VG-Wort Pixel

Nach dem Referendum So sieht Schottlands Zukunft aus


Schottland gehört weiterhin zum Vereinigten Königreich. Doch der Konflikt bleibt ungelöst - trotz der Zugeständnisse aus London. Die Diskussion um die Unabhängigkeit ist noch nicht vorbei.
Von Michael Streck

Die Schotten haben sich mit ihrem historischen Referendum dafür ausgesprochen, im Vereinigten Königreich zu bleiben. Dafür sollen sie mit mehr politischer Eigenständigkeit belohnt werden, kündigte der britische Premierminister David Cameron an. Durch eine Verfassungsänderung soll die Region gestärkt werden. Politiker und Wirtschaftsvertreter in Europa begrüßten das Ergebnis. Doch einige Fragen bleiben.

Was sind die Zugeständnisse an Schottland?

Die großen Parteien einigten sich in ihrer Panik während der heißen Schlussphase des Wahlkampfs darauf, den Schotten entgegenzukommen und die "Barnett Formel" beizubehalten. Sie ist nach Lord Barnett benannt, der sie 1978 kreierte: Die Schotten profitieren danach bei den staatlichen Ausgaben und Zuschüssen überproportional - bis zu 16 Prozent oder 1600 Pfund mehr als die Bürger im übrigen Königreich.

Und das, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen in Schottland längst mit zu den höchsten in Großbritannien gehört. England subventioniert den Cousin im Norden jedes Jahr mit 4,5 Milliarden Pfund. Lord Barnett hält seine Kreation im Übrigen schon lange "für einen schrecklichen Fehler". Es sei eine nationale Schande. Aber die Schande wird nun fortgeschrieben.

Wie ist die künftige Machtverteilung?

Premier David Cameron kündigte an, dass er Lord Smith of Kelvin den Prozess der so genannten "devolution" anvertraut habe, also die Übertragung von Rechten an regionale Parlamente. Man habe die Stimme Schottlands vernommen, nun müssten auch Millionen Engländer gehört werden. Das wird kompliziert. Es geht unter anderem um die "West Lothian Question". Schottische, walisische und nordirische Abgeordnete haben im Parlament dieselben Rechte wie englische. Sie dürfen also auch über Fragen mitentscheiden, die lediglich das Territorium Englands betreffen.

Das führt schon mal zu Absonderlichkeiten: Schottische Abgeordnete stimmten vor zehn Jahren beispielsweise für die Erhöhung von Studiengebühren an englischen Universitäten. In Schottland ist das Studium für Einheimische und EU-Bürger kostenfrei. Englische Studenten aber müssen zahlen. Die Diskussion dürfte den Wahlkampf im kommenden Jahr bestimmen. Denn Schottland stellt 59 Abgeordnete in Westminster, 41 davon gehören der Labour Party an. Die Linken sind also am Erhalt des Status Quo interessiert, Konservative, vor allem aber die europafeindliche United Kingdom Independence Party (UKIP) stellen das Stimmrecht der Schotten in Frage.

Nie mehr Referendum?

Das ist große Frage. Camerons Idee war es, mit der Abstimmung die Diskussion über die Abspaltung ein für allemal zu beenden, "once in a lifetime". Den Terminus der historischen Chance griff auch Alex Salmond immer wieder auf. Allerdings fiel der Sieg der Union deutlich knapper aus als noch vor einem Jahr erwartet. Die Diskussion um ein unabhängiges Schottland wird also nicht verschwinden. Politiker und Politik-Experten gehen im Gegenteil davon aus, dass das Thema in wenigen Jahren wieder aktuell werden könnte.

Wie sieht die Zukunft von Schottlands Regierungschef Salmond aus?

Er ist der mit Abstand populärste Politiker des Landes und vielleicht der beste Taktiker und Redner auf der Insel überhaupt. Seine National Party gewann die letzten Wahlen für das schottische Parlament vor allem dank seiner Strahlkraft. Salmond hat sich komplett dem Kampf für die Unabhängigkeit verschrieben. Mit Nicola Sturgeon aber hat bereits seine Nachfolgerin aufgebaut, und sie es muss nach Salmonds Rücktritt nun machen.

Michael Streck


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker