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Namibia: "Die Weißen haben das Land geklaut"

Unter den weißen Siedlern in der einstigen deutschen Kolonie Südwestafrika herrscht Angst. Die Regierung Namibias will Farmen enteignen, um dort landlose Schwarze anzusiedeln.

Seine Umzugskisten hat Martin Wucher in Gedanken schon oft gepackt. Manchmal aus Frust, weil Diebe nachts wieder Holz von seiner Farm "Bergquell" geklaut haben, weil Wilderer Schlingen auslegten oder Zäune einrissen und Rinder wegtrieben. Meist aber ist es die Angst, die Wucher an den endgültigen Abschied von seiner Farm in Namibia denken lässt. "Die Angst vor Enteignung", sagt der 47-Jährige, "ist seit der Unabhängigkeit des Landes noch nie so groß gewesen."

25 seiner weißen, meist deutschstämmigen Farmer-Kollegen ist die Drohung einer Enteignung zugestellt worden. Per Brief, mit Polizei-Eskorte. Binnen 14 Tagen sollen sie der Regierung ein Verkaufsangebot unterbreiten, sonst sei die Farm weg. "Jeder von uns weißen Farmern hat diese Entwicklung befürchtet, aber keiner hat geglaubt, dass es so weit kommen würde. Jetzt heißt es: Es wird hier doch so wie in Simbabwe."

In Namibias Nachbarland fing es vor vier Jahren ähnlich an. Heute sind in der einstigen britischen Kronkolonie noch 200 von einst 4500 weißen Farmern übrig, viele von ihnen hat ein Mob von der Farm getrieben, manche wurden gelyncht.

"Ich kann der Nächste sein, der einen Brief erhält", sagt Martin Wucher. Seine Farm erstreckt sich in Zentralnamibia von den Bergen von Ovitoto bis zum Khomas Hochland, 9000 Hektar Buschsavanne, gut 700 Rinder. Die aus Bauschutt gebastelten Speere der Wilderer, die er im Lauf der Zeit gefunden hat, stehen neben der Wohnzimmertür. Darüber hängen knorrige Gewehre der Marke Krupp, die Wuchers Vorfahren in die damalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika brachten. Sein Uronkel Joseph kam 1904 als Soldat der Schutztruppe, Großvater Fritz vier Jahre später als landloser Siedler. Dessen goldene Taschenuhr schmückt die Wand an Wuchers Esszimmertisch, daneben Heiratsurkunde und Eheringe. Die Ringe zeugen von kräftigen Händen. "Wir sind eine typische Siedlerfamilie", sagt Wucher. "Aber wir sind die letzte Generation."

"Es ist unser Land. Unser Volk soll nicht noch länger leiden durch die großen Unterdrücker, die das gestohlen haben, was den Massen gehört. Wir meinen es ernst mit unseren Plänen. Es ist an der Zeit, dass wir um unser Land kämpfen", sagt Risto Kapenda, 44, Chef des mächtigen Gewerkschaftsbundes. Das kommt gut an im südlichen Afrika, wo Simbabwes Diktator Robert Mugabe populärer ist denn je. Er hat angekündigt, bis 2005 alle Weißen von ihrem Landbesitz zu treiben. "Das hat auch in Namibia das Volk aufgestachelt. Das hat Stimmung gemacht", sagt der Entwicklungssoziologe Henning Melber, ein deutschstämmiger Namibier, Ex-Mitglied der Regierungspartei Swapo (South West Africa People's Organization) und heute Direktor am "Nordic Africa Institute" im schwedischen Uppsala. "Die Menschen wollen die Früchte der Unabhängigkeit sehen, von der sie bislang wirtschaftlich wenig haben." Dass Mugabes Land heute mit Massenarbeitslosigkeit und 70 Prozent Inflation vor dem wirtschaftlichen Ruin steht und von einer Hungersnot bedroht ist - davon wollen viele Menschen in Namibia nichts hören. "Es geht ums Gefühl", sagt Melber. "Solange das kommerzielle Farmland zum Großteil von Weißen bewirtschaftet wird, ist die Kolonialgeschichte nicht zu Ende. Und darin sehen sie den Grund für ihre Misere."

4000 Farmen Namibias sind in weißer Hand - und damit 80 Prozent des kommerziellen Farmlands. Ein Drittel davon gehört den Nachfahren deutscher Siedler, der Rest Buren aus Südafrika. Das Nachbarland hatte Südwestafrika nach dem Zweiten Weltkrieg annektiert und dort 1948 die Apartheid eingeführt, die vor allem verantwortlich ist für den Hass auf die Weißen.

