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Mord an Präsidenten "Unsere unfähige Polizei fängt 20 Profi-Killer?" Mehr und mehr Haitianer glauben an eine Inszenierung

Mord an Präsidenten: "Unsere unfähige Polizei fängt 20 Profi-Killer?" Mehr und mehr Haitianer glauben an eine Inszenierung
Die USA haben keine Pläne, Haiti "zu diesem Zeitpunkt" militärische Hilfe zu gewähren, sagte ein hochrangiger Beamter der US-Regierung. Der Interimspräsident Claude Joseph hatte eine Anfrage auf Sicherheitsunterstützung an den US-Außenminister Antony Blinken am Mittwoch gestellt. Am Freitag versammelten sich Dutzende vor der US-Botschaft in Haiti, verzweifelt auf der Suche nach einem Weg aus dem Land nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moise. "Ich kann seitdem meine Augen nicht mehr zumachen. Ich kann nachts nicht schlafen. Ich musste hierher zur Botschaft kommen, weil ich Angst habe. Es gibt Schüsse und man weiß nicht, woher sie kommen. Ich habe mein Zuhause verlassen; ich kann nicht zurück. Ich weiß nicht, was mit meiner Familie ist." "Wenn man bedenkt, was im Land passiert ist, würde ich, wenn es möglich wäre, aus meinem Land fliegen. Sehen Sie sich an, was mit dem Staatsoberhaupt passiert ist. Ich kann nicht hier bleiben. Es ist wichtig, das Land zu verlassen." Seit dem Mordanschlag am Mittwochmorgen, ist das Land tiefer in eine politische Krise gefallen, die den wachsenden Hunger, die Bandengewalt und den Ausbruch von Covid-19 verschlimmern könnte.
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In Port-au-Prince herrscht nach dem Präsidentenmord angespannte Normalität. Doch über die offizielle Darstellung der Ereignisse macht sich Skepsis breit und der von einigen erhoffte Einsatz der USA bleibt aus.

Zwei Tage lang waren die sonst stets verstopften, lärmigen Straßen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince leer. Es herrschte Schockstarre. Im hügeligen Vorort Pelerin, wo Staatspräsident Jovenel Moïse in der Nacht zum Mittwoch in seiner Residenz erschossen worden war und die Polizei nun nach den Tätern fahndete, durchbrachen immer wieder Schüsse die gespenstische Stille.

Fünf Verdächtige noch auf der Flucht

Jetzt ist wieder so etwas wie Normalität eingekehrt – soweit man das von einer Stadt behaupten kann, die zu einem Drittel unter der Kontrolle brutaler Banden steht. Die Banken und Lebensmittelgeschäfte hätten wieder auf, berichtet die Landesdirektorin der Welthungerhilfe, Annalisa Lombardo. Als Ausländerin traue sie sich aber noch nicht vor die Tür. Es sind aufgebrachte Menschenmengen unterwegs, und die Regierung hat erklärt, dass die Attentäter Ausländer seien.

Fünf der insgesamt 28 Mitglieder der Kommandotruppe, die Moïse ermordet und seine Ehefrau verletzt haben soll, sind laut Polizei noch auf der Flucht. 20 seien festgenommen worden, drei getötet. Insgesamt 26 der Täter sollen kolumbianische Söldner gewesen sein; die übrigen zwei US-Amerikaner haitianischer Herkunft. Sie sollen sich als Agenten der US-Anti-Drogenbehörde DEA ausgegeben haben. Kolumbiens Führung hat 13 Ex-Soldaten des südamerikanischen Landes als mutmaßliche Beteiligte identifiziert.

Die zwei größten Fragen sind aber weiter offen: Wer hat den Mord in Auftrag gegeben? Und warum? Auch zum Ablauf der Ereignisse bleibt vieles ungeklärt. Warum haben beispielsweise die Sicherheitsleute, die Moïses Residenz bewachten, anscheinend keinen Widerstand geleistet? Sie blieben unverletzt.

Haitianer bezweifeln offizielle Version

Rätselhaft sei auch, meint Lombardo, dass das angeblich gut ausgebildete Kommando offenbar keinen Fluchtplan hatte. "Und dann wurden sie vom wütenden Mob mit bloßen Händen gefangen." Mehr und mehr Haitianer bezweifelten, dass die kolumbianischen Söldner hinter dem Attentat steckten, erzählt sie. "Es gibt ein deutliches Gefühl, dass etwas inszeniert worden ist."

