HOME

Libanon: Ließ Gaddafi "Muslimen-Papst" töten?

Politiker verzweifelt gesucht: Heute vor 30 Jahren verschwand Musa as-Sadr, der religiöse und politische Führer der Schiiten im Libanon - in diesen Tagen berufen sich alle Politiker des Landes auf den beliebtesten Libanesen. Ein Haftbefehl soll nun für Aufklärung sorgen.

Von Jan Rübel

Ein einziges Gesicht schluckt die ganze Stadt. Von Häuserwänden herab lächelt sein gemaltes Konterfei, und entlang der Hamra-Haupteinkaufstraße schaut er auf zahllosen Plakaten traurig wie ein Hefekloß: Musa as-Sadr beherrscht Beirut. Nicht wenig für einen Mann, der heute vor 30 Jahren spurlos verschwand. "Ich weiß nicht, ob er noch lebt", sagte Rabab Mustafa der Zeitung "Daily Star", "aber ich hoffe, dass er zurückkommt". Mustafa gehört zu den Kuratoren einer Ausstellung im Beiruter Unesco-Palast über den "Papst der Muslime", wie viele Musa as-Sadr nennen. Zu ihrer Eröffnung pilgerte am vergangenen Dienstag die gesamte Staatsspitze. Im Gepäck hatte sie einen Haftbefehl.

Die Spur verliert sich in Tripoli

Zum ersten Mal überhaupt benennen libanesische Behörden offiziell, wen sie hinter dem Verschwinden as-Sadrs vermuten: Ermittlungsrichter Samih al-Hadsch hat am Mittwoch einen Haftbefehl gegen Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi unterzeichnet. Der Staatschef soll sich as-Sadrs bei einem Besuch 1978 in Libyen entledigt haben, weil er Gaddafis Pläne im Libanon durchkreuzte. Weil er die Einheit des Landes wollte. Weil er den Oberst in stetem Camouflage mit seinem Charisma, seiner Intelligenz und seiner Internationalität nervte.

As-Sadr: ein Iraner, im Irak bei den höchsten schiitischen Gelehrten theologisch ausgebildet, der 1958 in den Libanon gezogen war. Schnell stieg er zum Fürsprecher der sozial und politisch marginalisierten Schiiten auf; 1,90 Meter groß, mit leuchtend grünen Augen und einem fein gestutzten Bart, avancierte er zu einer Art Popstar im Kleriker-Gewand. Die Leute liefen ihm zu, auch aus anderen Konfessionen.

Immer Ärger mit dem Oberst

Denn as-Sadr predigte in Kirchen für religiöse Toleranz. Mit dem griechisch-katholischen Erzbischof George Haddad gründete er die "Soziale Bewegung", die für Demokratie und gegen Konfessionalismus und Korruption eintrat. Durch diverse soziale Einrichtungen, die er mithilfe immenser Spenden von Schiiten aus allen Erdteilen aufbaute, band der Geistliche viele Anhänger an sich. Und er stimmte für einen politischen Patron neue Töne an: Im Beirut der frühen Siebziger Jahre, dem Refugium für politisch Verfolgte, dem Zentrum für Meinungsfreiheit in der arabischen Welt, machte sich as-Sadr für Bürgerbewusstsein und Nationalstaatlichkeit stark. Zwar hatte auch er, wie die anderen Politiker, eine Miliz gegründet: AMAL. Aber als 1975 der Bürgerkrieg im Libanon ausbrach, griffen die Schiiten anfangs nicht ein - as-Sadr hatte sie zurückgehalten; auf die ersten Schüsse antwortete er mit einem Hungerstreik.

Der Libanon verkam mit jedem Kriegstag mehr zum Mülleimer für die Probleme des Nahen Ostens. Viele Potentaten der Region mischten mit protegierten Kämpfern mit - Gaddafi natürlich auch. Der träumte davon, aus dem Süden Libanons, dem Stammland der Schiiten, "eine gigantische Militärbasis zur Zerstörung Israels" zu machen und unterstützte palästinensische Milizen. As-Sadr entgegnete, die arabischen Länder sollten "ihre Streitereien nicht in den Libanon tragen, um keinen Vorwand für militärische Besatzung zu liefern". Was folgte, liest sich wie ein schlechter Kriminalroman.

Treffen wird dauernd verschoben

Am 25. August 1978 fliegt as-Sadr zusammen mit zwei Begleitern auf Einladung Gaddafis nach Tripoli. Nach den medialen Wortgefechten in den Wochen zuvor möchte man sich aussprechen, heißt es. Doch im Hotel "ash-Shathi" angekommen, erfahren die drei, wie der "Führer" das Treffen von Tag zu Tag verschiebt. Dann kommt der 31. August. Am nächsten Tag soll das Treffen stattfinden. Bei einem Mittagessen mit einem Diplomaten der libanesischen Botschaft meint as-Sadr: "Es kann stürmisch werden." Wenige Minuten später verlässt er in einem Wagen mit staatlichen Kennzeichen das Hotel. Seine Spur verliert sich.

Gaddafi behauptet sofort, as-Sadr habe mit seinen Begleitern den Flug AZ 881 der Alitalia nach Rom genommen. Zeitgleich checkt ein "Musa as-Sadr" im Holiday Inn am Parco dei Medici ein. Allerdings trägt er einen riesigen Vollbart, ist kleiner Statur und verwechselt in der lateinischen Handschrift Klein- mit Großbuchstaben. As-Sadr aber beherrscht Französisch fließend. Der Gast zahlt im Voraus und verschwindet. Die italienische Polizei zweifelte nie an einer Aktion des libyschen Geheimdienstes. Doch Gaddafi schweigt bis heute und bleibt bei seiner Version von vor 30 Jahren.

Vielen ein Dorn im Auge

As-Sadrs Verschwinden hat Vielen genutzt. So auch einem anderen Revolutionsführer: Ruhollah Khomeini, ein Schwager as-Sadrs, ließ in Iran jeden potenziellen Rivalen beseitigen und stieß sich an der säkularen Reformtheologie as-Sadrs ebenso wie an dessen Popularität wegen seiner früheren Opposition gegen den im Volk verhassten Schah. Die Folge: Die Islamische Republik Iran übte keinen Druck aus und beschloss gar die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Libyen - zwei Regime wie Tag und Nacht, sich dennoch "revolutionär" gerierend. Libyens Schuld und Irans Indifferenz besiegelten as-Sadrs Schicksal.

Noch heute ist as-Sadr ein Star. Für viele Schiiten gilt er gar als "entrückt", am Tag des jüngsten Gerichts werde er wieder auftauchen. Mustafa von der Ausstellung im Beiruter UNESCO-Palast sähe ihn gern früher. "Er war wie Gandhi, ein Mann des Friedens", sagt er. Das Land verharrt noch immer nach monatelangen Flügelkämpfen um die Macht in politischer Stagnation. As-Sadr wäre heute 80 Jahre alt. Mustafa: "Wir brauchen ihn in diesen Tagen."