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Libyen vor dem Neuanfang: Freude auf die Stunde null

Libyen steht vor der Mammutaufgabe, sich als Staat völlig neu erfinden. Denn außer Öl hat das Land so gut wie nichts. Und doch stehen die Chancen nicht schlecht.

Von Niels Kruse

Wenn alles so weitergegangen wäre wie in den letzten 40 Jahren, hätte sich am 1. September Muammar al Gaddafi in Tripolis feiern lassen: mit einem gigantischen Standbild als Revolutionär, als Bruder Führer, vielleicht auch als "König aller afrikanischen Könige", wie er sich selbst gerne nannte. Gefeiert wird in Libyen, allerdings nicht der Jahrestag des Gaddafi-Putsches von 1969, sondern die Ablösung des Diktators. Die Aufständischen und ihr Übergangsrat haben nun das Sagen. Mit Hilfe amerikanischer, britischer und französischer Bomben wurde das Land vom Dauer-Despoten befreit - und die Alliierten wiederum feierten sich und ihren Einsatz in Paris bei der "Freunde Libyens"-Konferenz.

Es war der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der sich das symbolische Datum ausgesucht hatte, um mit Vertretern von 60 Ländern und Organisationen die Zukunft des nach-revolutionären Staates zu planen: Konkret ging es bei der Veranstaltung, an der auch Abgesandte des libyschen Übergangsrats teilnehmen werden, um Geld. Bevor die üppigen Ölquellen des Landes wieder zu sprudeln beginnen, braucht Libyen nach Schätzungen des Übergangsrats mindestens 3,4 Milliarden Euro Nothilfe für die nächsten acht Monate. Fließen wird nun sogar deutlich mehr: Die "Freunde Libyens" haben beschlossen, rund zehn Milliarden Euro der gesperrten Gaddafi-Milliarden freizugeben.

Mit Petrodollars und Peitsche das Land im Griff gehabt

Doch das ist nur der Anfang für ein neues Libyen, dessen Profil noch nicht zu erahnen ist. Denn das Land steht vor dem Nichts. Weder eine erfahrene Verwaltung noch eine erprobte Justiz existiert, es gibt keine Parteien, kein politisches System und wer die Sicherheit im Land gewährleisten soll, ist auch noch offen. Wie sich die diversen libyschen Ethnien verhalten werden ist ebenso unklar, wie die Einbindung der rund 140 Stämme, die das Rückgrat der Gesellschaft bilden und deren Siedlungsgebiete in den ölreichen Regionen liegen. Schon seitdem sich das Ende der Ära Gaddafi abzeichnet, der mit Petrodollars und Peitsche das Land zusammengehalten hatte, wird gemutmaßt, Libyen könne nach der Revolution im Bürgerkrieg versinken.

Der Wiener Sicherheitsforscher Heinz Gärtner hält jedoch nichts von der These, dass das Land in Anarchie versinkt: "Die Libyer sind im positiven Sinne Nationalisten", sagte er zu stern.de, "alle haben ein Interesse daran, dass sich ihre Heimat weiterentwickelt". Ähnlich sieht es der Libyen-Kenner Thomas Hüsken: "Stammespolitiker sind erfahrene Lokalpolitiker. Begriffe wie Konsens und Interessenausgleich sind ihnen nicht fremd", sagte Hüsken der "Tageszeitung". Einen Krieg der Stämme werde nicht geben, "die Leute sind ja nicht blöd."

Bislang sieht es tatsächlich so aus, als würden die Clans eher im Sinne der Nation handeln als ihr eignes Süppchen zu kochen. Kurz nachdem das alte Regime begonnen hatte, mit Gewalt gegen die Aufständischen vorzugehen, sagte sich der al-Suwaya-Stamm von Gaddafi los und drohte damit, die Ölhähne abzudrehen, falls der Diktator weiterhin Libyer ermorden würde.

