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Brexit und die Folgen: Johnson, Farage und Evans gehen - bleiben sie auch weg?

Es gibt keine Gewissheiten in diesen Chaostagen nach dem Brexit. Auch die Rücktritte der Leave-Fans Johnson und Farage wirken unecht. Niemand würde sich wundern, wenn sie wieder auftauchten - wie Glenn Close in "Eine verhängnisvolle Affäre".

Von Michael Streck, London

Brexit Boris Johnson Chris Evans Nigel Farage

Brexit und kein Ende: Boris Johnson, Chris Evans; Nigel Farage (v.l.): Sie alle drei sind innerhalb von nur einer Woche zurückgetreten. Doch niemand weiß, wie ernst sie es damit meinen.

Dies ist die Zeit der großen und der kleine , obschon man sich nicht sicher sein kann, ob Rücktritt auch das richtige Wort ist. Man weiß es einfach nicht. Man weiß zum Beispiel nicht, ob…

nun wirklich weg vom Fenster ist. Oder nur ein bisschen weg vom Fenster. Was man weiß ist, dass er sich gigantisch verkalkuliert hat und nun schmollt. Er fühlt sich verraten vom Mitstreiter Michael Brutus Judas Gove. Was insofern schon wieder amüsant ist, weil Boris - nie ein echter Anti-Europäer - zuallererst sich selbst verraten hat mit seiner Entscheidung, für die Out-Kampagne anzutreten. Was man auch weiß: Es gibt durchaus eine Menge Leute, die recht erleichtert sind, dass er weg ist.

Übergepäck wegen zu vieler Leichen im Koffer

Sein früherer Mentor Max Hastings, einst Chefredakteur des "Daily Telegraph" verfasste beispielsweise einen außerordentlich giftigen Nachruf. Kein Mitleid mit dem Scharlatan schrieb der, und dass er ausgewandert wäre für den Fall, dass Johnson mit seiner Maskerade durchgekommen und Premier geworden wäre. Das Stück war gewürzt mit herrlichen Gemeinheiten und gipfelte in dem süffisanten Satz: "Boris hat am Flughafen stets für Übergepäck zahlen müssen, weil er so viele Leichen im Koffer hatte."

Nun ist er fort. Es heißt, er schreibe gerade eine neue Biografie. Über Shakespeare. Ausgerechnet. Sie soll im Oktober erscheinen.
Es ist unterdessen noch nicht überliefert, ob auch …

ein Buch schreiben wird über seine Zeit als UKIP-Boss. Dies ist sein bereits dritter Rücktritt. Auf die ersten beiden folgte jeweils der Rücktritt vom Rücktritt. Jetzt will er, wie er sagte, sein Leben zurück, weil er sich am Ziel wähnt, nämlich endlich: raus aus Europa. Farage hielt in der vergangenen Woche eine ziemlich scheußliche Rede im Europa-Parlament und beleidigte den Großteil der Anwesenden. Mit einem Satz allerdings lag er richtig. Als er 1999 dort antrat und zum Antritt davon sprach, Großbritannien aus der Union zu führen, lachten alle. "Jetzt", sagte er, "lacht niemand mehr." Das Lachen ist in der Tat allen vergangen auf dem Festland und auch auf der Insel.


Dass es überhaupt ein Referendum gab, lag eben zu einem großen Teil an seiner Partei, die ohne ihn wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag ein Dasein als "fringe-party", als Randparte geführt hätte. Mit dem lauten und durchaus charismatischen Farage gewann UKIP an Statur - und vor allem an Wählern. Sie wilderten bei Labour und Tories gleichermaßen, verkauften sich gewieft als Anti-Establishment und reüssierten auf diesem Ticket. UKIP trieb die etablierten Parteien vor sich her und damit auch David Cameron, der schließlich einknickte und vor drei Jahren die vermaledeite Volksabstimmung versprach. Streng genommen, war Farage schon damals am Ziel.

Farages Brexit-Kampagne war nicht einmal die giftigste

Man muss allerdings wissen, dass Farage innerparteilich ziemlich umstritten war und ist. Einer der größten Parteispender, der Geschäftsmann Arron Banks, deutete sogar an, dass sie womöglich eine neue Partei gründen könnten. Eine Splitterpartei der Spalterpartei. Im Spalten und Splittern verfügt er über eine gewisse Erfahrung: Mister Banks stand gemeinsam mit Farage während der EU-Kampagne einer Splittergruppe vor. Sie hieß "Leave. " und war im Vergleich zur offiziellen und größeren "Vote Leave"-Fraktion so etwas wie der kleine und gemeine Hooligan-Bruder. Auf ihrer Webseite posteten die Herrschaften rassistische Videos, darunter auch eine von Donald Trump (!) vorgetragene Fabel mit dem Titel "The vicious snake", in dem der berühmteste Populist der Welt Immigranten mit einer giftigen Schlange verglich.


