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Großbritannien vor Abstimmung: Das Brexit-Alphabet: von Nordirland, der Queen und Staubsaugern

Brexit oder kein Brexit? Bald stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Zeit zu fragen: Wer will was, warum tun sich Europa-Fans so schwer, und was haben Staubsauger damit zu tun? Unser Brexit-Alphabet, zweiter Teil.

Von Michael Streck, London

Brexit Union-Jack-Tüte

Brexit oder nicht: Bleibt der Union Jack Teil der EU oder spaltet er sich ab?

  • L wie Labour-Party: Ehemalige Volkspartei, die nach dem Wahldesaster im vergangenen Jahr mit dem Hinterbänkler Jeremy Corbyn einen kauzigen Alt-Sozialisten an die Spitze beförderte. Die Partei ist seit Monaten schwerpunktmäßig damit beschäftigt, sich selbst zu zerlegen. Fürs Referendum bleibt vor lauter Selbstzerlegen deshalb kaum Zeit. Fast die Hälfte der Labour-Wähler wissen nicht, wo ihre Partei in der In/Out-Frage überhaupt steht. Für alle Labour-Parteigänger unter den Lesern deshalb ein kleiner Service: In. Remain. Bleiben. Bitte gerne auch weitersagen. Wenn's Labour schon nicht tut.
Brexit David Cameron Angela Merkel

Was genau machen wir hier eigentlich? Eine Frage, die sich nicht nur Angela Merkel stellt, sondern vermutlich auch David Cameron


  • M wie Merkel, Angela: Bundeskanzlerin, Pro-Europäerin und Vertraute von -> Cameron, David. Sie wird nicht müde, für den Verbleib Britanniens in der EU zu werben. Oder vielleicht doch langsam müde. Neulich ließ sie ihren Finanzminister Wolfgang Schäuble von der Kette. Der drohte den Briten, out bedeute auch out. Und dass sie sich ihren Zugang zum freien Markt im Fall des Austritts dorthin schieben könnten, wo die Sonne nicht scheint. Ganz so hat er das nicht gesagt, aber gemeint. Die Briten mögen das im Übrigen gar nicht. Einmischung von außen ist in etwa so beliebt wie Verlieren im Elfmeterschießen.
  • N wie Nordirland: Die einzige Landgrenze Großbritanniens zur EU verläuft auf 500 Kilometern zwischen dem Norden und der Republik Irland. Bis vor 20 Jahren ein ständiger Ort der Unruhen und des Bürgerkriegs, den Briten wie Iren grenzübergreifend verharmlosend "Troubles" nennen, als handele es sich dabei um eine lästige Stubenfliege. Die Grenzen sind inzwischen so grün wie die ganze Insel. Es wucherte zusammen, was zusammengehört. Viele befürchten, dass im Falle des Brexits neue Grenzen entstehen müssen. Dreiviertel aller Nordiren werden aller Voraussicht nach für den Verbleib stimmen.
  • O wie Obama, Barack: US-Präsident mit fast schäublehafter Tendenz zur Einmischung. Er warnte bei seinem letzten Besuch in Großbritannien, die Briten müssten sich nach einem Austritt bei Verhandlungen ganz hinten anstellen. Und benutzte dafür bewusst das schöne englische Wort "queue" statt des amerikanischen "line". Damit es auch jeder Brite kapiert. Kapierte auch jeder. Vergaß aber auch jeder wieder.
Brexit Presse Großbritannien

Kleines Ensemble gedruckter, britischer Waffen - hier allerdings mit einem erfreulicheren Thema als dem Brexit auf den Titelseiten