Lesen Sie auf der Nächsten Seite: Die Libyer träumen schon von einem neuen Dubai oder Katar

Die immensen Waffenmengen sind ein Problem

Das Verhalten der Stämme hängt aber stark davon ab, wie sie künftig in die politischen Prozesse eingebunden werden. Eine echte Pionierarbeit, wie Heinz Gärtner sagt, denn bislang hatte Gaddafi und seine Sippe Libyen nach Gutdünken regiert, außer Autokratien hat das Land nie ein anderes politisches System kennengelernt. Es wäre natürlich optimal, wenn es dem Übergangsrat wie versprochen gelänge, innerhalb von zwei Jahren demokratische Wahlen durchzuführen, sagte der Arabien-Kenner Günter Meyer dem "Focus", doch das wird schwierig. Denn anders als in Ägypten, wo zumindest politische Institutionen existierten, gibt es in Libyen nicht einmal ein nationales Parlament. Immerhin hat der Westen, unter anderem Deutschland dem Übergangsrat nun Nachhilfe in Sachen Demokratie angeboten.

Für den österreichischen Forscher Heinz Gärtner sind Wahlen, demokratische noch dazu, aber Musik von übermorgen. Aus seiner Sicht muss Libyen zu allererst für Sicherheit sorgen. Vor allem weil der verschollene Ex-Diktator sich nun per Audiobotschaft überraschend zu Wort gemeldet und seine letzten Getreuen aufgefordert, "unser Land zu befreien, Tal für Tal, Berg für Berg und Stadt für Stadt", wie er kämpferisch sagte. Auch die immensen Mengen an Waffen, die seit dem Bürgerkrieg kursieren, könnten in den falschen Händen, irgendwann zu einem Problem werden. "Der Übergangsrat täte gut daran, wenn er den Menschen anbietet, Waffen gegen Amnestie zu tauschen, wie es in solchen Situationen üblich ist."

Wie stark sind die Islamisten?

Und dann ist da noch der ungeklärte Einfluss der Islamisten - allen voran der Militärchef der Rebellen in Tripolis, Abdel Hakim Belhadsch, ein ehemaliger al-Kaida-Kämpfer, der indirekt an der Ermordung des Rebellenführers General Abdulfattah Junis im Juli beteiligt gewesen sein könnte. Einige Mitglieder des Übergangsrats befürchten, ihr Gremium könnte von den radikalen Kräften infiltriert werden. "Wir müssen die Front innerhalb des Landes verstärken", sagte der Sprecher der Partei FLN, Kassa Aissi.

Erst wenn sich die Lage beruhigt hat und unter Kontrolle ist, wird die Regierung sich daran machen können, die dringend benötigte Verwaltung aufzubauen und eine Justiz zu installieren. "Ihr kommt die zentrale Rolle zu, den Kriegsverbrechern einen fairen Prozess zu ermöglichen", so Gärtner. Auch vom Umgang mit den Regimeanhängern der libysche Frieden abhängen. Hoffnung macht, dass der Übergangsrat seit Wochen die Rebellen geradezu anbettelt, keine Lynchjustiz an Festgenommenen zu verüben, damit sie noch anständig von einem Gericht verurteilt werden können.

Ägypter und Tunesier haben es einfacher

Und erst dann, wenn die Reste des Krieges und der Gewaltherrschaft zusammengefegt worden sind, kommt die "Zeit für eine Verfassung und Wahlen", so Heinz Gärtner, der die Zivilvergesellschaftung Libyens als langen Prozess beschreibt. Die beiden nachrevolutionäre Nachbarstaaten Ägypten und Tunesien taugen leider nicht als Vorbild. Am Nil hat das Militär die Herrschaft übernommen, und gestaltet nun von oben herab das neue Ägypten. Die Tunesier haben es noch einfacher, sie haben letztlich nur die Führung ersetzt und können auf einen halbwegs funktionierenden Staat blicken. All das muss sich Libyen nun neu erarbeiten.

Doch die Menschen sind optimistisch: "Jetzt ist es besser für uns alle und es wird noch besser werden", sagt der Erdölarbeiter Attija Pakuri. Libyen mit seine riesigen Öl- und Gasvorkommen ein unheimlich reiches Land. Pakuri vergleicht es mit den kleinen ölreichen Golfstaaten, wo die einheimischen Bürger in jeder Hinsicht vom Staat materiell unterstützt werden: "Wir sollten leben können wie die Menschen in Dubai oder Katar."