Wucher hat nichts gegen eine Landreform. Er weiß, dass eine Umverteilung notwendig ist. Sorgen macht ihm, dass Namibias Präsident Samuel Nujoma, 75, seine radikalen Parteigänger nicht zurückpfeift, sondern selbst gegen "kriminelle Farmer" poltert, die nun "den vollen Zorn des Gesetzes" spüren würden. Simbabwe gilt ihm als "leuchtendes Vorbild". Offiziell sollen die enteigneten Farmer marktgerecht entschädigt werden. Doch Scharfmacher wie Gewerkschaftsboss Kapenda halten es für ein Unding, dass die Regierung "gestohlene Güter zurückkauft". "Alle weißen Farmer haben ihr Land umsonst bekommen", sagt er. "Die sollen doch zu ihren Verwandten nach Europa gehen."

Wuchers Wurzeln liegen im Allgäuer Dörfchen Hasberg. "Meine Vorfahren kamen mit einem Koffer und sonst nichts. Am Anfang haben die in einer Lehmhütte gelebt", sagt er. Sein Uronkel wirkte mit am Aufbau des Telegrafennetzes, verdiente sich ein Zubrot mit Reparaturen aller Art. Dann machte er mit Wuchers Großvater, einem Feinmechaniker, eine kleine Werkstatt auf. Den ersten Titel Land kauften sie 1912 einem Schreiber der kaiserlichen Regierung ab. Der Mann hieß Habedank. So steht es in den Grundbüchern, die es damals schon gab. "Von Anfang an wurde alles in Grund und Boden gesteckt", sagt Wucher. "Immer wenn Geld da war, wurde Land dazugekauft."

Der heutige Besitz erstreckt sich fast bis an die Stadtgrenze von Okahandja, ursprünglich eine Siedlung des Herero-Stammes, wo vor 100 Jahren der Aufstand gegen die Deutschen begann. Der damalige Häuptling Samuel Maharero hatte sich, wie viele seiner Stammesbrüder, im Suff bei skrupellosen Händlern verschuldet und nach und nach große Flächen Weideland versetzt.

Doch Maharero ließ sein Vieh weiter auf 14000 Hektar verkauftem Land weiden. "Den Begriff Landbesitz gab es für die Hereros nicht. Land konnte man in ihrer Kultur so wenig besitzen wie Luft oder Sonnenschein", sagt Wucher. Als die neuen Besitzer die Rinder vertrieben, gab Maharero am 12. Januar 1904 den Befehl, alle Weißen zu töten, mit Ausnahme der Briten, der Buren und der Missionare. Innerhalb weniger Tage starben 120 deutsche Farmer.

Sieben Monate später, am 11. August 1904, stellten die Deutschen die Hereros in der Schlacht am Waterberg, massakrierten die Aufständischen, trieben Männer, Frauen und Kinder in ein Gebiet namens Sandveld, wo 60.000 von ihnen umkamen, fast zwei Drittel des Stammes. 15.000 Gefangene wurden in Konzentrationslager gesteckt. Für diesen Vernichtungskrieg hat sich bis heute kein deutscher Politiker entschuldigt, um dem Volk nur ja keine juristische Handhabe für das in New York anhängige Entschädigungsverfahren zu geben.

Samuel Mahareros sterbliche Überreste sind auf dem so genannten Heldenacker auf einer Anhöhe vor der Hauptstadt Windhuk beigesetzt. Namibias Präsident Samuel Nujoma ließ sich dort in Form einer bronzenen Statue verewigen, als acht Meter hoher Kämpfer, die Kalaschnikow mit aufgesetztem Bajonett in der Linken, die Handgranate in der Rechten. Für Nujoma markiert der Herero-Aufstand den Beginn des Befreiungskampfes, in dessen Tradition er sich sieht. 1990 führte er Namibia aus südafrikanischer Vormundschaft in die Unabhängigkeit. "Zuerst die Macht, dann das Land", war seine Losung. Die Macht hat er seit 14 Jahren, das Versprechen mit dem Land für die Armen aber hat er nicht eingelöst. In ihrer gesamten bisherigen Amtszeit hat die Regierung lediglich 138 Farmen für Ansiedlungsprojekte landloser Schwarzer erworben. Allein 2003 aber wechselten 186 Farmen in den Besitz reicher Schwarzer.

In Namibia gelten alle Schwarzen als "historisch benachteiligt" und sind daher bei der Umverteilung des Landes privilegiert: Bis 2020 soll ein Großteil des kommerziellen Farmlands in ihren Händen sein. Wer von ihnen es sich leisten kann, in mehr als 150 Rinder zu investieren, den versorgt der Staat mit billigen Krediten und räumt ihm für sämtliche Farmen das Vorkaufsrecht ein - selbst vor der eigenen Regierung, die jetzt die Enteignungen damit begründet, dass sie auf dem Markt kaum Farmen für die Ansiedlung Landloser fände.

