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Mikrostaaten - winzige Länder mit seltsamen Gründern: Vier sind das Volk

Mikronationen sind ziemlich seltsame Gebilde. Pseudostaaten, die von ziemlich seltsamen Leuten gegründet wurden. Ernst nimmt sie niemand - aber sie sehen toll aus - eine Weltreise in Wort und Bild.

Von Kester Schlenz (Text) und Leo Delafontaine (Fotos)

Willkommen in der Republik Conch, Key West, Florida, USA - benannt nach einer Seeschnecke

Willkommen in der Republik Conch, Key West, Florida, USA - benannt nach einer Seeschnecke

Wahrscheinlich hören Sie, liebe Leserinnen und Leser, den Begriff "Mikronation" in dieser Geschichte zum ersten Mal. Ging uns auch so. Dabei kennen wir alle so einen Kleinststaat aus unserer Kindheit: Lummerland. Bei dieser kleinen Insel mit zwei Bergen aus Michael Endes Klassiker "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" handelt es sich um eine astreine Mikronation. Sie ist sehr klein, hat aber einen König (Alfons, der Viertelvorzwölfte), der allerdings nur vier Untertanen hat. Einer davon ist übrigens ein kleiner, schwarzer Flüchtling, der über das Meer auf die Insel gekommen ist und auf Lummerland freundlich aufgenommen wurde. Das nur zur Erinnerung in Richtung Pegida.

So, jetzt wissen wir schon mal, wie so eine Mikronation in der Fiktion aussehen kann: ziemlich sonderbar. Im echten Leben sind diese Kleinststaaten kaum weniger skurril. Der französische Fotograf Leo Delafontaine hat eine ganze Reihe dieser bizarren Ministaaten bereist. Bis zum Jahr 2012 hatte auch er noch nie etwas von diesen sonderlichen Gebilden gehört. Bis er im besagten Jahr bei einer Reise auf die "Freie Republik Saugeais" in Frankreich stieß. Denn wer unweit der Schweizer Grenze im Osten Frankreichs unterwegs ist, trifft auf halbem Weg zwischen Potarlier und Morteau plötzlich auf eine geschlossene Schranke.

Ein Zöllner in einer schönen, blauen Uniform erscheint und fragt den verblüfften Reisenden nach dem Ausweis und gültigen Einreisepapieren. Denn der Tourist ist im Begriff das Gebiet der "Freien Republik Saugeais" zu betreten. Ein selbst ernannter Ministaat mitten in Frankreich mit immerhin elf Dörfern und fast viertausend Einwohnern. Allerdings drückte der Zöllner stets ein Auge zu und schickt die verdatterten Ausländer zu einer Räucherei auf dem Staatsgebiet, wo man leckere Wurst und selbstverständlich auch die fehlenden Papiere erstehen könne.

Nationalhymne mit acht Strophen

Die Gründungslegende des kleinen Staates besagt, dass das abgelegene Tal 1947 dem Hotelier Georges Pourchet sozusagen überstellt worden sei. Und zwar von einem französischen Präfekten, der in Pourchets Hotel vortrefflich gespeist und getrunken habe. In Weinlaune habe der Hotelchef den Präfekten gefragt, ob er denn überhaupt eine Einreiseerlaubnis für das Tal habe, das sich schon seit dem Mittelalter irgendwie sehr autonom fühlte. Daraufhin habe der Präfekt sich die Geschichte des Tals erläutern lassen, Sympathien für das autonome Begehren entwickelt und den Hotelchef mit sofortiger Wirkung zum "Präsidenten der Republik Saugeais ernannt."

Natürlich war das alles - wenn die Geschichte denn überhaupt stimmt - nicht ganz ernst gemeint, entwickelte aber eine ungeheure Eigendynamik und führte dazu, dass sich die Saugeaiser wirklich wie Einwohner einer eigenen Republik zu benehmen begannen. Zwar mit einem Augenzwinkern, aber eben auch mit einer Grenzschranke und eigener Nationalhymne (acht Strophen).

Benannt nach einer Seeschnecke

Léo Delafontaine war so fasziniert von dem skurrilen Treiben in dem Ministatt, dass er zu recherchieren begann, ob es noch mehr solcher Mikronationen gibt. Und er wurde fündig. Beinahe 400 existieren davon. In ganz unterschiedlicher Form. Delanfontaine beschloss, möglichst viele davon zu besuchen. Die Fotos dieser Reisen und jede Menge skurriler Begegnungen hat er in seinem Buch "Micronations" versammelt.

