Mohammed Al-Sahaf Wider den tierischen Ernst


Krieg als höchste Form des Kabaretts. Mohammed Al-Sahafs virtuoser Umgang mit Worten und Wirklichkeit machte ihn weltweit zur Kultfigur.

Die einen wollen ihm den Grimme Preis verleihen, die anderen sehen ihn als Pressesprecher der Opec und zitieren ihn mit vorauseilender Wollust: "Der Treibhauseffekt ist ein Mythos, der von denselben Öko-Kriminellen erfunden wurde, die Grün, die heilige Farbe des Islam, gestohlen haben. Möge Gott auf ihre Windmühlen furzen!" Im Gespräch ist er als Angestellter des Monats bei Wal-Mart ("Die Ungläubigen werden andere Geschäfte als Wal-Mart betreten und Selbstmord begehen"), als Chef des Tourismus-Büros von Hongkong zu Zeiten der SARS-Seuche, sowie als Action-Koch in Las Vegas: "Live wird er sein berüchtigtstes Gericht zubereiten - gebratener Ungläubigen-Magen mit Trüffeln! Wenn es um das Schlachten und Grillen von Ungläubigen in genau der richtigen Gewürz- und Kräutermischung geht, gibt es keinen besseren als Mo!"

Mo ist Mohammed Said al-Sahaf,

62, einst Botschafter in Indien, Italien und bei den UN, dann Außen- und zuletzt Informationsminister des Irak, derzeit verschollen, von seiner weltumspannenden Fangemeinde zärtlich "Comical Ali" genannt. Am 8. April gab er die letzte seiner so wahnhaften wie wunderbaren Pressekonferenzen. Wie stets in korrekt gebügeltes Olivgrün gewandet, sprach er vor seinem zerbombten Amtssitz den unsterblichen Satz: "Es gibt keine amerikanischen Ungläubigen in Bagdad", während ihm auf der anderen Straßenseite eben diese in Gestalt von Marines ergriffen lauschten.

Indes sind der Sahafomanie verfallene Experten der Meinung, dass die Apotheose des Mo, nämlich sein schönster und surrealistischster Auftritt, tags zuvor stattgefunden hatte. Da waren die Ungläubigen gerade damit beschäftigt, mitten im Herzen der Hauptstadt und weithin sichtbar, drei Paläste Saddams in Trümmer zu transformieren, als unser einzig wahrer Mann in Bagdad, Barett auf dem Kopf, Brille auf der Nase, auf dem Dach des Hotels "Palestine" schwor, dass nichts von dem, was gerade passierte, gerade passierte. Die "geisteskranken" Amerikaner, für deren Präsenz es "absolut keine Anzeichen" gebe, würden stattdessen "zu Hunderten Selbstmord vor den Toren Bagdads begehen". Und: "Wie es unser Führer Saddam gesagt hat, wird Gott dafür sorgen, dass ihre Mägen im Höllenfeuer braten."

24 Stunden später war die Stand-upKanone verschwunden.

Sein letztes überliefertes Zitat - "Ich informiere Sie jetzt, dass Sie zu weit entfernt von der Realität sind" - gab noch schnell Antwort auf die Frage, die sich die "Berliner Zeitung" gerade gestellt hatte: "Ist Sahaf nur ein verständiger Anhänger der europäischen Postmoderne oder schlicht durchgeknallt?" Seither muss die arabophone Welt ohne seine Hilfe darüber rätseln, ob er mit seinem häufig gebrauchten Wort "aluj" "fette Zebras", "dicke Eselinnen" oder "Ungläubige" sagen wollte, und ob der Begriff "akrut" (Zuhälter, gemeint war Tony Blair) aus dem Persischen stammt, wie die saudische Zeitung "Asharq al-Awsat" mutmaßt, oder aus dem Türkischen, was die Konkurrenz von Al Hayat behauptet. Denn von Mo ("Lügen sind verboten im Irak") fehlt seither jede Spur. Und nicht nur der "Economist" trauert um jenen "wunderbaren Minister der Desinformation", an den man sich "mit Zuneigung erinnern wird".

Zwar stieß der "Daily Telegraph" auf den Sohn von Comical Ali, Osama (ausgerechnet!) al-Sahaf, seines Zeichens Arzt im irischen Dublin und von seinen Kollegen nur noch "Surgical Ali" geheißen. Der wusste zu berichten, sein Vater sei ein "guter und freundlicher Mann", doch mit seinem Wunsch, dass "wir jetzt alle in Frieden und Harmonie leben werden", disqualifizierte er sich für jegliche Nachfolge. Das klang allzu sehr nach Ari Fleischer oder B?la Anda, die in unserer tristen Welt wieder die Medienmacht an sich gerissen haben. Das hatte so gar nichts von der Nonchalance, mit der "Mo" die "pupsenden Menschen" aus Amerika und Britannien empfangen wollte: "Wir heißen sie willkommen. Wir werden sie abschlachten."

Seinen verwaisten Fans bleibt nichts als der Ankauf

von T-Shirts, Kaffeetassen oder Mousepads mit seinem Anlitz; eventuell vermag auch ein Kartenspiel mit ihm als Joker oder eine von der Firma Herobuilders hergestellte Puppe Trost spenden, die auf Knopfdruck einige der besten Sprüche von sich gibt. Ansonsten hilft nur die Flucht aus der Wirklichkeit ins Delirium, beziehungsweise ins Internet. Unter WeLoveTheIraqiInformationMinister.com wird des "Einzigen und Wahren" täglich frisch gedacht und die Hoffnung nicht aufgegeben, Sahaf könne sich eventuell in Disneyland aufhalten und den Selbstmord der Cartoon-Figuren überwachen. "Seine antifaktische Kunst ist anziehender als die banale Scheußlichkeit sicherer Quellen", heißt es dort. "Er steht über der Wahrheit."

Stefanie Rosenkranz print

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