Fast alle Minister haben heute ihre Farm, auch Staatssekretäre, Direktoren der Ministerien, Chefs der halbstaatlichen Firmen und jene postkolonialen Eliten, die mit staatlichen Konzessionen in kurzer Zeit sehr viel Geld angehäuft haben. Auch der Präsident verfügt über zwei Landgüter. "Wer heute dazugehören möchte, muss eine Farm haben", sagt ein hoher europäischer Diplomat. "Man sieht die Farm als Altersruhesitz. Aber vor allem ist sie ein Lifestyle-Attribut, sie erhöht das Sozialprestige."

Martin Wucher kennt einige der Life-style-Landwirte. Freitagmittags steigen sie in der Hauptstadt vom S-Klasse-Mercedes in den Geländewagen um und fahren auf ihre Latifundien. "Die dachten alle, Farmer sind reich, weil sie dicke Pick-ups haben. Aber wer selber anfängt, stellt bald fest, wie wenig Profit das abwirft", sagt Wucher. Namibias Land ist so karg, dass eine einzige Kuh oft 20 Hektar Fläche zum Überleben braucht. Vor allem wegen hoher Kosten für Bewässerung sind knapp 70 Prozent der weißen Farmen verschuldet. Wucher muss nebenbei als Zahnarzt arbeiten, weil der Hof allein die Familie nicht ernähren kann.

Erfolgsstorys

wie die von Sidney Martin sind die große Ausnahme. Der schwarze Namibier ist mit Fischereikonzessionen zu Geld gekommen und steckt viel davon in seinen Viehzuchtbetrieb, mit dem er vor acht Jahren anfing. Inzwischen gehört ihm die größte Simmentaler-Herde auf dem afrikanischen Kontinent, braun-weißes Fleckvieh, Rinder mit Schweizer Blut. Regelmäßig hält er auf eigene Kosten Informationsveranstaltungen für mittellose Neufarmer ab, die die Regierung auf Parzellen ehemaliger Großfarmen pfercht und dann ihrem Schicksal überlässt. "Denen fehlen die elementarsten Kenntnisse für das Gewerbe", sagt Sidney Martin.

Wucher kann sich davon vor der eigenen Haustür überzeugen. Unweit von "Bergquell" liegt ein ehemals weißer Besitz, den die Regierung schon vor Jahren von Landlosen besiedeln ließ. Zäune sind niedergerissen, die Weiden abgefressen, in den Windrädern der Wasserpumpen nisten Vögel. "Wenn eine Pumpe kaputtgeht, wird der Zaun zur nächsten Tränke niedergerissen. So geht das, bis nur noch die Pumpe funktioniert, von der sie selber trinken", sagt Wucher. "Und wenn eine Trockenheit kommt, fallen die Tiere auf der Weide reihenweise tot um."

Manche der neu Angesiedelten erwirtschaften knapp den Eigenbedarf. Die meisten sind schon nach kurzer Zeit abhängig von staatlicher Fürsorge, die mehr oder weniger regelmäßig Maismehlrationen zuteilt. Offiziell gibt es keine Angaben zum Erfolg oder Misserfolg der Ansiedlungspolitik, obwohl seit einem Jahr Experten eines so genannten Permanent Technical Teams (PTT) die Projekte unter die Lupe nehmen, finanziert mit 2,85 Millionen Euro aus der Staatskasse der Bundesrepublik Deutschland. Vorsorglich will die namibische Regierung Ergebnisse erst nach den Wahlen im November veröffentlichen. Aber ein wissenschaftlicher Berater der Kommission sagt: "Unsere Erfahrungen hier, in anderen Ländern Afrikas und auch in Brasilien haben gezeigt, dass eine Landreform, bei der nur umverteilt wird, die Armut nicht bekämpft. Das funktioniert nur, wenn die Reform Arbeitsplätze schafft." Bei den schwarzen Farmern passiert das so gut wie nie. Die Weißen wiederum investieren nur noch das Notwendigste. Manche bieten ihren Besitz zum Verkauf an. Arbeiter werden entlassen; an ihrer nahezu rechtlosen Situation hat sich nichts geändert, seit ihre Befreier an der Macht sind.

Internationale Fachleute fordern eine umfassende Agrarreform. "Jemanden auf eine Farm zu setzen, der vom Geschäft keine Ahnung hat, und darauf zu warten, bis er pleite ist, verlagert das Problem nur um zehn Jahre", sagt der britische Sozialwissenschaftler Robin Sherbourne, Direktor am Institute for Public Policy Research in Windhuk. In ganz Namibia könne man fünf Millionen Hektar Land urbar machen und zudem in den ehemaligen Reservaten helfen, deren Land, das überwiegend im fruchtbarsten Teil Namibias liegt, effizienter zu bestellen. Aber solche Überlegungen sind völlig unpopulär. "Landreform ist nicht nur wirtschaftlich zu verstehen", sagt Sherbourne. "Es geht darum, dass das Land von weißen in schwarze Hände wechselt." Nur das sichere den Applaus der schwarzen Massen.

