HOME

KRISENGEBIET: Westjordanland fast komplett besetzt

US-Präsident George W. Bush schickt nun seinen Außenminister Colin Powell als Vermittler in die Krisenregion. Indes hat die israelische Armee fast das komplette Westjordanland wiederbesetzt.

Mit Blick auf die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten schickt US-Präsident George W. Bush nun seinen Außenminister Colin Powell als Vermittler in die Krisenregion. Der Zeitpunkt der Reise wurde zunächst nicht genannt. Die EU hatte zuvor die Vermittlungsversuche der USA im Nahen Osten öffentlich für gescheitert erklärt. Die Situation in den palästinensischen Gebieten spitzte sich derweil weiter zu. Israelische Panzer rollten in die größte Stadt im Westjordanland, Nablus, ein. Vor der belagerten Geburtskirche in Bethlehem gab es Feuergefechte zwischen Israelis und Palästinensern.

Bushs neuer Plan

Ein US-Regierungsvertreter erklärte am Donnerstag in Washington, Bush habe einen neuen umfassenden Plan, um den Teufelskreis in dem blutigen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu durchbrechen. Der Plan sei mit verbündeten Staaten abgesprochen worden.

Scharon verweigerte EU-Delegation Treffen mit Arafat

Die EU schickte am Donnerstag eine ranghohe Delegation nach Israel, um mit Ministerpräsident Ariel Scharon sowie dem palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat zu sprechen. Allerdings verweigerte Scharon der Delegation unter Führung des außenpolitischen EU-Beauftragten Javier Solana und des spanischen Außenministers Josep Pique ein Treffen mit Arafat.

Scharon traf mit US-Vermittler Anthony Zinni zusammen, der ebenfalls mit Arafat zu sprechen wünschte. Der israelische Regierungschef hatte eine entsprechende Bitte von US-Außenminister Powell zuvor noch in einem Telefonat zurückgewiesen. Auch Powells Bitte um eine Erleichterung der Belagerung Arafats wurde israelischen Presseberichten zufolge verwehrt.

Auf wenig Gegenliebe in Washington stieß der Vorstoß der Europäer, die verfahrene Situation durch Hinzuzug der EU, der UN und Russlands zu den Vermittlungen anzugehen. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hatte die Vermittlungsversuche der USA öffentlich für gescheitert erklärt. Powell wies diese Kritik zurück und erklärte, die USA seien zu weiterem Engagement bereit.

Die EU-Delegation wollte in Israel mit Scharon, Außenminister Schimon Peres und Verteidigungsminister Benjamin Ben Elieser zusammentreffen und am Donnerstagabend wieder zurückreisen. Die Europäer wollen die Umsetzung der UN-Resolution 1402 erreichen, in der die Konfliktparteien am vergangenen Samstag zu einer Waffenruhe aufgefordert wurden.

Panzer rollen durch Nablus

Die israelischen Streitkräfte besetzten am Donnerstag auch Nablus, die größte Stadt im Westjordanland, und lieferten sich heftige Kämpfe mit Palästinensern. Dutzende Panzer rollten in die Stadt ein und besetzten strategisch wichtige Straßen und Plätze. Im benachbarten Flüchtlingslager Dschenin durchsuchten Soldaten Haus für Haus nach Kämpfern und Munition. Dabei wurden einzelne Häuser auch von Kampfhubschraubern beschossen.

Westjordanland fast komplett besetzt

Beim Einmarsch in Nablus wurde nach palästinensischen Angaben ein Mann erschossen, als er das Fenster seiner Wohnung im Stadtzentrum öffnete. Nach der Besetzung der Stadt, wo 180.000 Menschen leben, sind jetzt nur noch Hebron und Jericho in palästinensischer Verwaltung. Seit Beginn der Offensive vor einer Woche wurden mehr als 1.100 Palästinenser festgenommen.

Die Lage in der von israelischen Soldaten belagerten Geburtskirche von Bethlehem spitzte sich am Donnerstag zu. Einer der in der Kirche eingeschlossenen Palästinenser berichtete, die Streitkräfte hätten eine Hintertür der Basilika gesprengt und in das Gebäude geschossen. Dies wurde von einem israelischen Militärsprecher dementiert. Allerdings wurde von Feuergefechten auf dem Krippenplatz vor der Kirche berichtet. Die Stadt ist zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden, Reporter wurde der Zutritt verwehrt.

Kirchgänger erschossen

In der Kirche hielten sich seit Dienstagabend etwa 240 bewaffnete Palästinenser verschanzt. Christliche Nonnen betreuten die Verletzten. Die israelischen Belagerer forderten die Kämpfer wiederholt auf, sich zu ergeben. Ein 45-jähriger christlicher Bewohner Bethlehems, Ibrahim Salman, wurde von Soldaten erschossen, als er wie jeden Tag zum Beten in die Kirche gehen wollte.