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Latino-Söldner im Irak: Wenn Sicherheit zur Ware wird

Kaum ist der Teilabzug der US-Truppen aus dem Irak beschlossene Sache, schlägt die große Stunde der privaten Sicherheitsfirmen: Deren Leute kommen neuerdings vermehrt aus Südamerika. UN-Sponderberichterstatterin Amanda Benavides sprach mit stern.de über die Latino-Söldner.

Von Karen Naundorf, Kolumbien

Sechs Monate arbeiten, bis zu 30.000 Dollar verdienen - das klang für 35 kolumbianische Ex-Militärs nach einem fairen Deal. Natürlich war es ein Risiko, in den Irak zu fliegen, aber das Geld stimmte. Als sie auf dem Weg zum Flughafen den Vertrag bekamen, stand jedoch eine andere Zahl auf dem Papier: 1000 Dollar Monatsgehalt. Dann saßen die 35 Kolumbianer in Bagdad, wollten zurück - und konnten nicht. Sie wussten, worauf sie sich einlassen, sagt die Firma ID Systems, die die Ex-Soldaten für den Job im Irak angeworben hatte.

Auch der Krieg lässt sich privatisieren

Die 35 Kolumbianer sind das, was die UN-Spezial-Berichterstatterin Amanda Benavides "moderne Söldner" nennt: Sicherheitskräfte, die im Auftrag von privaten Firmen im Irak Banken, Botschaften oder Militäreinrichtungen schützen sollen, bewaffnet und je nach Einsatzort unter Lebensgefahr.

Zu viele Anschläge, zu viele Tote aus den eigenen Reihen, zu wenig Erfolge - der Teilabzug der US-Truppen aus dem Irak scheint beschlossene Sache. Was nicht heißt, dass die Zahl der Sicherheitskräfte sinken muss: Es findet sich immer jemand, der die Aufgaben der Soldaten übernimmt. Gegen Geld natürlich. Auch der Krieg lässt sich privatisieren, im Irak ist das längst passiert.

160.000 US-Soldaten befinden sich zurzeit im Irak und stellen damit das offiziell größte Kontingent, die Briten 50.000 Mann. Dazu kommen jedoch 66.000 Sicherheitsleute mit privaten Verträgen und 110.000 Iraker, die im Dienst westlicher Firmen stehen, sagt Benavides. Allerdings sind diese Zahlen nur Schätzungen - die privaten Sicherheitsleute tauchen in keiner Statistik auf. Das hat Vorteile für den Auftraggeber, meist das US-State Department, das private Firmen unter Vertrag nimmt, die dann das Personal in den Irak schicken: Die Gehälter sind billig und sie kosten den Staat keine Invalidenrente, wenn ihnen etwas passiert. Sie tauchen nicht in der Statistik auf - weder als verschickte Soldaten, noch als Tote in den "Body Counts".

Außerdem ist der Staat fein raus, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen. Benavides nennt das Beispiel Abu Ghreib: "Die beteiligten Soldaten werden bestraft. Die privaten Sicherheitsleute, die dabei waren, nicht mal vor Gericht gestellt." Und das, obwohl ihre Namen und die der Firmen, von denen sie geschickt wurden, bekannt seien.

"Sicherheit ist eine Ware geworden"

Vor dem Büro von Amanda Benavides hängt ein großes Plakat, darauf eine Weltkugel und der Schriftzug: "Escuelas de Paz", Friedensschulen. Wohl kaum hätte sich die kolumbianische Pädagogin mit den dunkelrot getönten Haaren träumen lassen, einmal Spezial-Berichterstatterin der Vereinten Nationen zu werden. Bis vor zwei Jahren beschäftigte sie sich mit den Themen Menschenrechte, Grenzen und Friedenserziehung an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Nun besucht sie im Auftrag der UNO die Länder Lateinamerikas und berichtet nach New York. Nur in ihr Heimatland Kolumbien wird ein anderer Berichterstatter geschickt - zu gefährlich für Benavides, schließlich will sie weiter in Bogotá wohnen. "Sicherheit ist eine Ware geworden, nur wer Geld hat, kann sie sich leisten", sagt Benavides. "In Ländern wie Peru und Ecuador gibt es mehr private Wachmänner als Polizisten." Auch der geräumige Altbau, in dem ihr Büro ist, wird von einem privaten Wachdienst geschützt.

Die Sicherheitsfirmen verdienen Millionen mit der Ausbildung und Vermittlung von Personal für den Irak: Sie haben erkannt, dass es in Lateinamerika gut ausgebildete Soldaten und Polizisten gibt, mit bescheidenen finanziellen Ansprüchen: Während ein US-Soldat im Monat 12.000 bis 15.000 Dollar bekommt, sind die Latinos oft schon für zweitausend zu haben. Das Lohnniveau in ihren Heimatländern ist niedriger. "Es ist ein Spiel von Angebot und Nachfrage, wo Jobs fehlen, verlange die Leute weniger Gehalt", sagt Benavides. "Anfang des Jahres waren etwa 1000 Peruaner im Irak, wir haben aber gehört, dass im Mai 850 weitere und in der zweiten Juliwoche 150 mehr geflogen sind."

Staat zieht sich aus der Verantwortung

Die Job-Anzeigen klingen meist recht harmlos: "Die Firmen sagen, sie verschicken Wachmänner", sagt Benavides. "Aber wir wissen, dass manche Gruppen ein militärisches Training bekamen: in Häuser von Aufständischen eindringen. Auf bewegliche Ziele schießen, die trugen zufällig arabische Kleider."

Der Staat ziehe sich aus der Verantwortung und egal, ob private Sicherheitsleute Verbrechen begehen oder verletzt werden - niemand will am Ende etwas damit zu tun haben. Benavides hat Rückkehrer getroffen, die eigentlich als Kriegsverletzte gelten müssten: "Einer wurde im Irak bei einem Anschlag am Bein verletzt, dort nicht behandelt, jetzt muss es amputiert werden. Ein anderer ist taub." Ein Peruaner habe seit seiner Rückkehr Leukämie, er vermutet, dass er mit radioaktivem Material in Kontakt war. Diesen Leuten kann auch Benavides nicht helfen: "Welches Gericht ist zuständig, wenn das State Department eine Firma wie Blackwater beauftragt, die dann den Job weitergibt an ein Unternehmen, das in Ecuador rekrutiert, seinen Sitz in Uruguay hat und die Verträge im Flugzeug auf dem Weg in den Irak unterschrieben werden?"

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