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Last Call: Den Brexit gibt es nun auch als Film. Kein Witz.

Darauf hat vielleicht nicht Europa gewartet, aber die Anti-EU-Front in Großbritannien: der Brexit als Film. Gefeiert wurde mit versnobtem Pomp und der magere Inhalt gefeiert wie das Politbüro auf dem SED-Parteitag.

Von Michael Streck, London

Premierengäste von "Brexit - The Movie" in London

Zeit, zu gehen: Premiere von "Brexit - The Movie" am Leicester Square in London

Die Endphase des Wahlkampfs um den britischen Verbleib in der EU hat begonnen. Der Ton wird auf beiden Seite rauer und unversöhnlicher, das Niveau der Debatte steigt damit nicht zwangsläufig. Es sinkt vielmehr auf Grabsteinhöhe. Beide Seiten bemühen in ihrer Not schon Tote. Soeben erst wurde der alte Churchill publizistisch exhumiert. Von Premier David Cameron (Churchill wäre pro Europa) und vom ehemaligen Bürgermeister und vielleicht künftigen Premier Boris Johnson (Churchill wäre anti Europa).

Man ist inzwischen auf Friedhofslevel angekommen, Leichen pflastern ihren Weg. Die große Untote Thatcher sowieso. Jetzt auch noch Churchill. Er würde sich im Grab umdrehen. Tiefer geht’s nicht mehr. Dachte man.

Und täuschte sich.

Am Mittwochabend lud das Lager der Outisten ins berühmte Odeon-Kino am Leicester Square. Das ist ein Ort, an dem normalerweise große Filme ihre Premieren feiern. Roter Teppich, Fotografen, viel Hollywood.

Roter Teppich war diesmal auch, darüber stürmte allerdings vergleichsweise dürre Prominenz. Allen voran und überpünktlich UKIP-Boss Nigel Farage - und zwar direkt in den ersten Stock an den Tresen. Der oberste aller Anti-Europäer trinkt gerne Bier.

Über den Brexit müsste sich doch auch Europa freuen

Und während er dort oben seinem Hobby nachging, flanierte der Rest des geladenen Publikums ins Foyer. Eine sehr bunte Mischung Mensch irgendwo zwischen Parteitag der Konservativen und Boxkampf auf dem Kiez. Ein paar Lords erschienen und der ewige Snob und Tory-Abgeordnete Jacob William Rees-Mogg, der noch auf dem roten Teppich in den Block eines spanischen Kollegen näselte, De Gaulle habe eben doch Recht gehabt und die Briten passten wirklich nicht nach Europa. Und im Übrigen dürften die Europäer doch froh darüber sein, dass die ständig nörgelnden Briten alsbald nicht mehr mit am Tisch sitzen.

Sprach das und verschwand.

Frauen waren natürlich auch da, die meisten von ihnen an den Händen bekennender EU-Feinde. Eine sagte, sie sei noch unentschlossen, worauf ihr Mann sehr düpiert und zornig guckte. Die Frau war neben den Medienvertretern die vermutlich einzige Neutrale im ganzen Haus und hat jetzt vermutlich Beziehungsstress. Man hätte ihr am liebsten zugerufen: leave.

Sodann der Film, vorgestellt von Filmemacher Martin Durkin, dem die Welt bereits kolossal dumpfbackige Werke wie "The Great Global Warming Swindle" oder den ähnlich weltraumgreifenden Unfug "Did We Nuke Jupiter?" verdankt.


Die gute Nachricht: "Brexit – the movie" ist kein Film. Und die schlechte: Es ist eine knapp 80 Minuten lange Suada gegen die EU. Also ein überlanger Brexit-Spot, finanziert von Brexit-Freunden aus der City und gemacht für Brexit-Freunde aus dem ganzen Land. Insofern bleibt der Schaden übersichtlich. Durkin wollte ihn sogar fürs Kino produzieren, aber die Kinos wollten offenbar nicht richtig. Jetzt läuft er im Heimkino Internet. Für alle, die keine 80 Minuten Zeit und Lust haben, hier der Inhalt in handgestoppten 17 Sekunden Lesezeit: In Brüssel sitzen träge EU-Beamten, die a) niemand kennt, b) alle viel mehr verdienen als sie verdienen, c) pausenlos überflüssige Gesetze und Regularien verfassen, ohne die es d) Großbritannien selbstverständlich viel besser ginge. Vielleicht irgendwann genau so gut wie der Schweiz, die wie immer als leuchtendes Beispiel für ein Leben nach der EU herhalten muss. Schnitt: Zürich. Hübsche Fassaden, hinter denen wohlhabende Schweizer leben und Uhren fertigen oder alternativ Geld. Die Alpen nah, der Butterberg (ja, auch der darf nicht fehlen) ganz weit. Kronzeuge fürs Schweizer Modell der rechtspopulistische "Weltwoche"-Chef Roger Köppel, der die Union als "Diktatur" bezeichnen darf. Köppel ist der helvetische Farage.

SED-Parteitagsähnliche Zustimmung

Gejohle im Saal. Wie überhaupt SED-Parteitagsähnliche Zustimmung bei jedem EU-feindlichen Soundbite, mithin: immer. Farage, voll Bier und guter Laune, guckt Farage zu, wie ihn Durkin interviewt im verhassten Brüssel. Ein paar Schwarz-Weiß-Bilder aus der Zeit als Britannien noch mehr war als eine Inselgruppe in der Nordsee, in der damals Makrelen schwammen groß wie Delphine. Aber jetzt nicht mehr, weil die EU alles leer fischen ließ. Früher war alles besser. Fragt die Makrelen.

Interviews mit Autoren und Historikern und Journalisten, die auf Brüssel schimpfen und die Bürokratie. Die Botschaft: Morgen wird alles besser, wenn wir erst mal raus sind.

Die Briten sind dann Schweizer.

Nach knapp 80 Minuten ist der Spuk vorüber. Das Publikum, viele Filmförderer darunter, ist zufrieden und beseelt. Am Ende hebt ein "Leave"-Gesang an, der stark an das tumbe "Sieg"-Gebrüll teutonischer Fußballfans erinnert. Vereinzelt auch "God save the Queen"-Choräle.

Der rote Teppich wird eingerollt. Bald kommt Johnny Depp. Jedenfalls ein richtiger Star.

Der Reclam-Star dieses Events: Nigel Farage. Der muss nun nach Hause zu seiner Frau, einer Deutschen, und vermutlich wie jeden Abend erklären, warum er eine Fahne hat. Und keinen Union Jack.

Eine bedauernswerte junge Dame im weißen T-Shirt wirbt am Leicester Square unterdessen immer noch für eine Konkurrenz-Veranstaltung. Oder vielleicht doch nicht? Der Titel: "Comedy Tonight". Noch sechs Wochen bis zum Referendum.

The show must go on.