Das war schon schlimm genug, hinderte Farage aber nicht daran, vor einem demagogischen Poster mit der Zeile "Breaking Point" zu posieren. Darauf Flüchtlinge an der slowenischen Grenze (!), die - das war der Kern der Botschaft - aber selbstredend alle nach wollen. Wie auch 80 Millionen Türken und auch sämtliche 500 Millionen EU-Einwohner.

Offenbar glauben solchen Stuss immerhin 52 Prozent der Briten.

Selbst einigen UKIP-Menschen war das peinlich, und das will was heißen, denn die sind sich sonst vor nichts fies. 

Freunde wie Guardiola und Mourinho

Neulich hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, den einzigen Parlamentarier der Partei zu treffen. Douglas Carswell, einen von den Konservativen zu UKIP Konvertierten. Carswell konvertierte dann aber zügig noch mal - nämlich vom Farage-Freund zum Farage-Feind. Wir saßen in Carswells kleinem Büro in Clacton-on-Sea, er sprach über das bevorstehende Referendum, und erwähnte in der guten Stunde Gespräch seinen Parteichef nicht mit einer Silbe. Und das, obwohl ich ihn immer wieder mit Farage-Fragen triezte. Kein Wort. Carswell und Farage mögen sich ungefähr so wie Pep Guardiola und José Mourinho.

Die beiden Fußballtrainer, neuerdings beide Manchester aber bei verschiedenen Arbeitgebern, legten bekanntlich jeweils ein Sabbatical ein. Guardiola eher freiwillig, der andere nach Rauswurf. Ähnlich könnte das bei Farage jetzt auch sein. Er ist dann mal weg. Aber eben nur mal. Die "Guardian"-Kolumnistin Marina Hyde verglich ihn gerade mit Glenn Close in "Eine verhängnisvolle Affäre". Die schießt, man wähnt sie endlich ersoffen, doch wieder aus der Wanne hoch.
Farage will jetzt erst mal leben. Er wird Reden halten, für die er dem Vernehmen nach 20.000 Pfund pro Stück bekommt und ansonsten daheim seiner deutschen Frau und den Kindern durch pure Anwesenheit und "Papa-ante Portas"-mäßig so lange auf den Nerv gehen, bis Helga ihn vor die Tür setzt und sagt: "Raus aus der Wanne! Such dir einen Job."


Was im Übrigen nunmehr auch für… gilt, der zur Freude der britischen Fernsehgemeinde seinen Job als Moderator von "Top Gear" aufgab. "Top Gear", für alle, die damit nicht so vertraut sind, war einmal ein BBC-Format, in dem es formal um Autos ging, aber praktisch um gehobenen Wahnsinn. Es war ein Ventil für alles, was im Fernsehen eigentlich nicht gesagt werden durfte und dort genau deshalb gesagt wurde. Eine Hebebühne des politisch Unkorrekten. "Top Gear" war ergo ein globaler Hit und wurde in mehr als 200 Länder verkauft. 

Aus der Wanne auf die Bühne

Präsentiert wurde die Show seit 2002 von Jeremy Clarkson, einem stramm konservativen Moderator, der wunderbar zuverlässig aus der Rolle fiel. Zuletzt fiel er im vergangenen Jahr aus der Rolle, vermöbelte einen Produzenten und ging des Jobs verlustig. Es übernahm der hierzulande weltberühmte Radiomoderator Chris Evans und holte sich den "Friends"-Star Matt LeBlanc an die Seite. Das politisch Unkorrekte der Clarkson-Zeit verschwand politisch korrekt. Man kann es auch so sagen: Evans fuhr in der Autosendung einfach zu viel Auto - und damit die ganze Show vor die Wand. Die Quoten sanken Richtung Erdkern, am Montag zog Evans die Bremse und stieg ganz aus. Es kann aber auch sein, dass er einem Rauswurf nur zuvorkam. Denn die Polizei ermittelt wegen eines sexuellen Übergriffs irgendwann in den 90er-Jahren.

Auch Evans ist dann mal weg. Allerdings so richtig. Das unterscheidet ihn von Boris und Nigel. Die beiden, jede Wette, werden irgendwann ihren Glenn Close-Moment haben. Aus der Wanne auf die Bühne.

Und sei es nur fürs große Finale.