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Merkel-Reise: Lateinamerika nicht mehr als ein Traum

Lateinamerika hat für deutsche Politiker noch nie eine große Rolle gespielt. Nur manchmal träumen sie gerne davon. Wie Angela Merkel, die nun durch Brasilien, Peru, Kolumbien und Mexiko tourt. Dass es ihre bislang längste Auslandsreise als Kanzlerin ist, sagt nichts über die Bedeutung des Halbkontinents.

Von Toni Keppeler

Es ist die längste Auslandsreise der Angela Merkel in ihrer Funktion als Bundeskanzlerin. Vom 13. bis 20. Mai ist sie unterwegs: Brasilien, Peru, Kolumbien, Mexiko. Ein Traum. Ein paar Tage vor ihrem Abflug, bei einem Lateinamerika-Kongress der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, kam die Regierungschefin ins Schwärmen: "Jeder, der träumen kann und die Augen schließt, der hat so Vorstellungen, wo er in Lateinamerika gerne noch hin möchte."

Nach Rio de Janeiro zum Beispiel, der ersten Station der Kanzlerinnen-Reise. Der Zuckerhut. Der Strand von Copacabana. Bronzefarbene Frauen in atemberaubenden Bikinis und Männer mit durchtrainierten Körpern. Am Abend ein paar Caipirinhas in einer Bar unter freiem Himmel. Dahinter, im Dunkel der Nacht hell angestrahlt, die über der Stadt thronende Christus-Statue mit den ausgebreiteten Armen. Lateinamerika, sagte Merkel vor ihrem Abflug, sei "ein landschaftlich wunderbarer Kontinent". Fast wollte man glauben, die Kanzlerin nutze die Woche nach Pfingsten für ein paar Tage Urlaub.

Hälfte ihrer Reise verbringt sie im Flugzeug

Aber nein. Vier Länder in real sechs Tagen, das ist harte Arbeit. Denn Lateinamerika, weiß Merkel, "ist ein herausfordernder Kontinent, allein schon wegen der Entfernungen". Die Hälfte ihrer Reise verbringt sie im Flugzeug, begleitet von einer Hand voll Parlamentarier und knapp zwei Dutzend Geschäftsleuten. Die andere Hälfte schreitet sie über rote Teppiche oder sitzt an Konferenztischen. Viel herauskommen wird dabei nicht. Das Energieabkommen, das in Brasilien unterschrieben wurde, wäre auch ohne ihr Beisein zustande gekommen.

Das Gipfeltreffen zwischen Lateinamerika und der EU in Peru ist schon das fünfte seiner Art, und trotzdem spielt der Halbkontinent für Deutschland kaum eine Rolle. Die Zahlen sprechen für sich: Ganz Lateinamerika bezieht gerade 1,5 Prozent der deutschen Exporte. Von allem, was Deutschland importiert, kommt nur 2,2 Prozent aus Lateinamerika. Kaffee und Bananen und darüber hinaus nicht viel. Das wird sich auch nach dem Gipfel nicht ändern.

Die folgenden Stippvisiten in Kolumbien und Mexiko sind eher Höflichkeitsbesuche. Immerhin aber bieten sie dem Koalitionspartner SPD die Gelegenheit zu einer kleinen Stichelei. In Lateinamerika wurden fast alle Präsidentschaftswahlen der vergangenen Jahre von Sozialdemokraten oder Sozialisten gewonnen. Nur in Mexiko gewann mit hauchdünnem Vorsprung der konservative Technokrat Felipe Calderon. Und in Kolumbien regiert der rechtsliberale Alvaro Uribe, dem in diesen Wochen ein Skandal um Verbindungen zu rechtsradikalen Todesschwadronen immer näher auf den Leib rückt. Zwanzig der seine Regierung stützenden Parlamentarier wurden deshalb schon verhaftet, darunter auch ein Vetter des Präsidenten.

Warum nur, fragte die SPD irritiert, besucht die Kanzlerin ausgerechnet die letzten Repräsentanten einer derzeit auf diesem Kontinent aussterbenden Spezies? "Die Kanzlerin sollte die neue politische Realität Lateinamerikas zur Kenntnis nehmen", sagte SPD-Vorstandsmitglied Niels Annen. Von den links regierten Ländern dort könne Deutschland lernen, wie ein ungezügelter Kapitalismus zu bändigen sei.

Was die SPD von der Guerilla lernen will

So veranstaltete auch die SPD in der Woche vor Merkels Abflug einen Lateinamerika-Kongress. Als Gäste waren unter anderem Beatriz Paredes da, die Vorsitzende der Partei der institutionalisierten Revolution (PRI), die Mexiko sieben Jahrzehnte lang mit einem Filz aus Korruption und Vetternwirtschaft überzog. Und Mauricio Funes von der zur Partei gewandelten ehemals linken Guerilla FMLN aus El Salvador. Was die SPD wohl von denen lernen will? Die PRI hat die letzten beiden Präsidentschaftswahlen schmählich verloren. Und Funes will im kommenden Frühjahr Präsident eines Landes werden, in dem er nicht einmal davon träumen darf, Sozialpolitik nach dem Vorbild von Hartz IV zu machen, weil dies einen Aufstand der Oligarchie auslösen würde.

Aber eigentlich geht es der SPD gar nicht ums Lernen von Lateinamerika. Der Halbkontinent war früher - in den Zeiten des Che Guevara, des Salvador Allende und der Sandinisten - eine Projektionsfläche für die revolutionären Träume der deutschen Linken. Heute ist er nur noch die Leinwand für ein harmloses Schattenboxen zweier Koalitionspartner. Man kann ein bisschen sticheln und sich profilieren, aber es tut nicht weh und gefährdet schon gar nicht den Frieden in der Koalition. Und wenn Angela Merkel zurück ist von ihrer Reise, wird alles ganz schnell wieder vergessen.

Sie wird von Mexiko-Stadt zurück nach Berlin fliegen. Acht Stunden Zeitverschiebung liegen dazwischen. Während der ersten Tage zurück in der Heimat wird immer wieder Müdigkeit über die Kanzlerin kommen. Vielleicht schließt sie dann ganz kurz die Augen und träumt davon, wo sie gerne noch hingehen würde in Lateinamerika.