Richard Widmaier findet es lachhaft, dass die sonst unfähige Polizei auf einmal 20 Profi-Killer innerhalb kurzer Zeit geschnappt haben will. "Das kauft ihnen keiner ab", sagt der Chef des Senders Radio Métropole. Es gebe auch Informationen, wonach die Kolumbianer in Wirklichkeit von der Regierung im Kampf gegen die Gangs im Juni angeheuert worden waren, in der Nacht zum Mittwoch zu Hilfe gerufen wurden und bei ihrer Ankunft den Präsidenten tot auffanden. "Es scheint, als seien sie diejenigen gewesen, die sie ins Krankenhaus brachten", betont er mit Blick auf die Präsidentengattin.

Es werde jetzt mit dem Finger auf verschiedene Personen als mögliche Hintermänner gezeigt, sagt Widmaier. Moïse habe viele Feinde gehabt. Der Präsident hatte erst am Montag den Neurochirurgen Ariel Henry zum neuen Interims-Premierminister ernannt. Dessen für Mittwoch geplante Vereidigung fiel wegen des Attentats in der Nacht davor aber aus, und sein Vorgänger, der Außenminister Claude Joseph, erklärte sich zum amtierenden Regierungschef. Manche Haitianer, darunter prominente Aktivisten und Politiker, vermuten nicht zuletzt wegen dieser zeitlichen Folge einen Putsch.

Soldaten in Tarnfleck und mit schwarzen Steifeln stehen um zwei gefesselte, am Boden liegenden Männer herum

Joseph wird von der internationalen Gemeinschaft als Ansprechpartner akzeptiert, Henry sieht sich aber als den wahren Premierminister. Weil Haiti seit gut eineinhalb Jahren kein beschlussfähiges Parlament mehr hat, kann keiner von beiden verfassungsgemäß bestätigt werden. Die zehn übriggebliebenen Senatoren haben jetzt den bisherigen Senatspräsidenten Joseph Lambert zum Übergangspräsidenten gewählt. Es zeichnet sich ein Machtkampf ab.

Der erste Herrscher des unabhängigen Haiti nach dem Sklavenaufstand, Jean-Jacques Dessalines, war 1806 ermordet worden. Vor Moïse ereilte zuletzt 1915 mit Vilbrun Guillaume Sam einen haitianischen Präsidenten dieses Schicksal. Es folgte kurz darauf eine fast 20 Jahre lange Besatzung Haitis, das sich die Insel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, durch die nahegelegenen USA.

USA wollen Haiti nur bei Ermittlungen helfen

Auch nach dem Putsch 2004 gegen Haitis ersten demokratisch gewählten Präsidenten, Jean-Bertrand Aristide, kamen US-Soldaten gemeinsam mit UN-Friedenstruppen, um die Lage zu beruhigen. Jetzt werden wieder Rufe nach einem stabilisierenden Eingreifen der USA laut. Die Regierung von Joseph hat die Ex-Besatzungsmacht gebeten, Truppen zu schicken, um Infrastruktur zu schützen, wie Wahlminister Mathias Pierre dem Nachrichtensender CNN sagte. Laut der "New York Times" aber wird das nicht geschehen: "Es gibt zur Zeit keine Pläne, US-Militärhilfe zu leisten", sagte ein US-Regierungsbeamter der Zeitung. Nur bei den Ermittlungen über die Tat werde das FBI helfen, heißt es beim zuständigen Ministerium.

Viele Haitianer sind ohnehin dagegen. "Wir wollen keine US-Truppen auf haitianischem Boden", twittert etwa die Aktivistin und Schriftstellerin Monique Clesca. Andere sehen darin die einzige Möglichkeit, dass die für den 26. September geplanten Präsidenten- und Parlamentswahlen stattfinden können – auch, weil Banden mit ihren Kämpfen um Gebiete zuletzt Tausende Menschen in die Flucht trieben, den Warenverkehr teilweise lahmlegten und den Süden des Landes praktisch von der Hauptstadt abschnitten.

Widmaier befürchtet angesichts der Bandengewalt und einer wütenden und hungrigen Bevölkerung, dass es zu verheerenden Ausschreitungen wie am Ende der Duvalier-Diktatur 1986 kommen könnte. In dem Fall würde er US-Truppen begrüßen, meint er. "Wir alle spüren, dass irgendwas passieren wird - dass es noch nicht vorbei ist."

nik DPA AFP

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