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Nordkorea: Rasseln mit der atomaren Gefahr

Nordkoreas Bekenntnis, Atomwaffen zu besitzen, hat weltweit Besorgnis ausgelöst. Mehrere Staaten forderten das Land auf, wieder Verhandlungen aufzunehmen. Die Kim-Diktatur sucht nun offenbar den Schulterschluss mit dem Iran.

Nordkorea hat der Angst vor der Bedrohung durch Atombomben auf der koreanischen Halbinsel neue Nahrung geliefert. Mit der in so deutlicher Form noch nicht gemachten Erklärung, bereits über Nuklearwaffen zu verfügen, schwenkt das isolierte Land wieder geradewegs auf einen Konfrontationskurs mit den USA. Zugleich setzte Nordkorea seine Teilnahme an den internationalen Gesprächen über eine Beendigung seines Atomprogramms auf unbestimmte Zeit aus. Dabei hatte Nordkorea in den vergangenen Wochen Signale ausgesandt, die Südkorea und die USA durchaus zu der Annahme berechtigten, die Sechs-Länder-Gespräche könnten schon bald wieder aufgenommen werden. Doch die überraschende Doppelankündigung aus Nordkorea versetzte den Voraussagen und Hoffnungen einen schweren Dämpfer.

Eine Delegation von US-Abgeordneten hatte erst im Januar nach einem Besuch in Pjöngjang mitgeteilt, dass die Fortsetzung der Sechsergespräche eine Frage von Wochen sei. Auch Südkoreas Außenminister Ban Ki Moon äußerte sich zuletzt ähnlich zuversichtlich. Die Hoffnungen wurden noch dadurch genährt, dass US- Präsident George W. Bush in seiner jüngsten Rede an die Nation Nordkorea von direkter Kritik aussparte und lediglich erklärte, die US-Regierung wolle mit anderen Ländern in der Region Nordkorea davon zu überzeugen versuchen, auf sein Atomprogramm zu verzichten.

Doch Nordkorea blieb weiter konsequent bei seiner Forderung, dass Washington seine nach Pjöngjangs Ansicht "feindselige Politik" aufgeben müsse; eine Unterstellung, die die USA ebenso konsequent zurückweisen. Nordkorea reagierte jedoch jetzt verärgert auf eine Äußerung der neuen US-Außenministerin Condoleezza Rice, die das Land zusammen mit fünf anderen autoritären Staaten als "Vorposten der Tyrannei" gebrandmarkt hatte. Dies hat das Außenministerium in Pjöngjang am Donnerstag unmissverständlich als Grund dafür genannt, dass es vorerst nicht an den Verhandlungstisch zurückkommen werde. Die Bemerkungen von Rice erinnerten an die "Achse des Bösen", in die Bush Nordkorea vor drei Jahren eingereiht hatte.

Hatte Nordkorea in der Vergangenheit bewusst mit absichtlich zweideutigen Erklärungen über den Status seines Atomprogramms für Verwirrung gesorgt, so war die Erklärung über den Besitz eigener Atomwaffen dieses Mal eindeutig. Ohne internationale Inspektionen ist allerdings eine unabhängige Bestätigung dieser Aussagen nicht möglich. Doch Nordkoreas Drohungen mit dem Ausbau seines Nuklearwaffenarsenals zur Selbstverteidigung gehören zur Diplomatie des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il.

Nachbarländer fordern Ende des Atomprogramms

Mehrere Staaten der Region forderten Nordkorea umgehend auf, sein Atomprogramm einzustellen und wieder Verhandlungen aufzunehmen. Ein Sprecher Südkoreas sagte, sein Land werde ein Nordkorea mit Atomwaffen nicht tolerieren. Die Erklärung Nordkoreas legte in Seoul die Vermutung nahe, dass das Land die Atomwaffen im diplomatischen Pokerspiel nutzen will, um Washington zu Zugeständnissen zu zwingen. Dabei gehe es nicht nur um wirtschaftliche Hilfen und Sicherheitsgarantien, sondern auch um eine versöhnliche Geste von Seiten der USA, wie etwa die Entsendung eines hochrangigen Gesandten, meinen Beobachter.

Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi erklärte, es liege im Interesse Nordkoreas, das Forum der Sechs-Parteien-Gespräche zu nutzen. Auch China - der engste Verbündete Nordkoreas - betonte, es habe sich immer für eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel eingesetzt. UN-Generalsekretär Kofi Annan äußerte sich optimistisch, dass Nordkorea letztlich doch wieder an den Gesprächen teilnehmen werde. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder kritisierte die Erklärung. "Was sind das für Leute, die Geld für die Entwicklung atomarer Waffen ausgeben, ihre Kinder aber verhungern lassen?" sagte er. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte, er wisse nicht, ob Nordkorea wirklich über Atomwaffen verfüge. Der Sprecher des US-Präsidialamts, Scott McClellan, erklärte: „Wir haben diese Art von Rhetorik schon früher von Nordkorea gehört.“

Nach den Worten des australischen Ministerpräsidenten John Howard könnte Nordkoreas Erklärung allerdings übertrieben sein. Er gehe davon aus, dass Pjöngjang einen Bluff versuche, sagte Howard am Freitag. Er glaube, dass die Gespräche zwischen Nordkorea, Südkorea, China, Japan, den USA und Russland über das nordkoreanische Atompropramm fortgesetzt werden sollten, sagte Howard.

"Reichweite bis Tokio"

Experten zufolge dürfte Nordkorea über genügend Plutonium für eine kleine Zahl von Atombomben verfügen. Niemand könne jedoch sagen, ob das Land die Technologie habe, um eine derartige Waffe wirklich bauen und einsetzen zu können, hieß es. "Die meisten Leute vom Fach nehmen an, dass Nordkorea eine einfache Bombe mit einer Rakete innerhalb einer Reichweite einsetzen kann, die Tokio umfasst", sagte Gary Samore vom britischen Internationalen Institut für Strategische Studien.

Jetzt sucht das Regime offenbar auch den Schulterschluss zum Iran. In Grußbotschaften zum 26. Jahrestag der islamischen Revolution im Iran sicherte Pjöngjang der Regierung in Teheran ihre Unterstützung zu, wie die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur am Freitag meldete. Der Iran habe "tapfer alle Arten von Belastungen und Herausforderungen in den vergangenen 26 Jahren abgewehrt", heiße es in einer Botschaft von Parlamentspräsident Kim Yong Nam, der Nummer zwei in der nordkoreanischen Hierarchie. In einer weiteren Botschaft habe Ministerpräsident Pak Pong Ju die erfolgreiche Verteidigung der iranischen Souveränität gewürdigt. Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern würden ständig stärker.

Machthaber Kim Jong Il legt sich seit langem mit der Supermacht USA an, deren Präsident George W. Bush Nordkorea einmal zusammen mit dem Vorkriegsirak und Iran in eine Achse des Bösen eingereiht hatte. Kims Atomprogramm hält nicht nur die Region, sondern mittlerweile die ganze Welt in Atem. Nach der Logik Kims ist ein Atomwaffenarsenal die einzige Sicherheit dafür, dass die USA sein Land nicht angreifen.

Nordkorea ist gemessen an seiner Bevölkerung der am stärksten militarisierte Staat der Welt. Von den knapp 22,5 Millionen Einwohnern gehören 1,14 Millionen zur aktiven Armee, weitere 7,45 Millionen haben Reservistenstatus. Südkorea hat 650.000 Soldaten und drei Millionen Reservisten. Zusätzlich sind 37.000 US-Streitkräfte im Land.

Dämon und Halbgott

In ausländischen Medien wird Kim zum Teil dämonisiert, im eigenen Land wird er als eine Art Halbgott verehrt. Für viele bleibt Nordkoreas Machthaber eine rätselhafte Erscheinung. Über kaum einen anderen Herrscher in der Welt gibt es so wenig verlässliche Informationen wie über Kim, der am kommenden Mittwoch seinen 63. Geburtstag begehen wird. Das meiste, was die Außenwelt über den öffentlichkeitsscheuen Kim weiß, stammt aus der schier unerschöpflich erscheinenden Propagandamühle Pjöngjangs.

Auch nach nun mehr einem Jahrzehnt an der Spitze des Staates im Norden der koreanischen Halbinsel lässt sich über seine Politik oftmals nur spekulieren. Auguren, die Kim und dem Regime ein baldiges Ende voraussagten, wurden bisher Lügen gestraft. Auch der wirtschaftliche Ruin des Landes, Hungerkrise und die jahrelange Isolation Pjöngjangs hat Kim bisher überstanden. Über mögliche Zeichen eines beginnenden Machtverlustes wie etwa die Beseitigung von Porträts mit dem Abbild Kims gab es zuletzt widersprüchliche Berichte.

Die Spekulationen betreffen jedoch in wachsendem Maße auch die Frage der Nachfolge Kims an der Machtspitze. Im zentralen nordkoreanischen Rundfunk hieß es im Januar, Kim sei bereit, den Willen seines Vaters und früheren Staatschefs Kim Il Sung zu erfüllen, die Macht an Vater und Enkel zu übertragen. Das seien Anzeichen dafür, dass Kim einen seiner drei Söhne auf die Nachfolge vorbereitet, meinen Beobachter. Kim trat nach dem Tod seines Vaters 1994 die Nachfolge in der ersten kommunistischen Dynastie an.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters