleinen Wohngruppen betreut.

Dass diese Hilfe nicht von allen erwünscht ist, bekamen die Mitarbeiter des Caritas-Zentrums für Kindersoldaten in der kongolesischen Region Kanyabayonga im November vergangenen Jahres zu spüren. Regierungstruppen hatten auf ihrem Rückzug aus der Region nördlich von Goma ein Caritas-Zentrum für ehemalige Kindersoldaten geplündert. Vier Mitarbeiter wurden von Soldaten niedergeschlagen, rund 30 Jungen und Mädchen mussten flüchten.