  • P wie Presse: Das Gesetz der Neutralität gilt in Großbritannien nicht. Der "Guardian" siedelt auf der linksliberalen Seite ebenso wie die Boulevardzeitung "Daily Mirror". Dem steht auf der anderen Seite des Spektrums eine ganze Armada von konservativen Publikationen gegenüber. Allen voran die notorische "Sun" und die "Daily Mail". Wobei die "Sun" zumindest noch lustig und ironisch sein kann, die "Mail" mit vornehmlich älterer Leserschaft aber nicht. Themenschwerpunkte sind Krampfadern, Menopause und vor allem -> EU (schlimm) und -> Immigranten (noch schlimmer).
  • Q wie Queen: Die Königin darf - allen Gerüchten zum Trotz - wählen. Macht das aber nicht aus Neutralitätsgründen. Vor einigen Wochen meldete die "Sun" -> Presse, Elisabeth habe sich im kleinen Kreis für den EU-Austritt ausgesprochen. Der Palast dementierte zügig und setzte eine Gegendarstellung durch. Als Quelle der Indiskretion wird -> Gove, Michael verdächtigt.
  • R wie Remain: Bunt zusammengewürfelte Allianz aus Politikern aller Parteien, Wirtschaftsbossen, Intellektuellen, Ökonomen, Geisteswissenschaftlern, Stars und Kulturschaffenden, die für den Verbleib des Königreichs trommeln. Von der Man-Power, finanziell und auch argumentativ dem Out-Lager klar überlegen. Und doch in den Umfragen bestenfalls gleichauf. Das ist die eigentliche Überraschung. Sollte Remain nicht deutlich gewinnen, könnte aus dem Referendum ein "Neverendum" werden wie in…
  • …S wie Schottland: Zwei Jahre nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit beobachten die mehrheitlich pro-europäischen Schotten das Wahlverhalten ihrer südlichen Verwandtschaft mit größtem Interesse. Ein Brexit würde unweigerlich auch die Diskussion über ein neuerliches Referendum in Schottland wiederbeleben. Dann könnte aus Großbritannien wirklich Little Britain werden.
  • T wie TV-Debatten: Scharmützel, die sich allerdings von vergleichbaren deutschen Veranstaltungen (siehe Video) wohltuend unterscheiden. -> Cameron, David weigerte sich, seinen Widersachern -> Johnson, Boris -> Banane und -> Gove, Michael direkt zu begegnen. Zwei Tage vor der Abstimmung kommt es in Wembley zu einer Art Showdown. Johnson trifft dort auf seinen Nachfolger als Londoner Bürgermeister, den Labour-Mann Sadiq Kahn. Der Sieger in Wembley wird im Übrigen nicht im Elfmeterschießen ermittelt.

  • U wie United Kingdom Independence Party UKIP: Gleich -> Nigel Farage.
Brexit: Cameron mit Dyson-Staubsauger

Brexit-Grund Dyson: Weil der nicht so saugen darf, wie er saugen könnte, soll Großbritannien raus aus der EU. 


  • V wie Vacuum Cleaner/Staubsauger: Großes Thema wie -> Kosten und -> Banane. Der milliardenschwere Föhn und -Staubsauger-Hersteller James Dyson konvertierte zum erbitterten EU-Gegner, weil seine Staub- und Saugbläser nicht so saugen und blasen dürfen, wie James das gerne hätte. Schuld daran sind die EU-Regularien, sagt er, und kämpft seitdem für den Austritt. Danach könnte Großbritannien endlich wieder groß sein. Es sei denn die Schotten gehen. Und dann die Waliser. Und dann die Nordiren. Andererseits: Staubsauger brauchen die dann auch.
  • W wie Warum überhaupt?: Gute Frage, die sich -> Cameron, David wohl auch schon gestellt hat.
  • X wie Xenophobie: Ausländerfeindlichkeit, die vor allem die Partei -> UKIP politisch nutzt. Seit im vergangenen Monat die Zahlen über die Netto-Immigration veröffentlicht wurden, setzt das Leave-Lager komplett auf diese Karte. Sie haben ja sonst nichts.
  • Y wie YouGov: Bekanntestes und größtes Meinungsforschungsinstitut Großbritanniens. Im vergangenen Jahr bei den Parlamentswahlen lagen alle Meinungsumfrager abendfüllend daneben. Das war immerhin die größte Übereinstimmung. Diesmal sehen sie fast übereinstimmend das Brexit-Lager knapp vorn. Womöglich ist das ein gutes Omen.
  • Z wie Zeitplan:. Sollten die Briten am 24. Juni aufwachen und nicht mehr Mitglied der EU sein, wird es lang und schmutzig. -> Cameron, David müsste theoretisch die Austrittsverhandlungen führen; praktisch dürfte er allerdings seinen Job los sein. Die Gespräche dürften wenigstens zwei Jahre dauern. Und zwar nur für das notdürftige Gerüst. Fortan müssten bilaterale Verträge wohl einzeln ausgehandelt werden - heißt: im Obamaschen Sinne Schlange stehen. Sollten die Briten bleiben, gehen erst mal alle in den Urlaub und gucken zur Entspannung Fußball-EM. Bis zum obligatorischen Aus nach Elferschießen. Gegen Deutschland. Und auf der Tribüne lächelt dort milde und nur ein kleines bisschen hämisch -> Merkel, Angela.

Lesen Sie im ersten Teil des Brexit-Alphabets: Warum Brexit-Fans Bananen bemühen

stern-Korrespondent Michael Streck ist durch   gefahren und hat versucht, die Stimmung auf der Insel einzufangen: