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Schottland-Referendum: Kein "business as usual" mehr

Das "Nein" zur schottischen Unabhängigkeit ist eine historische Entscheidung - für das Vereinigte Königreich und für Europa. Auf der Insel wird sich vieles ändern, nicht nur in Schottland.

Von Michael Streck

Als Schottland aufwachte, war Schottland immer noch Schottland und das Königreich immer noch vereinigt. Ein Teil Schottlands wachte gar nicht auf, es wachte durch die Nacht. Schottland versammelte sich auf Plätzen und in Pubs und Gemeindesälen. Hunderte, vornehmlich Yes-Anhänger, warteten vor dem schottischen Parlamentsgebäude in Edinburgh, und irgendwann begann feiner Regen zu nieseln, und das passt zu ihrer Stimmung. Am Ende dann doch eben: No. 55 Prozent oder etwas mehr als 2 Millionen stimmten für den Verbleib, 45 Prozent oder etwas mehr als 1,6 Millionen für die Unabhängigkeit.

Und doch es war ein Sieg der Demokratie, von den knapp 4,29 Millionen Wahlberechtigten stimmten fast 87, Prozent ab, das eine Art Weltrekord. Und etwas, auf das beide Seiten mit stolz verwiesen. Schottland war für 24 Stunden "Top of the world" bei #link;www.stern.de/digital/google-90265891t.html;Google# und Twitter, weiter unten im Süden an der Börse kletterte das Pfund auf ein Rekordhoch, und für einen Moment klang das dort nach "business as usual".

Aber nichts ist mehr business as usual. Weder in Schottland noch im Rest des Landes. Das schottische Referendum hat zwar die Grenzen der Nation nicht verändert, aber sehr wohl die Statik. Es sprach am frühen Morgen um kurz nach sechs in Edinburgh Schottlands First Minister Alex Salmond. Er sah müde aus, enttäuscht auch. Aber nicht niedergeschlagen. Salmond deutete an, das Volk habe sich „zu diesem Zeitpunkt" gegen die Unabhängigkeit entschieden, im Subtext – das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Dann telefonierte er mit Premier David Cameron.

Cameron wirkt müde aber erleichtert

Kurz darauf stellte sich Cameron vor ein Rednerpult in der Downing Street. Auch er sah müde aus, erleichtert zwar, aber nicht unbedingt wie ein Gewinner. Und auch er deutete an, dass sich seine Nation verändern werde - mehr Befugnisse nicht nur für Schottland, sondern auch für die großen Städte und Regionen Großbritanniens. Er sagte: "Wir haben Euch gehört", und er meinte damit nicht nur die Menschen in Schottland, sondern auch die in Wales, in den Midlands und im Norden. Es ist der erste Schritt in Richtung Föderalismus. Im gesamten Königreich. Und er ist überfällig.

Der erste Schritt wurde im hohen Norden getan. Yes hat nominell verloren, aber Schottland hat doch gewonnen. Das ist kein Widerspruch. Der schottische Novelist Ian Welsh, der Autor von "Trainspotting", schrieb von einer "krachenden Niederlage für die britische Elite". Er zielt damit auch auf jene Arroganz, die das Referendum erst möglich machte: David Cameron hatte vor zwei Jahren im sogenannten "Edinburgh Agreement" durchgesetzt, dass nur zwei Fragen auf dem Stimmzettel erscheinen sollten, Ja oder Nein – die Möglichkeit einer "devolution max", einer maximalen Regionalisierung schloss er aus. In der überheblichen Annahme, die Schotten würden mit großer Mehrheit und selbstverständlich in der Union bleiben.

Das war gewagt, wie man inzwischen weiß. Die Schotten bekamen a) ihr Referendum geschenkt und b) auf den letzten Metern in den vergangenen Wochen noch ein ganzes Paket an Eigenständigkeit dazu – Steuern, Wohlfahrt, noch größere fiskalische Selbstbestimmung. Im Prinzip fast alles, was die sie wollten. Es ist eine süße Niederlage für Yes.

Karneval der Demokratie

Und ein schwerer Sieg für No, weil sich das politische Establishment in Westminster viel zu lange in trügerischer Sicherheit wog. Die Umfragen sprachen lange für einen klaren Sieg, No lag zwischenzeitlich mit 25 Prozentpunkten vorn. Und also schlafwandelten die Eliten und auch die britischen Medien dem 18. September entgegen. Dazu passt die schöne Geschichte eines deutschen Ministerpräsidenten, der in Downing Street einen Termin hatte und sich bei der Gelegenheit danach erkundigte, ob auch in England lebende Schotten wählen dürften. Das konnte dort niemand auf Anhieb beantworten, und das ist nicht mal ein Jahr her. Die Realitätsferne wäre fast bestraft worden.

