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Krise in Syrien Konflikt strahlt stärker in Region als Libyen


In Syrien halten die Proteste an. Obwohl die syrische Regierung versucht sie mit blutiger Gewalt zu unterdrücken. Die Geschehnisse in dem Mittelmeerstaat auf der arabischen Halbinsel erinnern an die Ereignisse in Libyen vor dem Bürgerkrieg. Syriens Krise strahlt jedoch stärker in die Region als Libyen.

In Syrien scheint sich dieselbe Entwicklung wie in Libyen zu wiederholen: Aus vereinzelten Protesten wurde ein Flächenbrand. Wie Libyens Machthaber Muammar Gaddafi versucht auch Syriens Staatschef Baschar al-Assad die pro-demokratischen Proteste mit aller Gewalt niederzuschlagen. Wie im Fall Libyen werden angesichts der steigenden Opferzahlen in Syrien die Rufe westlicher Staaten nach Sanktionen gegen die Regierung Assads lauter. Aber Libyen ist nicht mit Syrien vergleichbar. Die Entwicklungen in Syrien strahlen viel stärker in die Region als die Ereignisse in Libyen. Außerdem wäre ein militärisches Engagement gegen Assad ungleich riskanter und schwieriger als der Nato-Einsatz in Libyen.

Syrien ist der zentrale und einflussreichste Staat im Nahen Osten und damit von erheblicher geostrategischer Bedeutung. Im Gegensatz zu Libyen ist bei Syrien eine Abschottung gegen die Nachbarstaaten nicht denkbar. Der Präsident der Stiftung für Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, bringt es auf folgenden Nenner: Den arabischen Frühling hätte es ohne den Dammbruch in Ägypten nicht gegeben. Ohne Syrien aber werde der regionale Umbruch nicht komplett. Sollte sich in Syrien eine undemokratische Regierung festigen, wachse die Gefahr, dass die Region in ein autokratisches und ein demokratisches Lager zerfalle.

Kein Wunder, dass alle regionalen Nachbarn die Entwicklung mit großer Sorge beobachten. Die Türkei hat bereits angeboten, in dem Konflikt zu vermitteln. Das Land am Bosporus fürchtet Flüchtlingswellen, sollte sich die Revolte in Syrien zu einem Bürgerkrieg ausweiten. Dann steht zu befürchten, dass auch der schwelende religiöse Konflikt offen ausbricht. Die alawitische Minderheit, zu der auch Assad zählt, dominiert das mehrheitlich von Sunniten bewohnte Land.

Auch Israel ist in Sorge. Obwohl Assad nie einen Zweifel daran ließ, Israel als feindlichen Staat zu betrachten, ist die Grenze zu Syrien die ruhigste Israels. Die Regierung in Jerusalem befürchtet, dass sich dies ändert, falls in Damaskus jemand anderes als Assad das Sagen hat.

Auch die Lage im Libanon hängt mit den Entwicklungen in Syrien eng zusammen. Die radikalislamische Hisbollah-Miliz wird maßgeblich von Syrien beeinflusst. Wie sich diese militärisch aufgerüstete Gruppierung verhalten wird, falls ihre Fäden nach Damaskus gekappt werden, ist derzeit nicht vorherzusehen. Iran schließlich bangt darum, seinen einzigen bedeutenden Verbündeten in der Region zu verlieren. Zudem wird die von der iranischen Regierung propagierte Deutung, die Proteste in der arabischen Welt richteten sich nur gegen pro-westliche Regierungen, Lügen gestraft.

Auch die westlichen Staaten haben ein großes Interesse daran, dass Syrien nicht in Chaos und Bürgerkrieg abgleitet und damit womöglich die ganze Region destabilisiert wird. Allerdings ist die Bereitschaft, sich in Syrien militärisch zu engagieren kaum gegeben. Das syrische Militär ist besser ausgerüstet und ausgebildet als die Truppen Gaddafis, zudem ist das Land für die Luftwaffe westlicher Staaten ungleich schwerer zu erreichen. Das Beispiel Libyen schreckt zudem viele westliche Politiker ab. Dort hat sich der militärische Konflikt zwischen Rebellen und Gaddafi-Truppen offenbar festgefahren. Ein Sturz Gaddafis ohne ein stärkeres militärisches Engagement scheint kaum möglich.

Außerdem fehlt für einen derartigen Schritt derzeit jede Legitimation. Im Fall Libyens hatte die Arabische Liga der Flugverbotszone zugestimmt. Gegen die syrische Regierung hat das Bündnis von 22 Staaten bislang nur indirekt eine Rüge ausgesprochen. Zudem hat es auch noch keine ernsthaften Versuche gegeben, den Konflikt durch Verhandlungen zu lösen. Große Hoffnungen werden hier auf die Türkei gesetzt, die auch nicht im Verdacht stünde, westliche Interessen zu verfolgen.

Wie sich die Lage in Syrien und der Region weiterentwickeln wird, vermag derzeit kein Experte zu sagen. "Die Armeen in den Ländern werden sicherlich eine größere Rolle spielen", vermutet Sylke Tempel, Chefredakteurin der Zeitschrift "Internationale Politik". Grundsätzlich stünden die Länder vor riesigen Aufgaben. Die arabischen Staaten seien in ihrer Entwicklung hinter die lateinamerikanischen Länder zurückgefallen. Die heimische Wirtschaft biete nicht genug Arbeitsplätze und sei international nicht konkurrenzfähig. "Im besten Fall werden wir einen langsamen Gang in Richtung Demokratie sehen, im schlimmsten Fall Erschütterungen ohne Ende", sagt Tempel.

Hans-Edzard Busemann, Reuters Reuters

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