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MENSCHENRECHTE: Handelsware: Kindersklaven »besser« als Drogen

Rund 200 000 Kindersklaven werden jährlich in Westafrika verschachert. Als Prostituierte, Feldarbeiter oder Haushaltshilfen schuften sie für Hungerlöhne.

Sie kommen nach tagelangen Fußmärschen über grüne Grenzen oder werden als zusammengepferchte Fracht auf Schiffen, Lastwagen und in Güterwaggons vorbeigeschleust. Mancher Transport endet tödlich. Und nur selten wird einer so bekannt wie im Fall des Sklavenschiffs »Etireno« vor einem Jahr in Benin. Nach seiner Irrfahrt war das Schiff mit über 200 für die Sklaverei bestimmten Kindern entlarvt worden. Doch 200 000 Kindersklaven werden nach Informationen internationaler Organisationen jährlich in Westafrika verschachert: Als Prostituierte, Feldarbeiter oder Haushaltshilfen schuften sie für Hungerlöhne, während sie von Bildung träumen.

Endstation ist Prostitution

Osamede Iguobaro etwa war gerade 14 Jahre alt, als sie auf einem Markt im armen nigerianischen Staat Benin von einer Frau angesprochen wurde: Für den in Aussicht gestellten guten Job nahm das Mädchen eine tagelange Reise quer durch Westafrika auf sich. Schließlich wollte sie hinterher gern zur Schule gehen. Als Osamede aber in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, auf die Weiterreise nach Italien vorbereitet wurde, begriff sie allmählich: Endstation der Reise sollte Prostitution sein.

Die Drahtzieher bekommt man meist nicht

Osamedes Fall ist nur einer von Hunderten, der mit Hilfe der Frauenorganisation »Girl?s Power Initiative« vor ein nigerianisches Gericht gelangte. Einer von zahlreichen aussichtslosen Fällen, wie Initiativgründerin Grace Osakue weiß: »Die Drahtzieher bekommt man in der Regel nicht«, sagt sie. »In manchen Regionen Nigerias gibt es in fast jeder Familie Erfahrung mit Kinderhandel - entweder ist es die eigene Tochter oder die einer Verwandten oder Freundin.«

41 Prozent aller Kinder arbeiten

Nach Berechnungen des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF) gehen knapp 41 Prozent aller Kinder zwischen fünf und 14 Jahren im Afrika unterhalb der Sahara regelmäßig einer Arbeit nach. Die UN-Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass ihre Zahl bis zum Jahr 2015 auf hundert Millionen steigt; das sind mehr als die Arbeitskräfte Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs zusammen. Die einen dieser Kinder zwingt ihr Überlebenskampf zu Arbeiten jeglicher Art. Andere werden für Hungerlöhne versklavt; oft von ihren eigenen Eltern. Sie erhoffen sich, dass ihre Kinder in einem reicheren Land ein besseres Leben führen oder mit viel Geld zurückkehren.

Kinderhandel blüht in armen Regionen

»Es ist kein Zufall, dass der Handel besonders in unseren Ländern blüht, in denen 40 bis 72 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt«, sagte die UNICEF-Regionaldirektorin für Zentral- und Westafrika, Rima Salah, auf einer Kinderhandel-Konferenz in Nigerias Hauptstadt Abuja. »Unsere Studien zeigen ganz deutliche Handelsrouten, die von Benin über die Elfenbeinküste, Gabun, Ghana, Mali und Nigeria bis Guinea und Niger führen.«

Einige Länder seien Versorger, andere Abnehmer, dritte wieder nur Transitländer. »In Regionen mit freien Grenzbestimmungen wie der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas ist für die Kontrolleure oft nicht nachvollziehbar, wo Kinder legal oder illegal reisen.« Besonders beliebt für den schwarzen Handel mit kleinen Sklaven sei die 1148 Kilometer lange Zugstrecke von Ouagadougou (Burkina Faso) bis Abidjan.

Billige Arbeitskräfte

»Der Handel blüht«, sagt dort eine westliche Diplomatin, »und er schlägt bereits das Geschäft mit Drogen.« In armen Ländern wie Benin oder Mali etwa kaufen Händler bedürftigen Eltern ein Kind für umgerechnet rund 16 Euro ab. Für etwa 330 Euro verkaufen sie es in Gabun weiter. Dort wird es, mit geändertem Namen, eine unbezahlte Arbeitskraft. Nach einem UNICEF-Bericht wurden allein vor drei Jahren rund 15 000 Kinder aus Mali an die Elfenbeinküste verschleppt, um dort als billige Arbeiter auf Kakao- und Kaffeeplantagen zu schuften.

Antje Passenheim