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Obama-Vize Joe Biden: Immer für einen Patzer gut

Für viele ist Obama-Vize Joe Biden schlicht ein Plappermaul und derber Witzbold. Beim TV-Duell hat er gezeigt, dass er auch anders kann. Wer ist die "tickende Zeitbombe", auf die der Präsident hört?

Von Nora Schmitt-Sausen, Boston

Joe Bidens verbale Patzer sind legendär. Manchmal sind seine Aussetzer so unpassend, dass sie nicht zitierfähig sind. Der 69-Jährige zählt eindeutig zum Schlag derer, die ihr Herz auf der Zunge tragen, anstatt nachzudenken, bevor es aus ihnen heraussprudelt. Selbst renommierte Blätter wie das "Time Magazine" warten mit einer Top Ten der Biden-"Gaffer" (Ausrutscher) auf. Die "Washington Post" kreierte jüngst gar ein "Joe Biden Gaffe-O-Meter".

Bei der feierlichen Unterzeichnung von Obamas Gesundheitsreform benutzte Biden vor laufenden Kameras das F-Wort. Bei einer Rede forderte er einen Senator auf, aufzustehen - doch dieser saß im Rollstuhl. Barack Obama machte er einst das zweifelhafte Kompliment, er sei "der erste Mainstream-Afro-Amerikaner, der sich artikulieren kann, gescheit und sauber ist".

Biden weint öffentlich

Auf den ersten Blick erschließt sich nur schwer, warum Obama, elitär, kühl, besonnen, sich gerade Biden als Vize aussuchte und auch mit ihm an seiner Seite um die Wiederwahl kämpft. Kritiker behaupten, Biden sei schlicht "dumb" - dumm. Doch Obama weiß, was er an Biden hat.

Rein äußerlich ist Joe Biden eher der Typ Mitt Romney: Akkurat frisiert, die Zähne weiß gebleicht, die Haut gebräunt. Doch hinter der glatten Fassade steckt ein Mann, der Tragisches erlebt hat. 1972 starben Bidens erste Ehefrau Neilia und seine einjährige Tochter Naomi bei einem Verkehrsunfall. Seine beiden Söhne (Jahrgang 1969 und 1970) wurden schwer verletzt. Das Erlebte hat Biden geprägt. Neben seinem Hang zu derben Sprüchen ist er für seine Emotionalität bekannt. Biden weint offen, wenn die Rede auf seine Familie kommt. Er lässt seinen Tränen freien Lauf, wenn er im Fernsehinterview über gefallene Soldaten im Irak spricht. Das macht Biden, sechsmaliger Senator des US-Bundesstaates Delaware, für manch einen zum "emphatischsten Politiker Washingtons".

Biden prescht bei Homo-Ehe vor

Doch andererseits: Mit seiner Unkontrolliertheit hat Biden seinen Präsidenten schon mehr als einmal in Bedrängnis gebracht. Der folgenschwerste Fauxpas passierte dieses Jahr. Es war Biden, der Obama zu dem riskanten Manöver zwang, sich in einem Wahljahr zum Thema Homo-Ehe zu outen. Biden hatte in einem TV-Interview gesagt, er fühle sich "absolut wohl" dabei, wenn Schwule und Lesben heiraten dürfen. Unter Druck gesetzt vom eigenen Vize musste Obama reagieren.

Obama war darüber ziemlich offensichtlich nur eines: not amused. Er sagte im US-TV, dass er seine Haltung lieber nach "seinen eigenen Bedingungen" öffentlich gemacht hätte. Biden sah sich daraufhin gar genötigt, sich in einem persönlichen Gespräch bei seinem Präsidenten zu entschuldigen.

Nach Bidens Fauxpas wurden Forderungen laut, die es schon nahezu gibt, seit er den Posten des Vize innehat: Er solle das Amt abgeben. Ein potentieller Nachfolger war in der Washingtoner Spekulationsküche auch schnell ausgemacht: die populäre Außenministerin Hillary Clinton. Doch Obama schob solchen Gerüchten deutlich einen Riegel vor.

Obama schätz Biden

Das Verhältnis von Präsident und Vize wird von loyal bis freundschaftlich beschrieben. In jedem Fall ist es ehrlich. Biden gilt als jemand, der seinem Präsidenten hinter verschlossener Tür offen die Meinung sagt. Als einer, dessen Rat und Erfahrung Obama sehr schätzt. Ein Faktor mit Seltenheitswert im Kabinett des Präsidenten.

Vor allem in der Außenpolitik baut Obama auf seinen Vize. Biden wurde vor vier Jahren ins Kabinett geholt, um Obamas Unerfahrenheit in der internationalen Politik abzufedern. Bei der Abwicklung des Rückzugs der US-Truppen aus dem Irak spielte Biden eine bedeutende Rolle, ebenso in der Debatte um den Krieg in Afghanistan und bei der Terrorbekämpfung. Obama folgte bereits mehrfach der außenpolitischen Einschätzung seines Vize.

Türöffner für den Präsidenten

Auch innerhalb des Washingtoner Politgefüges ist Biden für Obama wertvoll. Er kann in der Hauptstadt Türen öffnen, die dem Präsidenten verschlossen bleiben. Biden kennt den Politbetrieb in Washington in- und auswendig. Fast 40 Jahre lang saß er im Senat. Er ist kein Outsider wie Obama. Anders als sein Präsident pflegt Biden enge Kontakte zu Gouverneuren und Senatoren, auch zu republikanischen. In der dauervergifteten Atmosphäre zwischen Kongress und Weißem Haus ist das ein großer Pluspunkt.

Biden ist ein loyaler Fürsprecher seines Präsidenten. Wann immer es geht, stellt er demonstrativ dessen Charakter und Führungsstärke heraus. Den Befehl, Osama bin Laden zu töten, habe Obama letztendlich völlig allein gegeben, schwärmt Biden gerne. Und betont: Obama sei ein Mann mit stählernem Rückrat, "ein harter Hund".

Vize ist der "attack dog"

Im Wahlkampf gilt Biden als Obamas beste Waffe im Kampf um die Stimmen der weißen Arbeiter. Diese Amerikaner haben Schwierigkeiten, sich mit seinem Chef zu erwärmen. Biden dagegen ist ein anderes Kaliber. Mit seiner jovialen Art kann "Joe", wie er von vielen trotz seines hohen Amtes gerufen wird, bei Wählern punkten, für die der oft elitär wirkende Obama zu entrückt scheint. Biden ist eher einer von ihnen.

Und noch einen Vorteil hat Biden: Er kann eine Schärfe in seinen Aussagen wählen, die Obama nicht gut zu Gesicht stünde. Im demokratischen Wahlkampf kommt ihm deshalb die Rolle des Wadenbeißers zu, des "attack dog". Ein Beispiel: Nach kritischen Aussagen von Romney über Russland ("geopolitischer Feind Nummer eins") stellte Biden den Republikaner mit deutlichen Worten bloß. Romney sei gedanklich wohl noch im Kalten Krieg verhaftet.

Die Republikaner lauern gierig auf Bidens verbale Patzer und schlachten jeden genüsslich für ihre Zwecke aus. Laut US-Medienberichten sehen Mitglieder des Romney-Lagers in ihm eine "tickende Zeitbombe". Beim TV-Duell gegen den republikanischen Vizekandidaten Paul Ryan wirkte er ein ums andere Mal herablassend, nur sein loses Mundwerk hatte er unter Kontrolle. Aber der Wahlkampf dauert ja noch ein paar Wochen.

  • Nora Schmitt-Sausen