VG-Wort Pixel

Liz Truss vs. Rishi Sunak Die neue "Eiserne Lady" oder der rationale Underdog – wer tritt in Boris Johnsons Fußstapfen?

Sie wollen beide in die Downing Street: Favoritin Liz Truss (r.) und ihr Konkurrent Rishi Sunak
Sie wollen beide in die Downing Street: Favoritin Liz Truss (r.) und ihr Konkurrent Rishi Sunak
© Kirsty Wigglesworth / DPA
Am Montag erfahren die Briten endlich, wer sie künftig regiert. In Umfragen hat die populistische Liz Truss den ehemaligen Favoriten Rishi Sunak weit abgeschlagen. Wer auch immer das Rennen macht, sie oder ihn erwartet ein schweres Erbe.

Großbritannien ist im Schwebezustand. Seit Premierminister Boris Johnson Anfang Juli nach einer Reihe von Skandalen zurücktreten musste, schlingert das Land ohne Kapitän durch den Sturm. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem es eigentlich dringend Führung bräuchte. Die Inflation liegt inzwischen bei über zehn Prozent und die Bevölkerung ächzt unter rasant steigenden Lebenshaltungskosten. Hinzu kommt der lange Rattenschwanz, den der Brexit noch immer nach sich zieht – vom russischen Krieg gegen die Ukraine ganz zu schweigen.

Und all' das ist zudem nur die Spitze des Eisbergs an Problemen, mit dem sich die neue Nummer eins in der Downing Street ab Montag beschäftigen muss. Dann erfahren die Briten endlich, wer künftig das Steuer übernimmt. Dabei ist es für viele schon jetzt eine Wahl ohne Gewinner.

Großbritannien sucht Premier: Der letzte Showdown

Das mag einerseits an der Art der Abstimmung selbst liegen. Denn der oder die nächste Premier wird nicht wie sonst von Millionen britischer Wählerinnen und Wählern bestimmt, sondern alleine von den rund 160.000 Mitgliedern der konservativen Tory-Partei – die im Vergleich zum Rest der Bevölkerung überwiegend weiß, männlich und wohlhabend sind. Andererseits haben sich die beiden finalen Kandidaten – Außenministerin Liz Truss und der frühere Finanzminister Rishi Sunak – im wochenlangen Dauer-Wahlkampf gegenseitig so beschädigt, dass inzwischen viele selbst den in Ungnade gefallenen Johnson bevorzugen würden. Besonders deutlich wurden die Spannungen beim letzten Rededuell der beiden am Mittwoch in der Londoner Wembley Arena.

Im Zentrum der Debatte standen die explodierenden Lebenshaltungskosten – das derzeit wichtigste Thema im Land. Truss, die in Umfragen als klare Favoritin gesehen wird, nutzte ihr Momentum vor tausenden Tory-Mitgliedern und kündigte "massive Steuersenkungen" im Falle ihres Sieges an. Als neue Regierungschefin wolle sie sich auf "Energiepreise für Verbraucher" und die Ankurbelung der Wirtschaft konzentrieren – konkrete Details nannte sie dazu auch auf Nachfrage nicht. Gleichzeitig warf sie Sunak als ehemaligen Finanzminister Steuererhöhungen vor und kritisierte, dass er im Gegensatz zu ihr Energierationierungen im Winter nicht ausschließen wollte.

Dieser wiederum bezeichnete die Pläne seiner Konkurrentin als "finanziell unverantwortbar". Steuersenkungen ohne parallele Ausgabenkürzung würden den Ruf Großbritanniens auf den globalen Kreditmärkten gefährden, warnte der Finanzexperte. Mit seinem eigenen Wirtschaftsplan, der nur punktuell Entlastungen vorsieht, versprach Sunak, die Inflation schneller in den Griff zu bekommen. In seinem Abschlussplädoyer verzichtete er auf Stiche gegen Truss und versuchte sich vielmehr von Boris Johnson abzugrenzen. Er werde eine Regierung anführen, "die kompetent und ernsthaft" geleitet werde, und bei der "Anstand und Integrität" im Mittelpunkt stünden. "Das ist der Wandel, den ich bringen werde. Das ist der Premierminister, der ich sein werde."

Liz Truss: Sie will die neue "Eiserne Lady" werden

Während Liz Truss ihren politischen Aufstieg selbst als "Reise" bezeichnet, werfen ihr Kritiker schlicht Opportunismus vor. Nachdem sie im Studium Mitglied bei den Liberaldemokraten war, wechselte sie nach ihrem Abschluss zu den Konservativen, für die sie 2010 ins Parlament einzog. Mit einer Reihe von Posten als Bildungs-, Finanz- und Justizministerin wurde die 47-Jährige schnell zum Schwergewicht im Kabinett.

