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Obama beim G8-Gipfel: Auftritt des Weltenmannes

Trotz der aktuellen Abhöraffären und der Syrienkrise: US-Präsident Barack Obama beginnt seinen Kurzbesuch zum G8-Gipfel in Nordirland sowie in Deutschland betont gelassen - und mit Humor.

Von Martin Knobbe, Belfast

Die Umstände für den Besuch des G8-Gipfels hätten kaum schlechter sein können: Der Abhörskandal der NSA, über den die Welt seit Tagen spricht, dazu noch die neueste Meldung, dass beim letzten Gipfel auf britischem Boden Gipfelteilnehmer abgehört worden waren; die quälende Syrienfrage, die den amerikanischen Präsidenten seit Wochen zaudernd und zögernd aussehen lässt, die bösen Seitenhiebe von Bill Clinton und Wladimir Putin. Und dann regnete es auch noch, als Barack Obama am Montagmorgen in der Air Force One auf dem Aldergrove International Airport in Belfast, Nordirland, landete.

Doch als der amerikanische Präsident eine knappe Stunde später mit leichter Verspätung in der Waterfront Hall auf die Bühne trat - kurz nachdem seine Frau Michelle gesprochen hatte -, wirkte er aufgeräumt, gelassen und sogar witzig. "Hallo Belfast, hallo Nordirland", rief er. Die meist jungen Besucher, herausgeputzt in weinroter Schuluniform oder marineblauen Anzügen, applaudierten und jubelten, so wie sie es Minuten zuvor mit einem Moderator geübt hatten.

"Ihr seid die Blaupause für die anderen"

Obama erzählte von seinem ersten Besuch in Irland, vor zwei Jahren, von seinem Ur-Ur-Ur-Großvater, der in einem Kaff namens Moneygall geboren worden war. Er habe damals einen entfernten Cousin getroffen, erzählt Obama. "Ich wusste, dass er mein Cousin war, weil er die gleichen abstehenden Ohren hatte wie ich." Michelle habe dann noch gelernt, wie man anständig ein dunkles Bier zapft, "es war ein magischer Besuch."

Zu den Abhörskandalen seines größten Geheimdienstes sagte der amerikanische Präsident kein Wort, genauso wenig wie zu den schwierigen Verhandlungen, die in den kommenden zwei Tagen in Nordirland auf ihn warten. Stattdessen beschwor Obama die gemeinsame Geschichte Irlands und der Vereinigten Staaten von Amerika, "verbunden durch Blut und Glaube, durch Kultur und Kommerz." Er lobte den wirtschaftlichen Wandel Nordirlands und dem Erfolg, dem einstigen Terror abgeschworen zu haben. "Ihr seid die Blaupause für die anderen", sagte Obama. "Ihr seid die junge Generation, ihr müsst uns immer wieder daran erinnern, dass Frieden möglich ist, und an die Hoffnung - immer wieder, immer wieder, immer wieder."

"Friede ist in der Tat härter als Krieg", zitierte er dann den irischen Autoren Colum McCann. Nordirland sei heute ein Vorbild für Großbritannien, für Europa, "für die ganze Welt." Da war er wieder, Obama der Weltmännische, der Grundsätzliche, der Redner. Der, der die aktuellen Krisen einfach durch das große Wort verdrängt, der mit Rhetorik seine Zuhörer für sich gewinnt.

Beratungen noch vor dem Gipfel

Nach der Rede stieg der amerikanische Präsident in seinen Regierungshubschrauber, die Marine One, der ihn zum G8-Gipfel in den beschaulichen County Fermanagh brachte. Dort trifft er sich noch vor Eröffnung des Gipfels zu Gesprächen mit dem britischen Premierminister David Cameron, mit Jose Manuel Baroso, den Präsidenten der EU-Kommission und mit Herman Van Rompuy, dem Präsidenten des Europarates. Auch ein bilaterales Treffen mit dem russischen Präsidenten, Wladimir Putin, ist am Nachmittag geplant. Das Verhältnis der beiden gilt schon länger als eisig, fast so wie zu Hochzeiten im Kalten Krieg.

Die Frage, wie die Weltgemeinschaft auf den Syrien-Konflikt reagiert, wird das beherrschende Thema des G8-Gipfels sein. Obama, seit Wochen schwer in der Kritik wegen seiner eher bislang unentschlossenen Haltung, wird auf dem Gipfel jedenfalls weniger Enthusiasmus entgegen schlagen als am Morgen beim Auftritt vor seinen jungen irischen Fans.

Martin Knobbe