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Blogger Cárdenas über Kubas Wandel: Kuba ändert man nicht von außen

Kuba ist im Aufbruch. Die Menschen wollen Wahlen, aber vor allem Freiheit. Im stern-Interview spricht der Blogger Harold Cárdenas über seine Hoffnungen - und über das größte Tabu des Landes.

Blogger Cárdenas würde immer wieder nach Kuba zurückkehren

Blogger Cárdenas würde immer wieder nach Kuba zurückkehren

Kuba steht vor einer Zeitenwende: Das einst eiskalte Verhältnis zu den USA beginnt in Rekordtempo aufzutauen, die Regierung in Havanna gewährt ihren Bürgern immer mehr Freiheiten. Auf der Suche nach einem Land im Wandel, traf stern-Reporter Jan-Christoph Wiechmann den #link;jovencuba.com;Blogger Harold Cárdenas# zum Interview. Als der hörte, von welchen Magazin Wiechmann kommt, sagte er: "Wissen Sie was, ich freue mich richtig. Ich hatte früher eine Ausgabe des stern zu Hause. Ich habe nichts verstanden, aber immer wieder reingeschaut. Er war irgendwann völlig zerfleddert."

Nun sind Sie selber Journalist.


So darf ich mich eigentlich nicht nennen. Auf Kuba darf sich nur Journalist nennen, wer die offizielle Schulung als Journalist gemacht hat.

Natürlich sind Sie Journalist. Sogar einer der wichtigsten auf Kuba. In ihrem Blog "La Joven Cuba" berichten Sie kritisch über das, was alles so nicht funktioniert auf der Insel.


Ich selber sehe mich ja auch als Journalist und Blogger. Ich schreibe nicht, um Literat zu sein. Mir geht es darum das Leben der Kubaner zu verbessern. Die Realität zu verändern.

Und Sie sind Dozent an der Hochschule.


Nein, nicht mehr. Ich habe meine Stelle aufgegeben. Ich fand nicht die Zeit für das eigentlich Wichtige, nämlich über die Veränderungen auf Kuba zu schreiben. Und ich habe nur umgerechnet 20 Dollar im Monat verdient.

Und jetzt?


32 Dollar.

Die Gehälter für Staatsangestellte haben etwas Tragisches an sich. Ich habe bei meiner Recherche einen Universitätsprofessor getroffen, der 500 Pesos monatlich verdient, umgerechnet 21 Dollar. Er hat mich um Geld angebettelt.


Das ist der Kern der Unzufriedenheit. Die Menschen wollen nicht in erster Linie Mehrparteienwahlen, sondern bessere Lebensbedingungen.

Es gibt nun den historischen Deal zwischen Barack Obama und Raul Castro. Obama hat das Scheitern der bisherigen Kuba-Politik eingeräumt. Reisen und Handel sollen leichter werden, auch Investitionen und Geldtransfer.
Endlich. Endlich so etwas wie Normalität. Diese Scheidung war ja nicht normal. Wir sind Nachbarn. Amerika ist nur 90 Meilen entfernt. Ich bin 29 und habe nie eine einigermaßen normale, gesunde Beziehung zu unserem großen Nachbarn erlebt.

Wenn man sich umhört, herrscht unter Kubanern große Freude über den Deal. Skepsis gibt es eher, was die eigene Partei angeht.


Der Deal wurde von fast allen hier positiv aufgenommen. Aber unsere Regierung ist nicht vorbereitet auf dieses ganz neue Szenario.

Worauf speziell?


Auf alles: Auf den Zustrom von Touristen. Von Investitionen. Die ganze Welle. Und die Frage bleibt, ob die USA an ihrem Ziel "regime change" festhält. Das ist für unsere Regierung nicht verhandelbar. Aber ich glaube, Obama ist in dieser Frage schon weiter.

Er hat die republikanische Mehrheit im Kongress gegen sich. Und die Hardiner unter den Exilkubanern.


Wobei sich das gerade ändert. Die junge Generation, die Kinder der Exilkubaner, haben ein viel unkomplizierteres Verhältnis zu Kuba. Der Rest Amerikas sowieso.

Worüber schreiben Sie gerade?


Über ein Tabu. Die Partei.

Das ist wirklich ein Tabu.


Es gibt noch so einige Tabus auf Kuba. Dazu gehört auch Fidel Castro. Ich habe trotzdem über ihn geschrieben, an seinem 87. Geburtstag, dem 13. August. Er wird immer noch nicht rational analysiert, sondern nur emotional. Kritik an Fidel ist verboten, genau das ist falsch.

Sie haben geschrieben, dass er sich in so einigem getäuscht hat. Dass er nicht in der Lage war, eine Generation neuer guter Köpfe heranzuführen.


Man muss ihn objektiv analysieren, das Gute wie Schlechte. Ansonsten wird die Kritik, wenn sie denn erlaubt ist, komplett vernichtend ausfallen.

Was schreiben Sie jetzt über die Kommunistische Partei.


Die Partei muss transparenter werden. Sie verkauft sich nach außen noch immer als homogener Block. Ich will wissen, welche Strömungen es gibt. Wo sind die Reformer? Diese Strömungen will ich unterstützen können.

Sie wollen nicht unbedingt ein Mehrparteiensystem?


