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Auf Recherche im ukrainischen Lwiw: Der Krieg ist allgegenwärtig

Der aufkommende Nationalismus in der Ukraine passt der rechtsextremen Swoboda-Partei gut ins Programm, kritische Journalisten dagegen nicht. Das musste ein stern-Redakteur in Lwiw feststellen.

Von Tilman Müller

Vom Krieg nichts zu spüren, dachte ich im ersten Moment. In Lwiw, dem einstigen Lemberg der Habsburger Zeit, schien alles so zu sein, wie ich es zuletzt vor fünf Jahren erlebt hatte. Eine Altstadt mit prächtigen Fassaden, vielen Touristen und westlichem Flair, ähnlich wie etwa im polnischen Krakau. Heute jedoch gibt es in Lwiw für ein paar Euro unglaublich viele ukrainische Griwna - ein untrügliches Zeichen dafür, dass die gesamte Ukraine in eine Katastrophe schlittert. Wenn die Landeswährung dermaßen einbricht, wie das einst ähnlich mit dem Dinar auf dem Balkan geschah, dann weiß man: Hier herrscht ein Krieg, der tiefe Wunden schlägt.

Schon nach wenigen Stunden wird dieser Krieg immer deutlicher sichtbar, auch in Lwiw, 1000 Kilometer von der Front. In der griechisch-katholischen Kirche, gleich hinter dem zentralen Platz der Altstadt, steht ein riesiger Behälter aus Plexiglas, halb voll mit Griwna-Scheinen für "unsere Soldaten". Männer in gefleckter Kampfuniform stehen vor dem Gotteshaus, sie sind auf Heimaturlaub. "Morgen werde ich hier heiraten", sagt einer, "wer weiß, ob ich nochmal zurückkomme aus diesem verdammten Krieg." Das große Militärkrankenhaus der Stadt ist voll mit Verwundeten, ihre Bräute ziehen mit sorgenvoller Miene und dicken Essenstüten durchs Portal.

Park als Kriegsspiel-Zone

Dass in dieser Kriegsstimmung überall in der Ukraine der Nationalismus grassiert, passt der rechtsextremen Swoboda-Partei prächtig ins Programm. Einen ganzen Park, draußen in einem Neubauviertel von Lwiw, funktionieren die Rechtsradikalen kurz vor den Wahlen in eine Kriegsspiel-Zone um. Aus Lautsprechern dudelt Militärmusik, Uniformierte machen Gefechtsübungen und oben in der Kanzel eines Panzerspähwagens hantieren Kleinkinder mit dem MG. Ich gehe auf eine blonde Dame zu, nicht wissend, dass sie die bekannte Swoboda-Abgeordnete Iryna Farion ist, frage sie: "Was haben denn diese Knirpse mit dem Krieg zu tun?" Die Antwort: "Weil wir unsere Kleinen nicht schon früher rechtzeitig zu Kriegern erzogen haben, sterben jetzt unsere Leute im Osten." Eine ziemlich krude Darstellung der Dinge, wie ich fand. Es kommt zu einem kurzen Wortwechsel, dann wendet sich die Swoboda-Frau ab.

Zwei Tage später indes informiert mich eine Bekannte, Frau Farion habe einen Blog über unsere kleine Unterredung im Park verfasst, der mir bestimmt nicht gefallen würde. Im Hotel öffne ich meinen Computer, informiere mich erst einmal über die Rechtspopulistin. Die 50-jährige Sprachwissenschaftlerin, einst KP-Mitglied und heute Swoboda-Abgeordnete im Kiewer Parlament, ist berüchtigt für ihre unsäglichen Sprüche. Als im Mai beim Massaker von Odessa 38 russische Separatisten in einem in Brand gesetzten Gebäude umkamen, schrieb sie in ihrem Blog: "Bravo Odessa ... zur Hölle mit den Teufeln."

Swoboda mit Verlusten in Umfragen

Ihr aktueller Blog: "Die warme, familiäre Atmosphäre" bei der Swoboda-Veranstaltung im Park, schreibt sie, sei gestört worden von einem "seltsamen Gast aus Deutschland, angeblich ein Journalist, dessen Fragen in mir einen inneren Proteststurm auslösten, wie das immer bei mir der Fall ist, wenn ich Abkömmlingen von Adolf (Hitler) begegne." Und dann noch: "Ich fragte diesen keuschen Pazifisten, dessen Vorfahren den Zweiten Weltkrieg starteten, was er seinen eigenen Kindern sagen würde, wenn Moskau in Deutschland einmarschieren würde ... Da starrte er mich an, als sei ich eine Außerirdische." Frau Farins politische Argumentationen sind in der Tat höchst seltsam. Ihre Partei, die zwar den Majdan mittrug, war mir schon immer suspekt, da sie mit dem französischen Front National und anderen Rechtsradikalen in Europa paktiert. Doch neuesten Umfragen zufolge wird Swoboda bei Parlamentswahlen am kommenden Sonntag Verluste hinnehmen müssen und eventuell nicht mehr im Kiewer Parlament vertreten sein. Das kann ich nur hoffen.

Die Reportage von Tilman Müller ...

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