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Meinung

Heimliches Video von FPÖ-Chef Strache: Wie b'soffene G'schichten auf Ibiza zur Staatsäffäre in Österreich wurden

Das heimlich gefilmte Video, das FPÖ-Parteiführer Heinz-Christian Strache zum Rücktritt nötigte, offenbart ein desaströses Sitten- und Charakterbild. Bundeskanzler Kurz hatte gar keine andere Möglichkeit, als Neuwahlen auszurufen.

Von David Baum

Der Screenshot aus dem Video zeigt Österreichs Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Fraktionschef Johann Gudenus

Der Screenshot aus dem Video zeigt Österreichs zurückgetretenen Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache (r.) und Fraktionschef Johann Gudenus.

DPA

Es waren dramatische Stunden auf dem Wiener Ballhausplatz. Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache hatte eben seinen Rückzug von allen Posten verlautbart, aber der Bundeskanzler wollte sich seit Stunden nicht äußern und schob den Termin seiner Pressekonferenz immer noch weiter nach hinten. Tausende Demonstranten waren erschienen und immer weiter an die Absperrung herangerückt, laut fingen sie in Sprechchören an, Neuwahlen zu fordern in Richtung des Amtszimmers von Sebastian Kurz. Dort wohin dieser sich stundenlang allein zurückgezogen hatte, um "nachzudenken", wie es hieß.   

Inzwischen ist er vor die Presse getreten und hat wie erwartet die Koalition mit den Freiheitlichen aufgekündigt. Er hob noch einmal seinen eigenen Langmut gegenüber dem nunmehrigen Ex-Partner hervor, "aber nach dem gestrigen Video muss ich ganz ehrlich sagen, genug ist genug."

Um diese Video dreht sich die Affäre:

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Österreich ist politische Skandale gewöhnt

Österreich ist an politischen Skandalen einiges gewöhnt. Sogar der Aufstieg der Freiheitlichen Partei in den Achtzigern ist ein Stück weit mit den massiven Verfehlungen und Korruptionsfällen der damaligen großen Koalition erklärbar. Umso absurder, dass ausgerechnet Vertreter der selbsterklärten "Anti-Korruptions-Partei" ihre Ämter schlimmer missbrauchten, als die Gegner zuvor. Besonders in der ersten Koalition im Jahr 2000 begannen FPÖ-Politiker umgehend damit, sich zu bereichern und den Staat in eine Art Kleptokratie umzufunktionieren. Es folgten eine Parteispaltung und Gerichtsprozesse, die sich bis heute ziehen. Der persönliche Erfolg des Heinz-Christian Strache war es, die Partei aus dieser Misere herauszuführen und öffentlich so zu präsentieren, als wären dies alles Verfehlungen von Jörg Haiders Bande mit der die erneuerte Partei selbst nie etwas zu tun gehabt habe. 

Natürlich sorgte auch die Freiheitliche Partei unter Strache in den anderthalb Jahren der Regierungszusammenarbeit mit der Neuen Volkspartei immer wieder für Skandale - die aber stets politischer Natur waren. Wer nun die bislang veröffentlichten Teile des geheimen Videos betrachtet, die Strache und seinen Vasallen Johann Gudenus dabei zeigen, wie sie einer angeblichen Oligarchen-Nichte die ungeheuerlichsten Geschäfte anbieten, sofern sie eine hohe Millionenspende tätige, fühlt sich einem bösen Deja-Vu-Erlebnis ausgesetzt. In seiner Rücktrittsrede erklärt Strache sein Fehlverhalten mit "alkohilisiertem Machogehabes". Aber natürlich ist das viel mehr, als nur das. Es ist ein tiefer Einblick in einen zweifelhaften Charakter, ein schauriges Sittengemälde. Er schwadroniert über seinen Plan, Österreichs Medienszene nach dem Vorbild von Orbans Ungarn umzubilden und äußert angeblich Gerüchte über das Sexualverhalten seinen Kabinettspartner Sebastian Kurz. 