240 000 Arme warten darauf, so die Regierung, dass ihnen endlich Land zugeteilt wird. Als Nujoma, der unter Druck der Jugendliga der Swapo und der Gewerkschaft stand, vor zwei Jahren ankündigte, 192 Farmer zu enteignen, erfasste eine Welle der Begeisterung die schwarze Bevölkerung. Es heißt, dass der namibische Präsident die Empfänger der Enteignungsbriefe persönlich ausgewählt habe. Auffallend viele der Betroffenen lagen im Rechtsstreit mit entlassenem Personal und der Gewerkschaft. Einer hat sich gerichtlich gegen illegale Ansiedlungen von Obdachlosen in der Nachbarschaft gewehrt. Ein anderer hatte die Gewerkschaft zu laut wegen radikaler Enteignungsforderungen kritisiert. Der offizielle Versender der Briefe ist Hifikepunye Pohamba, Minister für Landfragen. Er gilt als willfähriger Erfüllungsgehilfe des Präsidenten. 15 Briefe verschickte er eine Woche vor dem außerordentlichen Swapo-Parteitag im Mai 2004, auf dem er als Mann der Tat zum offiziellen Nachfolger Nujomas gekürt wurde. Weitere zehn ließ er eine Woche später folgen.

Bis heute ist kein Farmer enteignet worden. Die Verängstigung unter den Weißen ist dennoch groß; die Regierung lässt sie völlig im Unklaren, selbst jene, die sich mit einem Zwangsverkauf ihrer Farmen abfinden würden.

"Niemand weiß, wen es als Nächsten trifft. Das ist reine Willkür. Ich könnte viel besser damit umgehen, wenn die sagen würden, wir brauchen diese und jene Farm - und das war's dann", sagt Martin Wucher. "Man weiß ja nicht mal, ob die wirklich Entschädigungen zahlen."

Über Wuchers Farm hat sich die Dunkelheit gelegt. Der Hausherr scheint es nicht zu merken. Er macht kein Licht an. In Gedanken scheint er längst woanders zu sein. Ein Haus in Okahandja hat er schon vor einem Jahr gekauft. Seine Frau betreibt dort inzwischen ein kleines Geschäft. "Zum Glück haben meine Kinder keinen Bock, das hier alles mal zu übernehmen. Ich würde es ihnen verbieten", sagt Wucher. Durch seinen Kopf zucken Gedanken an Verwandte in Simbabwe, wo aufgepeitschte Arbeiter die Herrschaft der Nachbarfarm meuchelten, weil sie beim eigenen Boss Hemmschwellen hatten.

"Ich weiss von vielen Kollegen,

die ihre Einwanderungsunterlagen für Australien in der Schublade haben. Bei manchen läuft der Antrag schon", sagt Wucher. Er selbst denkt nicht daran. Noch nicht. Er setzt auf eine gemeinsame Zukunft von Schwarz und Weiß. Auch wenn ihm klar ist, dass die Regierung zumindest die angekündigten Enteignungen vor den Wahlen im November durchzieht, um ihr Gesicht vor der schwarzen Bevölkerung zu wahren.

Die Frage ist, was danach passiert. Ob es die Regierung weiterhin ablehnt, sich mit dem Farmerverband und auch der Opposition an einen Tisch zu setzen. Gesetzesänderungen, die eine schärfere Kontrolle der "unpatriotischen Medien" ermöglichen und vor "ausländischen Informations-Eindringlingen" schützen sollen, sind bereits im Gange. Und der Genosse Paulus Ilonga Kapia, 37, Chef der Jugendliga, hat in Sachen Landreform bereits angekündigt, "jeden Befehl zum Krieg auszuführen". Kapia: "Wir werden nicht zögern, mit unserem Blut für die Errungenschaften der namibischen Revolution zu bezahlen."

Wucher schüttelt den Kopf. Er überlegt laut, wo er selbst mal landen könnte, wenn alles doch schief geht. Deutschland? Das ist ihm so fremd wie Australien. Südafrika? Auch kein Garant für Stabilität. Er hofft, dass es ihm erspart bleibt auszuwandern. "Namibia ist meine Heimat", sagt Wucher. "Ich liebe das Land, die Natur. Das ganze Leben hier. Aber wenn sie mir meine Farm nehmen, sage ich: That's it, good luck." Nach einer langen Pause fügt er hinzu: "Wenn die Farm weg ist, dann ist das Projekt beendet. Dann geht es mir wie meinem Opa. Der hat für sich damals in Deutschland auch keine Zukunft mehr gesehen."

Joachim Rienhardt / print