Nahost Vorbereitung für die Zeit nach Arafat


Palästinenserpräsident Jassir Arafat liegt offenbar in einem "irreversibeln Koma" und wird nur noch künstlich beatmet. Einige seiner Kompetenzen wurden auf Ministerpräsident Kureia übertragen. Hinter den Kulissen geht nun der Poker um Arafats Nachfolge los.

Angesichts des offenbar bevorstehenden Todes von Jassir Arafat sind führende palästinensische Politiker in Ramallah im Westjordanland zu einer Krisensitzung zusammengekommen. Außenminister Nabil Schaath sagte am Donnerstag, die Führung der Autonomiebehörde stehe in ständigem Kontakt mit dem Militärkrankenhaus bei Paris, in dem Arafat behandelt wird. Der französische Sender LCI meldete unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten Arzt, Arafat befinde sich in "irreversiblen Koma" und werde künstlich beatmet.

Um den Zustand des PLO-Chefs rankte sich am Donnerstagabend ein beispielloses Nachrichtenchaos. Französische Ärzte dementierten Berichte über den Tod Arafats. Arafats Berater räumten aber ein, dass der Zustand des Präsidenten sehr ernst sei. Dessen Leibarzt Aschraf Kurdi sagte, Arafat habe keinen Blutsturz oder Schlaganfall erlitten, und er sei nicht hirntot.

Offenbar soll Arafat auf Bitte palästinensischer Politiker so lange am Leben gehalten werden, bis eine Nachfolgelösung gefunden wurde. Möglicherweise spielen auch der Ort der Bestattung und der Zeitpunkt bei der zurückhaltenden Informationspolitik der Palästinenser eine Rolle. Nach muslimischer Tradition müssen die Toten binnen 24 Stunden begraben werden. Arafat hatte sich den Tempelberg als letzte Ruhestätte gewünscht. Ministerpräsident Ariel Scharon hatte jedoch bereits angekündigt, er werde nicht zulassen, dass Arafat in Jerusalem beerdigt werde. Nun läuft die Suche nach Alternativen offenbar auf Hochtouren.

Das PLO-Exekutivkomitee übertrug derweil Ministerpräsident Ahmed Kureia die Befugnis zur Erledigung dringender Finanzangelegenheiten, die normalerweise in der Hand Arafats liegen. Kureia und Schaath wollen am Freitag in den Gazastreifen reisen, um einen möglichen Gewaltausbruch zu verhindern, wie ein Mitglied der Autonomiebehörde mitteilte. In Kalkilija und dem Flüchtlingslager Balata bei Nablus demonstrierten insgesamt 2000 Palästinenser zum Zeichen der Unterstützung Arafats.

Scharon: Keine Beerdigung in Jerusalem

Die israelischen Streitkräfte wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Israel befürchtet beim Tod Arafats Ausschreitungen in den palästinensischen Gebieten. Die jüngsten Entwicklungen standen am Donnerstag im Mittelpunkt einer wöchentlichen Sitzung der israelischen Sicherheitskräfte, an der auch Verteidigungsminister Schaul Mofas teilnahm.

Nach Narkosespritze bewusstlos

Am Gesundheitszustand des 75-jährigen scheint nur gesichert, dass Arafat am Donnerstag ins Koma fiel. Sein Zustand habe sich am Mittwoch dramatisch verschlechtert, und er habe mehrmals das Bewusstsein verloren, sagte ein ranghoher Vertreter der Palästinenser in Paris. Ein palästinensischer Vertreter sagte unter Berufung auf Arafats Frau Suha, ihr Mann sei nach Verabreichung eines starken Narkosemittels für eine Biopsie bewusstlos geworden. Er erhole sich davon aber wieder.

Arafat war vergangenen Freitag aus Ramallah nach Paris gereist, um sich wegen einer mysteriösen Krankheit behandeln zu lassen. Am Donnerstagnachmittag stattete der französische Präsident Jacques Chirac Arafat einen Besuch ab. Vor dem Krankenhaus in Clamart harrten in der Nacht zum Freitag etwa 50 Menschen mit Kerzen und Arafat-Porträts aus. An einer Außenmauer der Klinik war eine große palästinensische Flagge befestigt. (AP)


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