Der Wiener Schmäh bietet schon herrliche Anmerkungen

Der üblich sarkastische Wiener Schmäh hat bereits herrliche Anmerkungen zu bieten – es heißt, selbst das grauenvolle T-Shirt, das sich über Straches Bauch in dem Video spannt, wäre auch ein Grund, die Koalition zu kündigen. Auf der Großdemo vor dem Ballhausplatz war laut das Eurotrash-Lied "We're going to Ibiza, we're gonna have a party" von den Vengaboys zu hören. Es fällt nicht allen Österreichern so leicht, die Sache mit Humor zu sehen.  

Ein wichtiger Aspekt an den Enthüllungen, die gleichzeitig im "Spiegel" und der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht wurden, ist das Zustandekommen des Videos, das Bundeskanzler Kurz als "verachtenswert" bezeichnete. Heinz Christian Strache hat vor seinem Rücktritt bereits das Storytelling für seine Partei vorgegeben: Ja, das was man da sehen muss, sei "peinlich", "dumm" und "katastrophal", dann die Art wie er hinters Licht geführt worden sei, erinnere ihn an den schwerkorrupten israelischen Spin Doctor Tal Silberstein, den die Sozialdemokraten im letzten Nationratswahlkampf engagiert hatten. Weiter schwadronierte er von Machenschaften ausländischer Geheimdienste und verwies auch auf Jan Böhmermann, der offenbar frühzeitig informiert war und schon vor Wochen bei einer umstrittenen Dankesrede auf einer Preisverleihung sagte: "Ich hänge gerade zugekokst und Red Bull-betankt mit ein paar FPÖ-Freunden in einer russischen Oligarchen-Villa auf Ibiza rum und verhandle darüber, ob und wie ich die Kronenzeitung übernehmen kann." Gerüchte, nach denen er selbst Initiator der Aktion gewesen sei, ließ der deutsche Comedian aber dementieren.  

Kurz hat schon den Wahlkampf eröffnet

Rätselhaft bleibt, wer tatsächlich hinter der Enthüllung stecken könnte. Und das ist keine gute Nachricht, denn solange nicht klar ist, wer mit zweifelhaften und recht sicher auch illegalen Mitteln das Video erstellen ließ, werden sich die Gerüchte weiter halten, ominöse internationale Mächte hätten den FPÖ-Star zu Fall gebracht. Wer immer diesen Scoop mit fragwürdigen Methoden gelandet hat, sollte auch so aufrecht sein und sich zu dieser Aktion zu bekennen - selbst wenn dies strafrechtliche Konsequenzen mit sich bringen könnte.  

Sebastian Kurz hat noch in seiner Rede, in der er das Ende der Koalition verkündete, den Wahlkampf eröffnet und die Österreicher mehr oder weniger gebeten, ihn mit einer eigenen Mehrheit auszustatten, in der er weder diese FPÖ noch die ungeliebten Sozialdemokraten benötigt. Erst in den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob der Skandal auch Sebastian Kurz beschädigt hat, der schließlich diese Leute in die Regierung geführt hat. Oder ob es ihm vielleicht sogar nützt, weil er sich als der zu inszenieren weiß, der die offenbar von einem Großteil der Wähler gewünschte rechte Politik umsetzt, aber eben ohne ständige rechtsextreme Patzer und Korruptionsfälle in den eigenen Reihen.

Was Heinz-Christian Strache anbelangt, ist eine außergewöhnliche und umstrittene politische Karriere nun unwiderruflich zu Ende. Er sollte sich eingestehen, dass er nicht über geheimnisvolle internationale Widersacher gestürzt ist oder gar durch eine Geheimdienstverschwörung, sondern ganz allein über sich selbst.

Im Video: Kanzler Kurz setzt auf Neuwahlen

Nach Skandalvideo: Kanzler Kurz strebt Neuwahlen in Österreich an – und schließt die meisten Koalitionspartner aus
tis