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Krieg im Kaukasus: Kampf gegen den Wahnsinn

Tausende Kriegsflüchtlinge strömen seit Tagen in die georgische Hauptstadt Tiflis. Liane Mkheidze und die anderen Helfer der Caritas versuchen, die Not zu lindern. Mit 500 Broten, einer Suppenküche und der Hoffnung, dass der Wahnsinn bald ein Ende hat.

Von Manuela Pfohl

Erst waren in Tiflis nur die Kampfflugzeuge und die Einschläge der Bomben zu hören gewesen. Die ganze Nacht über hatte Liane Mkheidze gehofft, dass das dumpfe Kriegs-Grollen nur ein böser Traum ist. Dass es nach dem Sonnenaufgang wieder still sein würde über den georgischen Bergen. Und friedlich. Doch es wurde nicht still. Die knatternden Salven der MPs kamen immer näher, bis gestern morgen, kurz nach sechs Uhr, auch in der Flugzeugfabrik östlich der Millionenmetropole Tiflis Bomben einschlugen, Flammen in den Himmel loderten und Sirenen in der Stadt heulten. Da half es wenig, dass Präsident Michail Saakaschwili die Bevölkerung im Fernsehen zur Ruhe aufrief und vor Panik warnte. Liane Mkheidze sagt: "Ich weiß wirklich nicht, wie es hier weitergehen soll."

Der Krieg ist in Tiflis angekommen

Schon auf dem Weg zu ihrer Arbeit im Caritas-Zentrum konnte sie sehen, dass der Krieg längst in Tiflis angekommen war. Auf allen Plätzen und Straßen diskutierten die Menschen laut und wild gestikulierend über die Auseinandersetzungen zwischen Russland und Georgien. Recht und Unrecht, wer weiß schon, wer der Schuldige ist. Nur die Opfer sind klar. Stunde um Stunde strömen die Flüchtlinge in die georgische Hauptstadt. Tausende Frauen, Kinder, Alte. Auf kleinen Fuhrwerken, in klapprigen Autos und viele zu Fuß.

Die meisten haben sich in letzter Minute aus der südossetischen "Hauptstadt" Zchinwali und aus Gori retten können. In beiden Städten und dutzenden benachbarten Dörfern ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben, seit russische, ossetische, abchasische und georgische Soldaten mal wieder aufeinander einschlagen.

Hoffen, dass kein Soldat mehr schießt

Ein Dutzend Volksgruppen lebt hier im Land. Nachbarn bis gerade eben noch. Jetzt versuchen sie dorthin zu flüchten, wo es für sie am sichersten scheint. Die Osseten mit russischem Pass nach Nordossetien, andere Südossetier nach Georgien. Nach Tiflis, wo sie auf Hilfe hoffen und darauf, dass kein Soldat mehr auf sie schießt.

Die Nachrichten sind voll von Meldungen über die Schlacht. Sie berichten über den aktuellen Frontverlauf und Territorialgewinne, über militärische Strategien und politische Forderungen und darüber, dass man die Kämpfe selbstverständlich gewinnen wird.

Auf die Frage, wie Liane Mkheidze und die anderen Helfer all die Menschen versorgen sollen, die jetzt verzweifelt in den Räumen des Caritas-Zentrums sitzen, haben die Nachrichten keine Antwort. "Wir haben alles verloren, was wir besaßen. Unser ganzes Haus haben die Soldaten zerstört", weint eine Frau. Sie habe nicht mehr retten können als ihr Leben und das, was sie auf dem Leib trägt, sagt sie.

Eine Großmutter, die ein verletztes, spärlich bekleidetes Kind in ihren Armen hält, schüttelt den Kopf. "Was haben wir denn getan, dass sie unser Haus abgebrannt haben. Was haben wir denn mit dem Krieg zu tun?" Eine Gruppe Kinder, die zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer leerstehenden Schule einquartiert wurde, sitzt apathisch am Boden. Eigentlich hätten sie jetzt Ferien.

Nicht an Mord und Folter denken

Liane Mkheidze geht das Elend praktisch an. Sie versucht, nicht an die Leichen der Menschen zu denken, von denen die Flüchtlinge erzählen. Nicht an die Berichte von Mord und Folter, die überall in Tiflis zu hören sind und nicht an die unzähligen verletzten Opfer, die in den Tifliser Krankenhäusern Schlange stehen und auf medizinische Versorgung warten.

Die Sozialarbeiterin und ihre Kollegen haben nach der Morgenbesprechung begonnen, die Flüchtlinge zu registrieren und - so weit es geht - mit Quartieren zu versorgen. Sanatorien, Erholungsheime, Pionierlager werden mit dem Nötigsten ausgerüstet. Mit Decken, Hygieneartikeln, Wasser und natürlich Lebensmitteln. "In der Nacht hat unsere Bäckerei Brot für 500 Leute gebacken. Und in der Suppenküche wird aus den Trockenrationen, die die internationalen Partner gespendet haben, Mittagessen für die Flüchtlinge gekocht."

Ein schwieriges Unterfangen. Denn eigentlich hat das Wohltätigkeitszentrum schon in Friedenszeiten mehr als genug zu tun und selten genug Mittel. Fast 60 Prozent der Georgier lebt unterhalb der Armutsgrenze. Vor allem Frauen, Kinder und Alte sind seit Jahren auf die Hilfe der ausländischen Organisationen angewiesen. Was kann man denn anfangen mit einer Rente, die monatlich umgerechnet zwischen sechs und neun Euro liegt, wenn schon ein Kilo Brot ungefähr 45 Cent kostet? Mehr als 80 behinderte und alte Menschen werden vom Zentrum betreut. 30 Mittagsmahlzeiten liefern freiwillige Helfer der Suppenküche täglich an Bedürftige aus, die nicht mehr in der Lage sind, sich selber zu versorgen.

Die Jungs sind für ihr Vaterland gestorben

Auch eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen, die auf den Straßen der Stadt ohne jede staatliche Hilfe lebt, muss versorgt werden. Caritas betreibt deshalb seit 1997 in den beiden ärmsten Tifliser Stadtteilen Jugendzentren, in denen die Zukunft Georgiens Unterschlupf finden kann. Kleidung, Nahrung, Schulausbildung und viel Liebe sollen die Straßenkinder fit für das harte Leben im Kaukasus machen. Vielleicht war unter ihnen auch einer der Jungs, die heute für ihr Vaterland gestorben sind.

"Ein Wahnsinn", sagt Liane Mkheidze und erzählt. "Da haben sie junge Männer, Jugendliche fast noch, in zwei oder drei Schichten ausgebildet, ihnen im Schnellkurs gezeigt, wie man automatische Waffen bedient. Und dann sind die Jungs am Morgen aufgebrochen, um in den Krieg zu ziehen und ein paar Minuten später waren sie tot. Eine Bombe fiel mitten in die kleine Gruppe."

Wenn die Sozialarbeiterin sich am Abend schlafen legen wird, wird sie das Grollen der Panzer, das Dröhnen der Flugzeuge und Zischen der Schüsse hören und sie wird hoffen, dass alles nur ein böser Traum war, der vorbei ist, wenn die Sonne aufgeht.

  • Manuela Pfohl