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Kalter Krieg: Britischer MI5 erlebte Panne, weil er die Ehefrau eines Topspions für eifersüchtig hielt

Harry Houghton war im Kalten Krieg ein Topspion in Diensten des polnischen und russischen Geheimdienstes. Jetzt veröffentlichte Geheimdienst-Akten zeigen: Hätte der MI5 auf Houghtons Frau gehört, hätte er den Spion Jahre früher stoppen können.

Szene aus dem Film Ring of Spies

Szene aus dem Film "Ring of Spies" mit Bernard Lee als Harry Houghton (li.), Margaret Tyzack als Ethel Gee und William Sylvester als Gordon Lonsdale alias Konon Molody.

Picture Alliance

Die Sache gehört sicher nicht zu den Ruhmesblättern in der Geschichte des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5. Zu dessen Aufgaben zählte in den Jahren des Kalten Krieges vor allem, Spione in Diensten der Ostblock-Staaten ausfindig zu machen und ihre Machenschaften zu stoppen. Ziel der Spionageabwehr in England war unter anderem ein Spionagering, der sogenannte Portland Spy Ring, der als "Ring of Spies" 1963 sogar zu Filmruhm kam. Der Ring war 1961 ausgehoben worden, seine Mitglieder waren festgenommen und verurteilt worden. Doch wie kürzlich veröffentlichte Geheimdienstakten belegen: Mindestens einer der Spione hätte viel früher gefasst und damit Schaden von der britischen Krone abgewendet werden können, berichtet die BBC.

Der Mann, um den es geht, heißt Harry Houghton. Er war Angestellter der streng geheimen Unterwasserwaffenfabrik in Dorset und als solcher in der Lage, streng geheimes Material über das britische U-Boot-Programm zu stehlen und es an den polnischen und den russischen Geheimdienst zu verraten. Genau das tat er, da er in seiner Zeit als Angestellter der britischen Botschaft in Warschau 1952 rekrutiert worden war. Als er zurück nach England ging, wurde Houghton an den KGB übergeben. Er gab zusammen mit seiner Geliebten Ethel Gee, die ebenfalls dem Ring angehörte, die höchst sensiblen Informationen an einen KGB-Offizier namens Gordon Lonsdale weiter. Houghton und Gee wurden 1961 gefasst und verbrachten 15 Jahre im Gefängnis.

"Ausgüsse einer eifersüchtigen Frau"

So weit, so gut - scheint es. Doch die nun veröffentlichten Akten, zu denen auch der Briefverkehr zwischen Houghton und Gee gehört, werfen die Frage auf, warum zumindest Houghton nicht schon viel früher gestoppt wurde. Denn nachdem der Spionagering aufgeflogen war, wurde auch Houghtons Ehefrau interviewt. Und die erzählte damals, dass sie schon acht Jahre zuvor Verdacht geschöpft hatte, als ihr Mann mit regelmäßigen Trips nach London begann. Nicht nur, dass er nach einer Rückkehr aus London Geld durch die Küche warf, es fanden sich plötzlich Papiere mit der Aufschrift "Streng geheim" in der Wohnung ebenso wie eine ungewöhnlich kleine Kamera. Zudem berichtete sie, Houghton habe einmal versucht, sie im südenglischen Portland Hill von den Klippen zu stoßen, und ein anderes Mal habe er im Suff gesagt: "Ich muss dich los werden, du weißt zuviel."

Sowjetische Briefmarke für den Spion Konon Molody

Der Spion Konon Molody wurde 1990 sogar auf einer sowjetischen Briefmarke gewürdigt.

1956, also fünf Jahre bevor der Portland Spy Ring ausgehoben wurde, soll sich Houghtons Ehefrau schließlich an dessen Arbeitgeber gewandt haben. Dort erzählte sie einem Vertrauensmann, ihr Ehemann gebe "geheime Informationen an Personen weiter, die diese nicht erhalten sollten." Ihre Nachricht verlief nicht im Sande, sondern wurde an den MI5 weitergegeben. Doch dort, wo man hellhörig hätte werden müssen, tat man die Sache als Racheaktion einer eifersüchtigen Ehefrau ab. Die MI5-Leute wussten, dass sich Houghton von seiner Frau getrennt und eine Affäre mit Kollegin Ethel Gee begonnen hatte. Ein Beamter schrieb: "Es wird als nicht unmöglich angesehen, dass die Gesamtheit dieser Anschuldigungen nichts anderes als die Ausgüsse einer eifersüchtigen und verärgerten Frau sind."

Statt Houghton ein viel größerer Fund

Ein fatale Fehleinschätzung. Der MI5 hätte fünf Jahre Spionage für den KGB verhindern können, hätte er nur auf die vielsagenden Hinweise auf Houghtons Ehefrau gehört. Doch letztlich trösten sich die britischen Spione damit, dass ihnen im Zuge der Sache Gordon Lonsdale ins Netz ging. Das war natürlich nicht sein richtiger Name, sondern der Name eines 1943 gestorbenen Kanadiers, dessen Identität die Sowjets für ihre Spione "übernahmen". Lonsdale war einer der "Illegalen" des KGB in Großbritannien, einer jener Spione, die im Kalten Krieg, getarnt als ganz normale Bürger, jahrelang in ihrem Zielland lebten. Sein wirklicher Name war Konon Molody. Er war der Mann, der hinter dem Portland Spionage Rings steckte.

Quellen: "BBC"