Wir finden dort zum Beispiel die Conch Republik. Im Grunde handelt es sich hier um das Gebiet von Key West im amerikanischen Florida. 1982 erklärte sich die dortige Stadtregierung allerdings aus Protest für unabhängig und nannte sich fortan nach einer Seeschnecke Conch Republic. Der Grund für die "Staaten"-Gründung war die Errichtung einer Kontrollstelle am Highway Nr.1 durch die amerikanischen Grenzkontrollbehörden.

Fürstentum Seborga, Regent: Giorgio I. (nicht im Bild)

Fürstentum Seborga, Regent: Giorgio I. (nicht im Bild)

Krieg erklärt und sofort kapituliert

Die wollten so gegen illegale Einwanderer vorgehen, behinderten aber auch den Tourismus am einzigen Landweg auf die Insel Key West. Grund genug, sauer zu sein. Die Conch Republic erklärte nach der Gründung umgehend den USA den Krieg, kapitulierte aber sofort wieder und bat die Vereinigten Staaten um eine Milliarde Dollar Wiederaufbauhilfe. Natürlich war es zu keinerlei Kampfhandlungen gekommen. Denn die Conch Republic teilt das Schicksal fast aller Mikronationen: Sie wird einfach nicht ernst genommen. Noch nicht mal von sich selbst.

Das geht auch dem Zwergstaat Molossia so, einer "diktatorischen Bananenrepublik", wie sie der Staatsgründer Kevin Baugh selbst nennt. Das wirklich sehr kleine Land liegt mitten in Nevada und besteht eigentlich nur aus Baughs Wohnsitz samt Grundstück. Für Elefanten gilt Anleinpflicht. Die Bevölkerung bilden Baughs Familie, fünf oder sechs Hunde und ein Hamster.

Keine Friedensverhandlungen mit der DDR

Zu einer gewissen Bekanntheit gelangte Molossia, weil Baugh am zweiten November 1983 der DDR den Krieg erklärte. Es kam glücklicherweise auch hier zu keinerlei Kampfhandlungen, aber der Kriegszustand dauert Baughs Meinung zufolge auch nach dem Mauerfall noch an, weil bei der Wiedervereinigung die Ernst-Thälmann-Insel vor Kuba vergessen worden sei. Die habe Fidel Castro 1972 der DDR geschenkt, und nun sei man halt mit der Insel im Krieg. Dass das Eiland unbewohnt ist (und tatsächlich nie zur DDR gehörte) sei unerheblich, aber auch der Grund, dass es keine Friedensverhandlungen geben könne.

Die Staaten, auf deren Gebiet die Zwerggebilde liegen, dulden das separatistische Getue meist, solange Steuern gezahlt werden und niemand wirklich die Freizügigkeit der Landeskinder einschränkt. Dies gilt auch für das Fürstentum Seborga. Das liegt im italienischen Ligurien, umfasst knapp fünf Quadratkilometer und hat 335 Einwohner. 1993 wurde das Fürstentum proklamiert. Treibende Kraft war der mittlerweile verstorbene Floristikunternehmer Giorgio Carbone, der mit einigen Gesinnungsgenossen der Meinung war, die Gemeinde sei nie Teil Italiens gewesen.

Der Wüstenherz-Ritterorden, heißbegehrt

Carbone gab sich kurzerhand den Titel Giorgio I., Principe di Seborga, regierte absolut und ernannte eine Regierung, die weder vom italienischen Staat noch von irgendeinem anderen Land anerkannt wurde. Mit Ausnahme anderer Mikronationen. Die Miniländer pflegen sich - wen wundert's? - nämlich recht gern wechselseitig anzuerkennen.

Und nicht nur das. Gelegentlich kommt es auch zu formellen Staatsbesuchen. So reiste Ende Mai 2011 der König von Calsahara zum Diktator von Molossia. Calsahara liegt in Westkalifornien und hat, so sagt es Fotograf Delafontaine, drei bis zehn Bewohner. Die Begegnung des calsaharischen Herrschers mit seinem molossischen Amtskollegen in Nevada wurde von der Weltöffentlichkeit ignoriert, führte aber in den betreffenden Mikronationen zu Jubelstürmen. Besonders gerührt war man in Molossia, dass der Gast ihren Präsidenten mit dem heißbegehrten Wüstenherz-Ritterorden auszeichnete.

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