Kriegskurs Tony Blair - Freund Amerikas, Spalter Europas?


Mit seiner Entscheidung für den Krieg spaltet Tony Blair Europa. In den USA jedoch ist er so beliebt, dass die Amerikaner ihn glatt zum Präsidenten wählen würden. Wenn er nur Amerikaner wäre.

Cliquenbildung wie früher in der Schulklasse - so soll es beim Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel zugegangen sein. In einer Ecke standen die "Friedenstauben" Jacques Chirac und Gerhard Schröder, in einer anderen die "Falken" Tony Blair und Jose Maria Aznar. Blair habe jeden Blickkontakt mit Chirac vermieden, berichteten britische Zeitungen. Die Beziehungen zu Paris - und auch zu Brüssel - seien auf dem Tiefpunkt. "Erinnern Sie sich noch an Blair, den Europäer?" fragt eine "Guardian"- Kommentatorin. "Weggeblasen im heißen Sand des Iraks."

Blair könnte US-Präsident werden

Hat Tony Blair durch seinen Kriegskurs die Europäische Union gespalten, um die "besondere Beziehung" Großbritanniens zu den USA zu vertiefen? Als Chirac sein Veto zu der von Blair so dringend benötigten zweiten UN-Resolution ankündigte, kommentierte die "Washington Post": "Die Lektion dieses Krieges wird sein, dass der britische Premierminister seine Außenpolitik nicht länger außerhalb der EU-Grenzen machen und nicht mehr gegen den Willen Deutschlands und Frankreichs handeln kann."

Darüber können britische Euro-Skeptiker nur lachen. "Großbritannien hat seine Rolle gefunden - als wichtigster Verbündeter Amerikas", meint der konservative Verleger Lord Black. In den USA ist Blair so beliebt, dass es oft heißt, wenn er nur Amerikaner wäre, würde er sofort zum Präsidenten gewählt. "Es kann so weit kommen, dass die Engländer vor der Frage stehen, ob sie nicht besser der 51. Staat der USA werden", scherzte kürzlich Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Bush konsultiert Blair nicht

Doch was haben die Briten eigentlich von ihrer Partnerschaft mit Amerika? Die Nachteile seien offensichtlich, gibt selbst der rechte britische Historiker Niall Ferguson zu: Großbritannien müsse Soldaten opfern, Milliarden für den Krieg ausgeben und werde nach den USA und Israel zum bevorzugten Ziel radikalislamischer Terroristen. "Die Vorteile dagegen sind unklar." Blair hoffe wohl, "dem amerikanischen Tiger ins Ohr flüstern zu können", glaubt der "Guardian". Aber als der Krieg in der Nacht zum Donnerstag losging, wurde Blair von Bush nur kurz informiert - nicht konsultiert.

"Der Irak-Konflikt isoliert Großbritannien in Europa", beklagt der linksliberale "Independent". Doch lange nicht alle sehen das so. Im "Neuen Europa" könne sich Blair an die Spitze einer Koalition "dynamischer", US-freundlicher Länder wie Spanien, Italien und Polen setzen, meint Gwyn Prins, Professor an der renommierten London School of Economics. "Und dann hat Deutschland das Nachsehen."

Christoph Driessen DPA

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