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Massenproteste in Ägypten: Regime verhängt Ausgangssperre, Militär greift ein

Die Lage in Ägypten droht außer Kontrolle zu geraten. Nach den gewalttätigen Protesten hat die Regierung für die Städte Kario, Alexandria und Suez eine Ausgangssperre verhängt. Offenbar greift inzwischen auch das Militär ein, um den Widerstand der Demonstranten zu brechen.

Die Lage in Ägypten droht außer Kontrolle zu geraten. Nach gewalttätigen Massenprotesten hat die Regierung von Husni Mubarak am Freitag eine Ausgangssperre verhängt. Sie gelte in Kairo, Alexandria und Suez, hieß es im Staatsfernsehen. Die Entscheidung sei durch das Militär getroffen worden, das nun die Polizei unterstützen werde.

Augenzeugen zufolge ist bei Zusammenstößen mit der Polizei in der Stadt Suez östlich von Kairo sei ein Taxifahrer erschossen worden. Demonstranten hätten die Leiche eines Mannes durch die Straßen getragen, heißt es. Dabei habe einer aus der Gruppe gerufen: "Sie haben meinen Bruder getötet."

Dem Berichten zufolge starb der etwa 30 Jahre alte Mann, als die Sicherheitskräfte versuchten, eine Kundgebung mit tausenden Menschen aufzulösen. Die Demonstranten hätten dabei mehrere Polizeifahrzeuge und einen Polizeiposten angezündet. Demonstranten seien darauf in das Gebäude eingedrungen und hätten sich der dort gelagerten Waffen bemächtigt.

Friedensnobelpreisträger ElBaradei festgesetzt

Im Zentrum der Hauptstadt Kairo wurden dutzende Menschen bei Ausschreitungen verletzt. Mehrere Menschen kamen am Opernplatz blutüberströmt von Auseinandersetzungen mit der Polizei zurück. "Die Polizisten habe uns geschlagen", sagte der junge Zahnarzt Mustafa Sabag. Seine Hose war zerrissen, er trug einen provisorischen Verband, der mit Blut getränkt war. Ein anderer junger Mann sagte, im Zentrum habe es 60 Verletzte gegeben. Sie würden nach und nach mit Krankenwagen abtransportiert

Bei den vom Regime verbotenen Protesten wurde auch der Oppositionsführer und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei festgesetzt. Der Nachrichtensender al Dschasira berichtet, dass er nach dem Freitagsgebet von den Ordnungskräften am Verlassen einer Moschee gehindert wurde. Sie wurde von Sondereinsatzkräften der Polizei belagert. In umliegenden Straßen feuerten die Beamten Tränengas ab, so dass niemand das Gotteshaus verlassen konnte. Die Tränengasbehälter setzten mehrere Autos in Brand, mehrere Menschen erlitten Verbrennungen. ElBaradei hatte sich den Protesten angeschlossen und angeboten, eine Übergangsregierung zu führen.

Viele Tausende Ägypter waren in der Hauptstadt und anderen Orten dem Aufruf der Opposition gefolgt und haben nach dem Freitagsgebet gegen die Regierung und gegen Präsident Husni Mubarak protestiert. Nach Angaben von Augenzeugen setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas ein, um die Demonstranten auseinander zu treiben. In einigen Straßen patrouillierten gepanzerte Fahrzeuge, Soldaten feuerten laut Augenzeugen Schüsse in die Luft, um die Demonstranten zu zerstreuen. Diese harrten aber aus. Laut al Dschasira soll bei Auseinandersetzungen auf dem Moneim-Riyad-Platz ein weiterer Mensch ums Leben gekommen sein.

Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei

Al Dschasira meldete weiter, dass es auch in der südlichen Provinz Minia Proteste gegeben habe. Bei Demonstrationen in der Hafenstadt Alexandria sei es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen.

Am Freitagvormittag waren in Kairo laut Augenzeugen dutzende Menschen festgenommen worden. Vor allem auf dem zentralen Tahrir-Platz, auf dem Ramsis-Platz und im al-Isaaf-Viertel seien viele Menschen ohne weitere Begründung abgeführt worden. Die Polizei ließ sich in der Innenstadt von vielen Menschen die Ausweise zeigen. Zahlreiche Passanten wurden vor dem Freitagsgebet von den Beamten auch durchsucht.

"Notfalls direkt auf Demonstranten schießen"

Die Polizei hatte zudem angekündigt, die für Freitagnachmittag geplanten Protestdemonstrationen in Ägypten notfalls mit brachialer Gewalt verhindern zu wollen. "Die Polizei hat klare Anweisungen erhalten, jede Demonstration zu verhindern und notfalls auch direkt auf mögliche Demonstranten zu schießen", hieß es aus ägyptischen Sicherheitskreisen. Auf den großen Plätzen von Kairo fuhren am Vormittag gepanzerte Truppentransporter der Polizei auf.

Mehrere Oppositionsgruppen hatten die Bürger aufgerufen, nach dem Freitagsgebet von den Moscheen aus loszumarschieren. Auch die Christen sollten nach dem Kirchgang auf die Straße gehen. An die Spitze der Protestbewegung will sich der ägyptische Friedensnobelpreisträger elBaradei stellen, der jetzt in Kairo eintraf.

25 Islamisten-Führer festgenommen

Erstmals hat die Muslimbruderschaft ihre Anhänger aufgerufen, sich an den Protesten zu beteiligen. Es wird daher erwartet, dass bei den geplanten Großdemonstrationen, die am Mittag nach dem Freitagsgebet beginnen sollen, auch eine große Zahl von Anhängern der offiziell verbotenen Organisation gegen die Regierung demonstrieren wird. Sie hatte sich bei den Protesten, die das Land seit Dienstag in Atem halten, bislang zurückgehalten. Trotzdem wurden seit Donnerstag nach Angaben aus Sicherheitskreisen 25 führende Mitglieder der Islamisten-Bewegung festgenommen.

In weiten Teilen des Landes wurden die Internetverbindungen gekappt. Wie der US-Nachrichtensender CNN unter Berufung auf Webdienste, die das Funktionieren des Internets überprüfen, berichtete, waren die Server des Hauptanbieters in Ägypten am Freitagmorgen nicht erreichbar. Die Server für Webseiten der ägyptischen Regierung und der US-Botschaft in Kairo waren offenkundig unterbrochen. Auch Textnachrichten konnten nicht mehr mit Blackberry versendet werden. Webseiten wie Twitter, Facebook und der Email-Dienst von Google waren vollständig blockiert. Die vier großen Internetprovider - Link Egypt, Vodafone/Raya, Telecom Egypt und Etisalat Misr - stoppten den Datenverkehr kurz nach Mitternacht.

Eine offizielle Erklärung dafür gab es nicht. Beobachter vermuten jedoch, dass die Regierung dadurch den Demonstranten die Möglichkeit nehmen will, ihre politischen Botschaften über das Netz zu verbreiten und große Kundgebungen zu organisieren. Die Regierung hatte angekündigt, keine weiteren Proteste zu dulden. Jedoch seien Menschen in Kairo von Tür zu Tür gegangen, um ihre Mitbürger zur Teilnahme zu ermutigen.

kng/nik/DPA/AFP / DPA