Wenn das Volk das will, akzeptiere ich das natürlich. Aber es ist nicht die Priorität. Es hilft Kuba nicht sofort weiter. Helfen würde schon mal eine stärkere Partizipation der Menschen. Rein formal existiert sie, aber nicht wirklich. Außerdem muss das Volk Kontrolle über die Regierung haben.

Warum nicht freie Wahlen?
Wenn es jetzt einen zu großen Schnitt gibt, wird das ein blutiges Gemetzel. Das ist gefährlich. Das hilft unserem Land nicht. Wir brauchen viele Veränderungen, aber gewonnenes Territorium wieder aufzugeben wäre Selbstmord.

Was ist erhaltenswert?


Das Schulsystem. Die freie Gesundheitsversorgung. Wir haben zwar die ersten Reichen im Land. Sie bekommen Geld von Exilkubanern aus Miami oder sind reich geworden nach der Vergabe von 500.000 Lizenzen für Privatbetriebe. Aber ihre Kinder gehen immer noch auf die gleiche staatliche Schule.

Es gibt auch in anderen Ländern staatliche Schulen und ein gutes Gesundheitssystem und man schränkt deswegen nicht die Freiheit der Menschen ein.


Klar. Deutschland nehme ich sofort. Oder die Schweiz. Oder Holland. Wenn sie mir sagen, Kuba kann wie Deutschland sein - sofort. Aber Kuba ist anders. Es besteht die Gefahr, dass es eine große Kluft zwischen Arm und Reich gäbe. Und wir wollen nicht wie Haiti enden oder die Dominikanische Republik, unsere Nachbarn.

Dort gibt es immerhin gewisse Freiheiten.


Sagen wir es so: Kubaner haben in der Tat eine große Einschränkung ihrer Freiheit erleiden müssen, unnötigerweise. Das beginnt schon mit der eingeschränkten Reisefreiheit. Aber wir sind schon viel weiter als noch vor zehn Jahren. Wir sind etwa auf der Hälfte des Weges angekommen.

Sie schreiben, was Sie wollen?


Ja, ich fühle mich frei zu schreiben was ich will. Ich schreibe einen kritischen Blog. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Vor zehn Jahren hätte man mich als Feind des Sozialismus abgestempelt, als Handlanger Amerikas.

Sie sind Mitglied der Partei.
Nicht der Kommunistischen Partei, nein, ich bin Mitglied der kommunistischen Jugend.

Wie kommt ihr Bloggen da an?


Sehr gemischt. Am Anfang musste ich mich verteidigen. Viele haben versucht mich zu torpedieren, auch degradiert. Aber ich bin noch da. Die Narben dieser Kämpfe haben mich stärker gemacht. Viele Freunde haben mir den Rücken gestärkt.

Und wenn der Druck auf Sie wieder zunimmt?


Wenn ich mich zwischen Partei und meinem Blog entscheiden müsste, wähle ich meinen Blog.

Sie werden verglichen mit Kubas bekanntester Bloggerin und Regimekritikerin Yoani Sanchez.


Im Unterschied zu ihr will ich das Land in erster Linie verbessern. Sie kritisiert fundamental. Wissen Sie, unser Land gibt es nur in Schwarz und Weiß. Die Partei sagt, alles sei positiv. Die Kritiker machen alles schlecht. Wir sind weder Paradies noch Hölle. Wir sind nicht schwarz oder weiß. Wir sind ein Land der Mulatten, irgendwas dazwischen. Mir geht es um Objektivität.

Warum gibt es auf Kuba immer noch so gut wie kein Internet? In jedem Entwicklungsland gibt es besseres Internet als hier.


Ein riesengroßer Fehler. Die Partei sieht das Internet lediglich als Einnahmequelle. In den Hotels bezahlen Touristen sehr viel Geld dafür.

Acht Dollar pro Stunde.


Sie sieht es nicht als Chance, als Werkzeug. Wir haben auf Kuba sehr viel Zeit verloren. Ich kann ja verstehen, dass die Regierung Angst davor hat, dass zum Beispiel Software aus Amerika eingesetzt wird. Diese könnte das Land destabilisieren. Aber dann soll das Ausland eben die Technologie liefern und alles andere wird auf Kuba produziert - Glasfaserkabel, Leitungen etc.

Können Sie das Land verlassen?


Klar. Wir haben ja seit der Reform 2013 die Möglichkeit zu reisen, jedenfalls die mit Geld und jene, die auf Konferenzen eingeladen werden. Ich war auf Konferenzen in Deutschland, Holland, gerade bin ich aus Washington heimgekehrt.

Und sie kehren jedesmal wieder zurück - nicht wie andere, die sich absetzen?


Ich will immer wieder zurück nach Kuba. Das schließt nicht aus, dass ich mal ein halbes Jahr ins Ausland gehe, um mich weiterzubilden. In Kuba gibt es keine Möglichkeit sich als Journalist weiterzubilden, schon gar nicht als Blogger. Aber von außen ändert man Kuba nicht. Kuba ändert man nur von innen und da will ich mitmachen. Wir sind an einem entscheidenden Punkt.

Lesen Sie mehr über den Umbruch in Kuba...

...in der Reportage "Cuba libre?". Jetzt im neuen stern

Interview: Jan-Christoph Wiechmann / print