Doch vor allem ihr Wechselkurs im Streit um den Brexit brachte Truss viel Kritik ein: Nachdem sie sich zu Beginn noch für einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU stark gemacht hatte, wechselte die Politikerin kurz vor dem Referendum die Seiten und verkauft sich seither als große Brexit-Verfechterin – mit Erfolg. Kurz darauf ernannte sie Premier Johnson als erst zweite Frau zur britischen Außenministerin.

Dabei gibt sich Truss gerne als Reinkarnation der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher, eine Rolle, die sie bereits als junges Mädchen im Schultheater gespielt hat. Ob Fotos im Kampfpanzer oder Schleifenbluse in TV-Debatten – ein Merkmal der verstorbenen Premierministerin und Tory-Ikone – positioniert sich auch Truss als die echte "wahre Blaue". Sie selbst beschreibt sich als einzige Kandidatin mit einem "wahrhaft konservativen" Wirtschaftsplan, zudem verspricht sie "mutige Reformen" im Wohnungsbau sowie beim Abbau von Bürokratie und der Entflechtung von EU-Vorschriften.

Nicht nur ihre populistischen Forderungen erinnern dabei an Boris Johnson. Genau wie der abgetretene Premier, präsentiert sich auch Truss als Außenseiterin – obwohl sie seit acht Jahren selbst Regierungsmitglied ist. Auch mit Kritik an ihrem ehemaligen Boss hält sich die Konservative wohlweislich zurück – ganz im Gegensatz zu ihrem Konkurrenten.

Rishi Sunak: Vom Senkrechtstarter zum Underdog

Noch vor ein paar Monaten galt Rishi Sunak als aussichtsreichster Kandidat für den Posten des Premiers. Im Februar 2020 wurde der Stanford-Absolvent mit indischen Wurzeln Finanzminister in Johnsons Kabinett und musste innerhalb kürzester Zeit die britische Wirtschaft durch Corona-Pandemie und Lockdowns steuern. Seine persönlichen Umfragewerte gingen nach der Verteilung von Regierungshilfen durch die Decke.

Doch die öffentliche Meinung über Sunak hat sich gedreht – vor allem nachdem bekannt wurde, dass dessen wohlhabende Ehefrau ein legales Schlupfloch nutzte, um selbst Millionen an Steuern zu sparen (der stern berichtete). Obendrein muss sich der 42-Jährige mit einer Geldstrafe der Polizei auseinandersetzen, weil er im Juni 2020 bei einer der berühmt-berüchtigten Lockdown-Parties in der Downing Street zu Gast war.

Sunak verspricht der Kandidat zu sein, der Großbritannien rettet und die Inflation in den Griff bekommt. Doch seine finanzpolitische Sturheit gegenüber den steigenden Lebenshaltungskosten – sowie die erteilte Absage an Steuersenkungen – kommt in seiner eigenen Partei nicht gut an. Deutlich schwerer wiegt für viele konservative Parteimitglieder, die Entscheidung, die Sunak am 1. Juli traf. Mit seinem Rücktritt aus dem Kabinett brachte er die Steine ins Rollen, die Boris Johnson Tage später zwangen, seinen Rücktritt als Parteivorsitz und Premier zu verkünden. Die Unterstützerinnen und Unterstützer von Johnson – der bei den Tories noch immer Gewicht hat – kennen dafür nur ein Wort: Verrat.

Boris Johnson hinterlässt schweres Erbe

Wer auch immer am Ende das Rennen macht, viele Briten dürften erleichtert sein, dass es endlich vorbei ist. Noch bis Freitagnachmittag lief die innerparteiliche Abstimmung, das Ergebnis soll am kommenden Montag verkündet werden. Damit endet nun auch die skandalerschütterte Ära von Boris Johnson als Premier. Seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger soll bereits am Dienstag auf dem schottischen Schloss Balmoral von Queen Elizabeth II. empfangen werden – und anschließend im Regierungssitz in der Downing Street einziehen.

Viel Zeit zum Feiern dürfte der neuen Nummer eins allerdings kaum bleiben. Denn ganz gleich, wer am Ende in Johnsons Fußstapfen tritt: Fest steht, sie oder er wird eine Reihe an Problemen erben, wie kaum ein britischer Premier zuvor. Doch vielleicht sind weniger Parties – in diesem Fall – kein allzu schlechtes Omen.

Quellen: "Guardian", "BBC", "NY Times", "The Times", "YouGov-Umfrage", mit AFP-Material

Mehr zum Thema

Newsticker