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Meinung

Dominic Cummings: Lockdown-Affäre um Johnson-Berater: Absolution für den Schattenmann

Boris Johnson verteidigt seinen umstrittenen Berater Dominic Cummings, der gegen die Corona-Beschränkungen verstoßen hat. Und zeigt damit, wer wirklich das Sagen hat.


Dominic Cummings, Sonderberater des britischen Premierministers Johnson, verlässt die 10 Downing Street

 Dominic Cummings, Sonderberater des britischen Premierministers Johnson, verlässt die 10 Downing Street

DPA

Boris Johnson, der britische Premier, ist zuletzt immer mal wieder ins Stammeln geraten. Im Parlament führte ihn der neue Labour-Chef Keir Starmer gleich mehrmals vor – und Johnson sah danach nicht nur wegen seiner frisch überstandenen Corona-Erkrankung ziemlich schlecht aus.

Am Sonntag nun verteidigte Johnson seinen Top-Berater Dominic Cummings live und in Farbe am Stehpult von Downing Street – und gab eine ziemlich jämmerliche Figur ab. Jener Cummings hatte nach Recherchen von "Guardian" und "Daily Mirror" gleich mehrmals gegen die strengen Ausgangsbeschränkungen in Großbritannien verstoßen. Und das, obwohl er selbst unter Corona-Symptomen litt und schließlich auch erkrankte. Millionen Briten verbringen den im Vergleich zu Deutschland erheblich strengeren Lockdown daheim und waren dazu explizit von der Regierung aufgerufen worden. Für Cummings aber galten und gelten offenbar andere Regeln. Seine eigenen. 

Boris Johnson verteidigt Cummings 

Johnsons wichtigster Einflüsterer und Brexit-Architekt ignorierte all die Richtlinien, reiste zu seinen Eltern ins von London 430 Kilometer entfernte Durham, wurde hernach noch hier und dort gesichtet und rechtfertigte diesen Trip mit der Fürsorgepflicht für seinen Sohn. Das allein war schon hanebüchen und in des Wortes Sinne asozial. Hätte Dominic Cummings nur einen Funken Anstand, er wäre längst aus freien Stücken zurückgetreten. Statt dessen erinnert sein Verhalten an den Aphorismus “Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie“.

Zur kompletten und dreisten Farce aber geriet es durch Johnsons Absolution. Cummings, sprach der Premier allen Ernstes im Rahmen des täglichen Briefings, habe "legal und verantwortungsbewusst und mit Integrität gehandelt". Legal, verantwortungsbewusst, integer? Das ist purer Hohn und nichts anderes als eine schallende Ohrfeige für jene zig Millionen Briten, die sich seit Wochen pedantisch an die Vorgaben halten. Und es war zugleich der letzte Beweis dafür, wer in Downing Street wirklich den Ton angibt hat. Der sinistre Cummings nämlich. 

Abgeordnete fordern Rücktritt

Abgeordnete aller Parteien, auch der regierenden Tories, hatten am Wochenende in seltener Übereinstimmung dessen Rücktritt gefordert. Sie berichteten von empörten Anrufen von Bürgern. Johnson setzte sich schlicht darüber hinweg, erklärte nicht, entschuldigte sich erst recht nicht, wich auf entsprechende Fragen aus und stammelte schließlich nur noch Stanzen und Phrasen. 

Collage: Boris Johnson, Matt Lucas

Die britische Regierung hat in der Coronakrise von Beginn an ein armseliges Bild abgegeben. Sie spielte die Gefahren erst herunter, reagierte dann zu spät und wirkte hoffnungslos überfordert. Boris Johnsons Auftritt war ein weiterer Tiefpunkt in dieser an Tiefpunkten nicht eben armen Saga. Es dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der letzte sein. In wenigen Tagen biegen die Brexit-Verhandlungen in die Schlusskurve. Dafür braucht Boris Johnson seinen Cummings, den vielleicht mächtigsten Schattenmann der britischen Politik. Nick Newman, Karikaturist der "Sunday Times", brachte die Sache auf den Punkt. Er zeichnete einen Johnson, der sagt: "Ich kann Dominic Cummings so lange nicht entlassen, bis er mir es befiehlt." 

rw