Anfang des Monats schließlich veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut YouGov eine Umfrage, in der es "Yes" erstmals knapp vorn sah, ein "Shock poll". Die Formulierung hat es in den politischen Wortschatz geschafft. YouGov-Chef Peter Kellner mochte seinen Augen zunächst nicht trauen. Sie prüften die Zahlen wieder und wieder. Und siehe, es war kein Fehler, und Panik befiel alle Parteien, vor allem die Konservativen. Es war der Tag, an dem in Westminster keine Toilette mehr frei war, wie der schottische Historiker Tom Devine erzählt und sich schüttelt vor Lachen, über die Abgeordneten, die Hosen gestrichen voll vor Angst, dass das Undenkbare doch passieren könnte: Unabhängigkeit.

Ein Schock für London, aber kein Schock für Menschen, die den Menschen zuhören, wie Dan Snow, auch Historiker, Engländer Verfechter der Union und ebenso wie sein schottischer Kollege Devine erstaunt und erschüttert über die bräsige Nachlässigkeit im Süden. Wo war die Passion? Wo war die Leidenschaft, die etwa Salmond und seine Yes-Leute trieb, die die Debatte in einen (im besten Sinne) Karneval der Demokratie verwandelten.

"Don’t leave us"

Es waren am Ende Leute wie Snow, die die Union retteten. Leute, denen auch Schotten abnahmen, dass ihr Bekenntnis zur Gemeinsamkeit nicht von politischem Kalkül getrieben wurde. Es waren Menschen wie der Londoner Peter, der sich "der anonyme Engländer" nannte und schweigend neben dem schottischen Nationaldenkmal in Edinburgh Stellung bezog und in Fußgängerzonen und schließlich vor Wahllokalen mit einem Schild und flehender Botschaft darauf: "Don’t leave us." Der betrübt und erschrocken war über die Weltferne Londons und sich in den Zug setzte mit seinem Schild. Er stand dann da in Schottland und wurde belächelt und auch bewundert und sagte nichts und flehte still: Bleibt bei uns.

Und es war ein ehemaliger Premier, Gordon Brown, abgewählt 2010 und hernach von der politischen Bildfläche verschwunden, der sich wieder aus dem selbst gewählten Exil wagte und ungewohnt empathische Reden hielt und Schotten wie Engländer begeisterte und den Stimmungsumschwung Richtung Union auf der Zielgeraden einleitete. Cameron, heißt es, habe seinen Labour-Vorgänger regelrecht lieb gewonnen in den vergangenen Wochen. Man könnte auch sagen: Gordon Brown hat dazu beitragen, dem politischen Rivalen den Job zu retten. Cameron wäre im Fall der Abspaltung als Premier kaum noch haltbar gewesen.

Schottland und Großbritannien verändert

Und nun? Yes hat verloren, formell. Und doch gewonnen. Ein ganzes Land hat monatelang diskutiert und debattiert. Millionen junger Menschen auf beiden Seiten haben Politik als spannend entdeckt und aktiv mitgestaltet. Der 18. September hat Schottland und Großbritannien verändert. Und bereichert.

Die Folgen des schottischen Referendums werden im ganzen Land spürbar werden. Mehr Rechte für die Regionen, ein föderaler Staat womöglich am Ende. Es ist ein Anfang, es geht in diese Richtung, unweigerlich. Westminster ist womöglich aufgewacht. Unsanft, aber immerhin und endlich. Der Rest des Landes muss dankbar sein. Die Schotten gingen gleich morgens zum Alltag über. Nieselregen aus tief hängenden Wolken, müde Aktivisten beider Seiten auf dem Weg ins Bett oder zur Arbeit. The Church of Scotland rief unterdessen zur Versöhnung auf von Yes und No.

Am Tag der Wahl stand der Yes-Aktivist Peter Garland vor dem Wahllokal am Charlotte Square in Edinburgh. Er hatte sich einen Monat lang beurlauben lassen von seinem Job in einer Marketing-Agentur. Peter hatte das Gefühl, er müsse das tun für sein Land. Neben ihm standen die Vertreter von "Better together" und ein paar Meter weiter der Engländer Peter mit seinem "Don’t leave us"-Plakat. "Versöhnung?“, fragte Peter Garland. "Wir sind Schotten. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Und wenn es vorbei ist, gehen wir alle in den Pub und trinken. So regeln wir das hier." Die Union lebt also weiter. Vorerst und bis zum nächsten Mal. Und das nächste Mal kommt ganz bestimmt. Irgendwann.